Er hat sich Zeit gelassen, jetzt wächst er rasant: Alle paar Tage entsteht ein neues Stockwerk des Turmes, der einmal die des 2001 zerstörten World Trade Centers ersetzen soll. Ganz glücklich sind die New Yorker nicht, weder mit der Gestalt noch mit dem Namen.

New York (dpa) - Phil ist ein Bauarbeiter, und eigentlich arbeitet er wie immer nur auf einer Baustelle. «Aber es ist diesmal etwas besonderes, etwas sehr besonderes», sagt er mit etwas gedämpfter Stimme. «Es ist eine Ehre!» Phil arbeitet, wie 3500 andere auch, am Ground Zero, am Bau des «1 WTC». Hier, am Schauplatz der verheerenden Anschläge vom 11. September 2001, wächst seit Jahren ein neuer Turm, der einmal das höchste Gebäude der USA sein soll - und trotzdem können sich die New Yorker nicht so recht für das Mammutprojekt begeistern.

Gleich, nachdem islamistische Terroristen zwei Passagierflugzeuge in die Türme des World Trade Centers gejagt hatten, wollten viele einen neuen Turm bauen, einen größeren, am besten den größten. Wir lassen uns von Terroristen nicht unterkriegen, sollte die Botschaft lauten - auch wenn viele einfach nur einen Gedenkpark wünschten. Doch dafür ist das Bauland an der vielleicht exklusivsten Stelle Manhattans zu teuer und deshalb lagen bald Entwürfe für einen Neubau auf dem Tisch - die allesamt als zu einfallslos abgelehnt wurden.

Eine zweite Ausschreibung musste her, dessen kühnstes Projekt 700 Meter in die Höhe gewachsen wäre. Doch es gewann der damals in Berlin lebende polnisch-israelisch-amerikanische Architekt Daniel Libeskind. Sein Entwurf erinnerte an die Freiheitsstatue und war elegant, verwegen, modern - ganz so, wie es die New Yorker mögen. Und er war mutig, groß und symbolträchtig - ganz, wie es viele Amerikaner mögen.

«Eine Bestätigung des Lebens» nannte Libeskind seinen Entwurf, doch es blieb beim Entwurf. Statt am fünften Jahrestag der Anschläge, also im September 2006, fertig zu sein, wurde er komplett überarbeitet. Aus der eleganten, aber schwer zu nutzenden Gestalt wurde ein schlichter, aber praktischer Turm. Zudem forderte die Polizei einen gewaltigen Betonfuß. Der «Bunker» macht das Gebäude sicherer, nimmt ihm aber die letzte Eleganz. Hinzu kommt, dass der «Freiheitsturm» nun «1 WTC» heißen soll. Schlichter geht es kaum.

«Das wird das sicherste Bürogebäude, das je gebaut wurde», beteuert Larry Silverstein. Der ist nach Donald Trump der bekannteste Immobilienmann New Yorks und hatte die Zwillingstürme für 3,2 Milliarden Dollar (damals 3,6 Milliarden Euro) für 99 Jahre gepachtet - sechs Wochen vor den Anschlägen. Seither bemüht er sich, die Buchstaben WTC wieder zu einem Geschäft zu machen. Keiner weiß so genau, was das Projekt eigentlich kosten soll. Drei Milliarden sollen es für den Hauptturm sein, vielleicht vier. Für das Gesamtprojekt aus fünf großen Gebäuden, selbst das zwei- und das dritthöchste wird schon höher größer als das Empire State Building - werden mal fünf, mal sieben, mal 15 Milliarden Dollar geschätzt.

Fraglich ist noch, wer auf die 1,3 Millionen Quadratmeter Bürofläche ziehen soll. «Das Leben ist nach Downtown zurückgekehrt», verkündete Silverstein Anfang August feierlich, doch viele Unternehmen waren nach den Anschlägen nach Midtown gezogen. Denn die Gegend um Grand Central ist besser zu erreichen, im Berufsverkehr kann das schon eine Stunde ausmachen. Und so sehr die Symbolik «WTC» lockt, so sehr schreckt sie auch ab: Viele Bewohner der Stadt haben Angst, in einem Büro im 60., 80. oder gar 100. Stock zu arbeiten.

Phil wird wohl niemals in einem Büro arbeiten und sich ganz sicher nie eine Wohnung in Südmanhattan leisten können. Aber das macht nichts, denn er ist stolz, am neuen Turm mitzuarbeiten. «Ich bin New Yorker und ich war hier, hier am World Trade Center, als wir angegriffen wurden», sagt er leise. «Und jetzt bauen wir einen viel schöneren Turm wieder auf. Die Trauer wird niemals vorbeigehen. Aber der Optimismus und der Mut, die sind längst zurück.»