• In der Vergangenheit hat der Kreml immer wieder mit seinen angeblichen Wunderwaffen geprahlt.
  • "Unbesiegbar" sollten Systeme wie die "Avangard"-Rakete sein, eine Schreckenswaffe das TOS-2-System.
  • Ein Blitzkrieg ist den Russen trotz dieser Ausstattung allerdings nicht gelungen.
  • Sind Russlands High-Tech-Waffen mehr Schein als Sein? Militärexperte Gustav Gressel sagt: "Technische Überlegenheit allein nützt nichts"
Eine Analyse
Dieser Text enthält eine Einordnung aktueller Ereignisse, in die neben Daten und Fakten auch die Einschätzungen der Autorin bzw. des zu Wort kommenden Experten einfließen. Hier finden Sie Informationen über die verschiedenen journalistischen Textarten.

Soldaten marschierten über den Roten Platz, Panzer rollten durch Moskau: Auch den diesjährigen "Tag des Sieges" nutzte Russland, um seine militärische Macht zu präsentieren – durch den Ukraine-Krieg allerdings in etwas geringerem Umfang. Die knapp 11.000 Soldatinnen und Soldaten wurden von eindrucksvollen Militärfahrzeugen begleitet. Seine "Jars"-Interkontinentalrakete präsentierte der Kreml ebenso wie Infanteriefahrzeuge des Typs "Tigr-M".

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Wie auch in den Vorjahren gingen Bilder russischer Hightech-Waffen im Anschluss um die Welt. Bereits im letzten Jahr waren Schreckenswaffen wie das System TOS-2 Tosochka und die neuste Modifikation von Russlands T-72B3-Panzer zu sehen. Einzig eine Flugshow, bei der Kampfflugzeuge ein "Z" am Himmel zeigen sollten, wurde in diesem Jahr abgesagt.

Ohnehin nutzt der Kreml jede Gelegenheit, um mit seinen High-Tech-Waffensystemen zu prahlen. Im Park "Patriot", einem militärischen Freizeitpark nahe Moskau, präsentiert Russland legendäre und moderne Waffensysteme.

Der T-72, einer der meistgenutzten Kampfpanzer der Welt, ist dort ebenso zu sehen wie der T-34 – ein Panzer, der dazu beitrug, dass sich das Blatt im Zweiten Weltkrieg zugunsten der Roten Armee wendete. Mit ihm können Besucher in dem vom Verteidigungsministerium betriebenen Park sogar fahren – außerdem Nahkampf-Demonstrationen und Panzerrennen bestaunen.

Wo sind die High-Tech-Waffen?

In Pressestatements in der Vergangenheit verkündete Präsident Putin den erfolgreichen Test der Hyperschall-Rakete "Avangard" und sprach von einer "unbesiegbaren" Waffe. Sie sei 20 Mal schneller als die Schallgeschwindigkeit und könne Raketenabwehrsysteme durchbrechen.

Das Bild, das der Kreml mit all diesen Aktivitäten zeichnen will, ist das einer russischen Übermacht. Bewaffnet mit den modernsten Systemen, weit überlegen, abschreckend. Doch: Im Ukraine-Krieg sind die High-Tech-Waffen kaum zu sehen oder haben bislang zumindest keinen entscheidenden Vorteil gebracht. Wieso?

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Westliche Sanktionen wirken

Die Ukraine im Blitzkrieg zu erobern gelang Putin nicht, mehr als zehn ranghohe Generäle sollen im Krieg bereits getötet worden sein. Im Raum stehen außerdem Zahlen von über 25.000 toten russischen Soldaten. Sind Russlands Wunderwaffen also nur stark auf dem Papier oder warum entfalten sie im Krieg keine Wirkung?

Militärexperte Gustav Gressel hat dafür mehrere Erklärungen. "Bei der neusten Generation von Waffensystemen verzögert sich die Einführung oder sie ist unmöglich geworden durch die Sanktionen, die vom Westen verhängt wurden", sagt er. Zu diesen Systemen zählten beispielsweise der T14-Armata-Kampfpanzer, der T15- und der Kurganez 25-Schützenpanzer sowie der T16-Bergepanzer.

"Für die Massenproduktion dieser Systeme braucht man westliche Maschinen und westliche Subkomponenten", erklärt Gressel. Dazu zählten etwa Fräsmaschinen, Speziallager oder elektro-optische Komponenten wie Wärmebildkameras und Laserentfernungsmesser.

"Diese Dinge bekommt Russland derzeit nicht, immer schwieriger oder nicht in der Menge, in der sie es bräuchten", weiß der Experte. Es gebe jedoch einige Prototypen der Waffensysteme. "Vom Kurganez-Schützenpanzer sollen solche Prototypen auch in der Ukraine verwendet worden sein", sagt Gressel.

Modernisierte Waffen aus der Sowjet-Zeit

"Jenseits von den Prototypen gibt es aber keine Serienfertigung, weil Komponenten und Maschinen nicht verfügbar sind. Das wird noch eine Zeit lang so bleiben", schätzt Gressel. Das treffe auch auf die Suchoi-Su-57 Flugzeuge zu. "Ob, wann und in welcher Stückzahl das Flugzeug in den Einsatz gehen kann, darüber steht ein großes Fragezeichen", so Gressel.

Aber auch bei der Generation an Waffensystemen, die Russland wirklich aktiv im Krieg verwendet, gibt es Probleme: "Es handelt sich in erster Linie um modernisierte Varianten von Sowjetischem Gerät", erklärt Gressel. Doch auch dabei sei man auf westliche Komponenten angewiesen.

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So habe man beispielsweise den T72-B3, einen Kampfpanzer aus dem Kalten Krieg, aufgerüstet: "Anstatt des sowjetischen Laserentfernungsmessers und der sowjetischen Infrarotnachtoptik, hat man bei ihm ein französisches Wärmebildgerät und Entfernungsmesser eingebaut", sagt Gressel.

Man könnte die russische Kriegsmaschinerie aus Sicht des Experten noch empfindlicher treffen, wenn man ein generelles Embargo für Industriemaschinen, Werktstattgeräte, Kfz-Teile und Kraftfahrzeuge verhängen würde. "Aktuell kann Russland noch das militarisieren, was es unter dem angeblich zivilen Vorsatz bekommt", erklärt Gressel. Die Substitution mit chinesischer Ware laufe nicht gut, Russland versuche über Drittstaaten auf illegale Weise an westliche Teile zu kommen.

Experte: "Brennender Sarg für Besatzung"

Russland hat aber weitere Probleme: Zu den Lieferschwierigkeiten kommen laut Gressel noch bedeutende Designfehler bei manchen Systemen hinzu. "In der sowjetischen Zeit hatten Massenfabrikation und die kostengünstige Herstellung Priorität gegenüber der Überlebensfähigkeit", sagt der Experte und erklärt: "Bei Panzern wie T90, T80 und T72 ist die Munition direkt unter einem Turm in einem Karussell untergebracht.

Bei einer Munitionsexplosion gebe es daher keine Möglichkeit, dass die entstehenden Gase aus dem Fahrzeug entweichen könnten. "Das gesamte Fahrzeug fliegt in die Luft, es wird zum brennenden Sarg für die Besatzung", so der Experte.

Designfehler bei Waffen

Es gäbe auch Panzer auf dem Markt, bei denen die Magazinkästen zwar ausbrennen würden, diese aber von der Besatzung abgeschottet seien. "Die Besatzung kann dann natürlich viel risikobereiter agieren", sagt Gressel. Diesen Grunddesignfehler könne man auch durch bessere Nachtsichtgeräte nicht beheben.

Es gibt weitere Probleme: "Für seine Kampfflugzeuge hat Russland zu wenige Präzisions- und Abstandswaffen, die eingesetzt werden können", sagt Gressel. Das habe mit Korruption und Fehlplanung zu tun, aber auch mit einer kolonialen Arroganz gegenüber den Ukrainern, meint Gressel. Wenn die Flugzeuge deshalb tief fliegen müssten, um Freifallbomben abzuwerfen, dann liefen sie Gefahr, von Fliegerabwehrraketen abgeschossen zu werden.

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Schlechte Ausbildung in der Armee

Schwächen verzeichnet Russland aus Sicht des Experten auch bei seinen Flugabwehrsystemen. "Die Schwächen der Flugabwehrsysteme liegen in der sehr analogen Darstellweise der Luftlage, es erfolgt nur eine geringe elektronische Interpretation der Daten", erklärt er. Der Bediener müsse das System deshalb sehr gut kennen, um es effektiv einsetzen zu können.

"Die Ausbildung ist in Russland aber nicht so gut wie in anderen Armeen, sie können das Leistungsspektrum der Geräte nicht voll ausschöpfen", beobachtet Gressel. Beispielsweise sei auch der Umgang mit neuen Funkgeräten nicht ausreichend in die Ausbildung eingeschlossen.

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Technische Überlegenheit nützt nichts

Bei der Koordinierung der unterschiedlichen Systeme hätten sich deshalb große Schwächen aufgetan, die die Ukrainer ausnutzen konnten. "Viele Probleme der russischen Armee sind auf schlechte Ausbildung, auf schlechte Führung und taktische Fehler zurückzuführen", bilanziert Gressel.

Die Ukrainer kämpften zum Teil mit älteren Waffen, schlechteren Kampfpanzern und weniger qualifizierten Geräten und schafften es trotzdem, mehr russische Panzer zu zerstören. "Die Koordination zwischen Infanterie, Panzern und Artillerie ist bei den Ukrainern viel besser", sagt Gressel. Wenn man wie die Russen taktische Fehler mache, nütze auch die technische Überlegenheit nichts.

Über den Experten:
Gustav Gressel ist Experte für Sicherheitspolitik, Militärstrategien und internationale Beziehungen. Er absolvierte eine Offiziersausbildung und studierte Politikwissenschaft an der Universität Salzburg. Schwerpunktmäßig befasst sich Gressel mit Osteuropa, Russland und der Außenpolitik bei Großmächten.

Verwendete Quellen:

  • Russia Beyond: Militärparade zum 76. Jahrestag des Sieges im Zweiten Weltkrieg.12.05.2021.
  • Spiegel.de: Panzer-Show für junge Patrioten. 21.06.2015.
  • Spiegel.de: Russland verkündet erfolgreichen Test von Hyperschall-Rakete. 26.12.2018.
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