Das Pioneer Briefing von Gabor Steingart - kontrovers, kritisch und humorvoll. Wissen, über was politisch diskutiert wird.

Gabor Steingart
Eine Kolumne
Diese Kolumne stellt die Sicht des Autors dar. Hier finden Sie Informationen dazu, wie wir mit Meinungen in Texten umgehen.

Guten Morgen, liebe Leser und Leserinnen,

noch ist der Krieg in der Ukraine nicht beendet, aber die Bilanz des Wladimir Putin kann man jetzt schon als desaströs bezeichnen. Zwar genießt er die Aufmerksamkeit der ganzen Welt, aber das wars dann auch schon. Hier seine sehr persönliche Schadensbilanz:

1. Nach Angaben des ukrainischen Militärs haben 19.800 junge russische Soldaten auf dem ukrainischen Schlachtfeld ihr Leben gelassen. 669 russische Panzer und 1194 gepanzerte Fahrzeuge wurden zerstört. Auch 26 Kampfflugzeuge und 41 Hubschrauber konnte das ukrainische Militär abschießen. Die von Putin hochgelobte Armee hat sich und ihn vor aller Welt blamiert.

2. Die russische Wirtschaft, deren Wachstumsraten nie hoch waren, befindet sich nun in einem Schrumpfungsprozess. Nahezu alle westlichen Firmen – von McDonald’s über Mercedes bis zu Henkel und Ikea – ziehen sich aus dem Land zurück. Die Inflation galoppiert, man hat zuletzt eine Geldentwertung von 17,8 Prozent gemessen.

3. Im Energiemarkt kann Russland zwar nach wie vor – insbesondere durch die exorbitanten Preisanstiege im Öl- und Gasgeschäft – Gewinne erwirtschaften. Aber wichtige Kunden, darunter die Bundesrepublik, werden mittelfristig abspringen. Die Rohstoff-Weltmacht Russland hat den Westen als Kunden verloren.

4. Durch die Suspendierung vom internationalen Zahlungsverkehrssystem SWIFT büßt die russische Exportindustrie de facto ihren Zugang zu den westlichen Märkten ein. Auch der Technologietransfer wurde untersagt. Putins Land wird technologisch ausgetrocknet.

5. Der Handel mit China hat im Zuge des westlichen Sanktionsregimes zugenommen und setzt Russland einem Klumpenrisiko aus. China war bereits 2021 nach Umsätzen der Importe und Exporte mit 17,9 Prozent der wichtigste Handelspartner der Russischen Föderation. Russland ist erpressbar geworden.

6. Die Expansionspläne der Nato in Richtung Finnland, Schweden und der Ukraine haben für Russland eine sicherheitspolitische Situation geschaffen, die der Moskauer Generalität nicht gefallen kann. Ohne Not hat Wladimir Putin für jene Umzingelung gesorgt, die er eigentlich verhindern wollte. Damit gerät er selbst ins Visier seiner Militärs.

7. Die wirtschaftliche und geistige Elite Russlands wird im Ausland wie ein Paria behandelt. Konzerte von Anna Netrebko wurden abgesagt, Intendanten wie Waleri Gergijew mussten gehen. Dem Oligarchen Roman Abramowitsch blieb nichts anderes übrig, als seinen Fußballclub FC Chelsea zu verkaufen. Die Internationalität der russischen Elite ist perdu. Sie erlebt ein Zurückgeworfen-Sein auf die Nation.

Fazit: So kann Wladimir Putin seinem Land keinen Dienst mehr erweisen. Er wollte als neuer Zar in die Geschichte eingehen und wirkt heute wie ein zweiter Kaiser Nero, der im Größenwahn sein Reich in Flammen aufgehen ließ.

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