Von Schumacher bis Nahles: Das waren die SPD-Vorsitzenden seit 1946

Nach dem Rücktritt von Partei- und Fraktionschefin Andrea Nahles sucht die SPD nach einer neuen Führung. Denkt man an den Vorsitz der SPD, fallen einem sofort Charaktere wie Willy Brandt oder Gerhard Schröder ein. Doch im Laufe der Jahrzehnte hatten viele Politiker dieses Amt inne. Wir stellen die SPD-Chefs seit 1946 vor. © spot on news

Dank seines organisatorischen Geschicks wurde Kurt Schumacher (1895-1952) nach Ende des Zweiten Weltkriegs schnell die unangefochtene Führungsfigur. Im Mai 1946 wählte ihn die SPD zum Vorsitzenden. Der frühere Reichstagsabgeordnete, der während der NS-Diktatur fast die gesamte Zeit in unterschiedlichen Konzentrationslagern saß, starb 1952 an den Spätfolgen der Inhaftierung.
Elf Jahre stand anschließend Erich Ollenhauer (1901-1963) zwischen 1952 und 1963 an der Spitze der SPD. Die Neuorientierung der Sozialdemokraten mündete 1959 in das sogenannte Godesberger Programm, das den Wandel der SPD von einer marxistischen Arbeiterpartei hin zu einer pragmatischen Volkspartei dokumentierte. Erst mit seinem Tod am 14. Dezember 1963 wurde sein Amt beendet.
Diesen Namen kennt jeder: Bis heute gilt Willy Brandt (1913-1992) als Übervater der Nachkriegs-SPD. Als SPD-Vorsitzender von 1964 an war Brandt noch bis 1966 regierender Bürgermeister von Berlin, danach Außenminister in der Großen Koalition, bevor er 1969 schließlich Bundeskanzler wurde. Auch nach seinem Rücktritt als Bundeskanzler 1974 blieb er noch 13 Jahre Vorsitzender der Partei. 1987 trat er zurück. Die SPD-Parteizentrale in Berlin ist nach ihm benannt.
Hans-Jochen Vogel (*1926) bezeichnete sich selbst immer wieder als "Übergangs-Vorsitzenden", dessen Amt er zwischen 1987 und 1991 innehatte. Vogel war davor Oberbürgermeister Münchens, regierender Bürgermeister Berlins, Bundesjustizminister und Kanzlerkandidat der SPD.
Björn Engholm (*1939) galt zu Beginn der Neunzigerjahre als der große Hoffnungsträger der SPD. Bundesweit bekannt wurde der Norddeutsche 1988, als er nach der "Barschel-Affäre" Ministerpräsident von Schleswig-Holstein wurde. Engholm musste fünf Jahre später zugeben, früher von den illegalen Machenschaften Uwe Barschels (1944-1987) gewusst zu haben. 1993 gab er den Parteivorsitz, sein Amt als Ministerpräsident und die Kanzlerkandidatur ab und verschwand in der politischen Versenkung.
Nachdem Björn Engholm überraschend zurückgetreten war, wurde "der Mann für brenzlige Situationen" mit ins Boot der SPD geholt. Der damalige Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen und spätere Bundespräsident Johannes Rau (1931-2006) war 1993 für knapp zwei Monate kommissarischer Chef der Sozialdemokraten.
Beim Kampf um den SPD-Chefsessel setzte sich 1993 Rudolf Scharping (*1947) in einem Mitgliederentscheid gegen Gerhard Schröder und Heidemarie Wieczorek-Zeul durch. Der Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz verlor nach einem unglücklichen Wahlkampf 1994 als Kanzlerkandidat gegen Helmut Kohl und blieb bis 1995 Vorsitzender. Nach mehreren Demütigungen - Rücktritt als Fraktionsvorsitzender und Verteidigungsminister - hat er sich inzwischen aus der Politik zurückgezogen.
Nachfolger Oskar Lafontaine (*1943) verkörperte das Gegenteil des eher spröden Scharping, den er in einer Art Putsch ablöste. Lafontaine schmiedete das Männerbündnis mit Gerhard Schröder, doch anders als vorhergesagt kam es nach dem Wahlsieg 1998 zu einem Zerwürfnis der beiden. Von einem Tag auf den anderem schmiss der Saarländer 1999 seine Ämter (SPD-Chef, Finanzminister, Bundestagsmandat) hin und trat 2005 schließlich aus der SPD aus. Heute ist er Fraktionsvorsitzender der Linkspartei im Saarland.
Gerhard Schröder (*1944) gilt bis heute als Sinnbild der SPD – dabei hatte er den Parteivorsitz im Gegensatz zum Kanzleramt nie wirklich angepeilt. Nach der Flucht Lafontaines aus allen Ämtern musste Kanzlerkandidat Schröder 1999 den Parteivorsitz übernehmen. Fünf Jahre später gab er diesen nach heftigen innerparteilichen Auseinandersetzungen um die Agenda 2010 an Franz Müntefering ab. Bis 2006 blieb er Bundeskanzler. Heute sorgt er vor allem aufgrund seiner mittlerweile fünften Ehe und mit seinen Verbindungen zu Wladimir Putin für Aufsehen.
Franz Müntefering (*1940) war Gerhard Schröders engster Mitstreiter in der SPD. Er arbeitete dem Kanzler in verschiedenen Funktionen zu: Generalsekretär, Fraktionsvorsitzender im Bundestag, Kampagnenmanager. 2004 übernahm er sogar den Parteivorsitz von Schröder. Die Ära Müntefering währte jedoch nur kurz: Er warf im November 2005 hin.
Einer, der sich nicht um den Posten als SPD-Chef gerissen hatte, ist Matthias Platzeck (*1953). Doch seine Parteikollegen feierten ihn als eine Art Erlöser. Er bekam bei der Wahl im November 2005 mit 99,4 Prozent das beste Ergebnis seit Kurt Schumacher. Doch der Druck war offenbar zu groß: Am 10. April 2006 trat er vom SPD-Vorsitz zurück, nachdem er zwei Hörstürze, einen Kreislauf- und einen Nervenzusammenbruch erlitten hatte.
Nach Platzecks Abschied übernahm der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck (*1949) noch im April 2006 das Amt des Vorsitzenden. Er verpasste es jedoch, sich in Berlin eine eigene Machtbasis zu etablieren. Die Folge waren ständige Gerüchte um einen Verzicht Becks auf die Kanzlerkandidatur 2009. Doch so weit kam es gar nicht erst: Bereits 2008 legte er das Amt schon wieder nieder.
Wieder musste die SPD nach einem Nachfolger suchen und fand ihn diesmal in Frank-Walter Steinmeier (*1956). Nach Becks Rücktritt verwaltete er den Parteivorsitz für einige Monate kommissarisch. Von September bis Oktober 2008 war er im Amt, ehe er es an einen alten Bekannten der SPD übergab…
Steinmeier holte als offiziellen Nachfolger Franz Müntefering zurück, der von Oktober 2008 bis November 2009 zum zweiten Mal als Parteichef fungierte. Nach dem niederschmetternden Ergebnis von nur 23 Prozent bei der Bundestagswahl 2009 legte Müntefering das Amt des Vorsitzenden aber endgültig nieder. Nach der Wahl im Jahr 2013 sowie insgesamt 31 Jahren im Bundestag zog er sich schließlich zurück.
Auf Müntefering folgte am 13. November 2009 Sigmar Gabriel (*1959) als Parteivorsitzender der Sozialdemokraten. Mehr als sieben Jahre blieb Gabriel an der Parteispitze – und ist damit einer der langjährigsten Vorsitzenden der sozialdemokratischen Partei. 2017 verzichtete er auf den Parteivorsitz sowie auf die Kanzlerkandidatur und sprach sich stattdessen für Martin Schulz als seinen Nachfolger aus.
Einer, der das Land sowie auch die SPD gespalten hat, war Martin Schulz (*1955). Auf einem außerordentlichen Bundesparteitag wurde er 2017 mit 100 Prozent der Stimmen zum Parteivorsitzenden gewählt. Nach einem anfänglichen Stimmenzuwachs durch den "Schulz-Effekt" wurde der Wahlkampf für die SPD dann aber zur Berg- und Talfahrt. Mit 20,5 Prozent erzielte die SPD nach Ende des Hypes um Schulz bei der Bundestagswahl 2017 das schlechteste Wahlergebnis in der Nachkriegsgeschichte der Partei. Am 13. Februar 2018 erklärte Schulz seinen Rücktritt vom Amt.
Andrea Nahles (*1970) übernahm ab 2018 das Zepter der SPD und wurde so die erste Frau an der Spitze der Partei. Bei der Europawahl 2019 musste die SPD mit 15,8 Prozent eine historische Niederlage einstecken. Als Folge der Wahlklatsche trat Nahles am 2. Juni 2019 von ihren Ämtern als Partei- und Fraktionsvorsitzende zurück.
Bis ein neuer Fraktionsvorsitz gefunden ist, übernehmen kommissarisch Thorsten Schäfer-Gümbel (*1969), Manuela Schwesig (*1974, Mitte) und Malu Dreyer (*1961) den Parteivorsitz der SPD. Langfristig wolle das Amt jedoch keiner von ihnen ausüben. Wer dauerhaft die Parteiführung übernehmen könnte, ist bis dato ungeklärt.