• Das russische Militär nennt erstmals konkrete Ziele des Kriegs in der Ukraine.
  • Unterdessen will sich UN-Generalsekretär Guterres in Moskau um Frieden bemühen.
  • Bundeskanzler Scholz warnt in der Waffenlieferungsdebatte derweil vor einer Eskalation.

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Die russische Armee hat acht Wochen nach Beginn des Angriffskriegs gegen die Ukraine ihre militärischen Ziele konkretisiert. Ein Befehlshaber der russischen Militärführung sagte am Freitag der Agentur Interfax zufolge, dass Russland den kompletten Donbass und auch den Süden der Ukraine einnehmen wolle.

Der russische Befehlshaber Rustam Minnekajew erklärte, dass es Russland um einen Landweg zur Schwarzmeer-Halbinsel Krim gehe. Die Ukraine könnte mit einer russischen Einnahme des Südens jeglichen Zugang zu den Weltmeeren verlieren. Bisher hatte sich niemand aus der Militärführung so konkret zu den Zielen des Krieges geäußert. Kremlsprecher Dmitri Peskow wollte eine Frage zur "Ausweitung der Operation" nicht kommentieren.

Generalmajor Minnekajew räumte nach Berichten über Chaos in der russischen Truppe ein, dass es in der ersten Phase Verluste gegeben habe. Die Soldaten seien in Hinterhalte ukrainischer Streitkräfte geraten. "Aber die russischen Streitkräfte haben sich schnell angepasst und ihre Taktik geändert", sagte er bei einer Versammlung des Verbandes der Unternehmen der Rüstungsindustrie.

"Wie es aussieht, kämpfen wir jetzt mit der ganzen Welt, wie im Großen Vaterländischen Krieg; ganz Europa, die ganze Welt war damals gegen uns. Heute ist es wieder so, sie haben Russland nie gemocht", sagte Minnekajew. Das Geschichtsverständnis des Offiziers sorgte bei einigen Beobachtern für Kopfschütteln. Russland nennt den Überfall Deutschlands 1941 im Zweiten Weltkrieg auf die Sowjetunion den Beginn des Großen Vaterländischen Krieges. Russland kämpfte zusammen mit den Alliierten für die Befreiung Europas vom Faschismus unter Diktator Adolf Hitler.

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UN-Generalsekretär spricht mit Putin und Lawrow

UN-Generalsekretär António Guterres reist nach Kremlangaben am kommenden Dienstag nach Moskau und wird dort vom russischen Präsidenten Wladimir Putin empfangen. Guterres werde sich in Moskau auch zu Gesprächen mit dem russischen Außenminister Sergej Lawrow treffen, teilte Kremlsprecher Dmitri Peskow am Freitag mit. Guterres reise im Zuge verstärkter Friedensbemühungen nach Moskau. Der UN-Chef hatte zuvor um ein Treffen mit Putin gebeten.

Zuvor hatte Guterres Briefe an die UN-Vertretungen Russlands und der Ukraine geschickt und darum gebeten, ihn in den Hauptstädten der Länder zu empfangen. Es müssten "dringende Schritte" zur Herstellung von Frieden in der Ukraine herbeigeführt werden. Der UN-Chef hatte zuletzt mehrfach eine Waffenruhe im Ukraine-Krieg gefordert.

Russland und die Ukraine haben nach Angaben aus Moskau telefonisch längere Verhandlungen geführt. Der russische Verhandlungsführer Wladimir Medinski bestätigte in seinem Telegram-Kanal, dass er am Freitag mehrere längere Telefonate mit dem ukrainischen Chefunterhändler David Arachamija geführt habe. Zum Inhalt machte er aber keine Angaben.

Während der orthodoxen Osterfeiertage wird in der Ukraine weiter gekämpft. Nach Angaben des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj hat Russland den Vorschlag einer Feuerpause über die Osterfeiertage abgelehnt. Orthodoxe Christen begehen Ostern in diesem Jahr am 24. April.

Scholz warnt vor Eskalation

In Deutschland hielt am Freitag die Debatte um weitere Waffenlieferungen an die Ukraine an. Bundeskanzler Scholz begründete seine zögerliche Haltung zu diesem Thema in einem Interview mit dem "Spiegel". "Es darf keinen Atomkrieg geben", sagte er. "Ich tue alles, um eine Eskalation zu verhindern, die zu einem dritten Weltkrieg führt." Unterstützung kam vom französischen Präsidenten Emmanuel Macron. "Wir haben die gleiche Strategie wie Kanzler Scholz: Wir helfen den Ukrainern auf maximale Weise. Aber sind sorgsam darauf bedacht, niemals Kriegspartei zu werden", sagte er.

Unionsfraktionschef Friedrich Merz verteidigte die Absicht von CDU/CSU, in der kommenden Woche im Parlament einen Antrag auf Lieferung schwerer Waffen an die Ukraine einzubringen. Wenn die Bundesregierung nicht liefere, dann müsse das Parlament liefern.

Satellitenfotos weisen auf mögliches Massengrab hin

In der Nähe der von russischen Truppen belagerten Hafenstadt Mariupol im Südosten der Ukraine deuten Satellitenbilder auf ein mögliches Massengrab hin. Der US-Satellitenfotodienst Maxar verbreitete Aufnahmen, die in dem Vorort Manhusch mehrere ausgehobene Grabstellen zeigen sollen. Der Stadtrat von Mariupol und Bürgermeister Wadym Bojtschenko sprechen davon, dass dort bis zu 9.000 Menschen begraben sein sollen. Stadtrat und Bürgermeister sind selbst aber nicht mehr vor Ort. Die Angaben waren von unabhängiger Seite nicht überprüfbar.

Selenskyj hat sich zu dem mutmaßlichen Massengrab bisher nicht öffentlich geäußert. Satellitenfotos vom 3. April zeigen weit über 200 mögliche Grabstellen in mehreren Reihen, ausgehoben auf einer Länge von mehr als 300 Metern neben einer Straße.

1.000 Leichen in Kiew gefunden

Seit dem Abzug russischer Truppen vor mehr als drei Wochen sind im Gebiet Kiew nach Polizeiangaben bereits mehr als 1.000 Leichen gefunden worden. Das sagte der Polizeichef der Region um die Hauptstadt Kiew, Andrij Njebytow. Nach dem russischen Abzug aus der Region hatten Funde von Hunderten teils in Massengräbern beigesetzten Leichen in Hostomel, Irpin, Butscha und Borodjanka nordwestlich der Hauptstadt international Entsetzen ausgelöst.

Nach Angaben des UN-Menschenrechtsbüros häufen sich die Anzeichen für Kriegsverbrechen in der Ukraine. Die russischen Streitkräfte hätten wahllos bewohnte Gebiete beschossen und bombardiert und dabei Zivilisten getötet sowie Krankenhäuser, Schulen und andere zivile Infrastrukturen zerstört, berichtete das Büro der Hochkommissarin für Menschenrechte, Michelle Bachelet, am Freitag in Genf.

Fast 370.000 Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine in Deutschland

Die Zahl der in Deutschland ankommenden Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine steigt weiter an. Wie das Bundesinnenministerium am Freitag bei Twitter mitteilte, hat die Bundespolizei seit Kriegsbeginn am 24. Februar 369.381 Flüchtlinge gezählt. Polens Grenzschutz hat unterdessen erneut mehr Einreisen in die Ukraine als Ausreisen aus dem östlichen Nachbarland gezählt. Am Donnerstag hätten 23.600 Menschen Polen Richtung Ukraine verlassen. Dagegen kamen im selben Zeitraum aus der Ukraine 19.300 Menschen nach Polen.

Eine Eskalation des Konflikts mit Moskau mit einem vollständigen Einfuhrstopp russischer Energie könnte die deutsche Wirtschaft in diesem Jahr nach Modellrechnungen der Bundesbank in eine Rezession stürzen. "Im verschärften Krisenszenario würde das reale Bruttoinlandsprodukt im laufenden Jahr gegenüber dem Jahr 2021 um knapp 2 Prozent zurückgehen", hieß es in einem am Freitag veröffentlichten Monatsbericht der Notenbank. (dpa/fra)

Teaserbild: © dpa / Alexei Alexandrov/AP/dpa