Der Sanierer der Österreichischen Bundesbahnen, Christian Kern, gilt schon lange als Zukunftshoffnung der Sozialdemokraten. Nun ist der 50-Jährige auf dem Sprung zum Regierungschef. Die Genossen hoffen auf neuen Schwung für Land und Partei.

Seit vielen Jahren gilt der Medienprofi und messerscharfe Rhetoriker Christian Kern als beste Personalreserve der österreichischen Sozialdemokraten. Der 50-jährige Chef der Bundesbahnen ÖBB ist bestens vernetzt, in der SPÖ "groß geworden", aber nicht im verfilzten Parteiapparat gefangen.

Nach dem überraschenden Abgang des SPÖ-Chefs und Bundeskanzlers Werner Faymann (56) war der Ruf der Wähler nach einer echten Erneuerung an der Spitze groß. Kern ist in vielerlei Hinsicht der Gegenentwurf zu seinem schon mal als "Kuschel-Kanzler" bezeichneten Vorgänger. Das macht ihn jetzt zum Favoriten für die Nachfolge.

Verbindlich im Ton soll er seinen Mitarbeitern gegenüber sehr fordernd sein, heißt es. Auf Kritik reagiere er im kleinen Kreis schon mal dünnhäutig, er lasse sich nach außen aber nichts anmerken.

SPÖ vor personellem Umbruch?

Kern umgibt sich gerne mit langjährigen Weggefährten. Als Bedingung für eine Annahme des SPÖ-Vorsitzes soll er vollen Handlungsspielraum verlangt haben. So könnte der SPÖ ein personeller Umbruch bevorstehen. Für seinen Rückhalt wichtig ist die Zustimmung der Gewerkschaften. Deren Gunst hat er sich als auch sozial kompetenter Manager erworben.

Die Karriere des aus einer einfachen Arbeiterfamilie stammenden Wieners ist steil: Nach einem Kommunikationswissenschaften- und Managementstudium startete der einstige Klassensprecher als Wirtschaftsjournalist. Rasch wechselte er als Assistent und später als Büroleiter und Pressesprecher in die SPÖ. 1997 ging Kern zu einem mehrheitlich staatlichen Stromkonzern.

Seine bisher größte berufliche Herausforderung folgte im Juni 2010, als der vierfache Vater zum obersten Eisenbahner wurde. Der Chefsessel der ÖBB gilt in Österreich als hochpolitisches Amt. Ohne Wohlwollen der Kanzlerpartei und mächtiger Ministerpräsidenten schafft es dort keiner bis an die Spitze.

Kern schlug sich als Chef gut, darin sind sich Kenner weitgehend einig. Er verlieh dem einst unbeliebten Staatsunternehmen wieder Glanz. Die maroden Finanzen der mit Steuergeld subventionierten ÖBB brachte er großteils in Ordnung. Dazu halbierte er auch die Zahl der Managerposten auf rund 600. Die ÖBB haben 40.000 Mitarbeiter.

Den angestrebten Gewinn von 200 Millionen Euro hat er 2015 knapp verfehlt: Die Flüchtlingskrise hatte unerwartete Kosten von 15 Millionen Euro verursacht, ihm allerdings die Möglichkeit gegeben, sich vor einem Millionenpublikum medial zu profilieren.

In der anfänglichen Zeit der Willkommenskultur auch in Österreich übernahm die ÖBB eine wichtige Rolle bei der Versorgung und dem unbürokratischen Transport vieler Tausender Flüchtlinge. Kern machte sich am stark betroffenen Wiener Hauptbahnhof nahezu täglich selbst ein Bild davon. Als bei einer Live-Schalte in der Nachrichtensendung "ZiB2" ein betrunkener, grölender Mann hinter Kern Randale machte, ließ er sich nicht aus der Ruhe bringen. Er gab vielen Österreichern Hoffnung, dass eine staatliche Institution geordnet mit der sonst oft chaotischen Lage in der Flüchtlingskrise umgehen könne.

Machertyp trifft auf Arbeiterpartei

Doch manche SPÖ-Genossen meinen, das selbstbewusste Auftreten des passionierten Jägers wirke zu arrogant. Die geschliffene Rhetorik des pragmatischen Machertypen passe nicht zu einer Arbeiterpartei. Seine Vorliebe für teure Anzüge brachte ihm bei der ÖBB gar den Spitzname "CK" ein, in Anspielung auf das Modelabel Calvin Klein.

Kern versteht sich als einer der wenigen auf der Polit-Bildfläche im Umgang mit Social Media. Er stellt sich gern als lockerer Typ dar und postet schon mal Selfies vom Rockkonzert. Vor zwei Jahren ließ er sich bei der Ice Bucket Challenge von seiner Frau kaltes Wasser über den Kopf schütten.

Kern gilt als einziger Genosse, der sich mit der Zukunftshoffnung des konservativen Koalitionspartner ÖVP, Außenminister Sebastian Kurz (29), messen kann. Witze, dass Kern und Kurz künftig die neue "K.-u.-K."-Republik anführen könnten, zieren schon die Gazetten.

Finanziell wäre eine Beförderung zum Kanzler ein Abstieg, wenn auch auf hohem Niveau. Während dem Regierungschef etwa 300 000 Euro im Jahr bezahlt werden, bekommt Kern als Bahn-Chef samt Bonus schätzungsweise mehr als doppelt so viel.