Sollen wir zukünftig erst mit 70 Rente bekommen? Müssen wir bald sehr viel höhere Rentenbeiträge zahlen? Werden private Zusatzversicherungen Pflicht? Seit Anfang Juni ist die Rentenkommission der Bundesregierung auf der Suche nach dem Rentensystem der Zukunft. Ein Blick auf andere Länder und andere Renten-Modelle.

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Immer wieder werden die skandinavischen Länder genannt, oft auch die Schweiz und Österreich, wenn nach Beispielen für funktionierende Rentensysteme gesucht wird.

Was machen diese Länder anders? Und: Könnte man ihre Systeme auf Deutschland übertragen?

Professor Volker Meier vom Münchner Institut für Wirtschaftsforschung (ifo) meint, es gebe vor allem im schwedischen Renten- und Steuersystem "sehr interessante Ansätze", an denen sich auch Deutschland orientieren könnte.

Doch er schränkt ein: "Fast jedes System hat auch Nachteile." Und, noch schwieriger: Jede Änderung am Rentensystem hat Auswirkungen auf das gesamte System der sozialen Sicherung und würde daher weitere Eingriffe ins gesamte Steuersystem erforderlich machen.

Dafür ist Schweden das beste Beispiel. Das Land gilt als europäischer Vorbildstaat, was die soziale Absicherung seiner Bürger anbelangt. Doch das schwedische System ist mit dem deutschen kaum zu vergleichen.

Bei uns wird die Rente aus Beiträgen im Rahmen der Sozialversicherung finanziert.

Die Schweden dagegen finanzieren die Rente aus dem allgemeinen Steueraufkommen – und sichern allen Bürgern eine Grundrente, die für den größten Teil der Bevölkerung das Abrutschen in die Sozialhilfe im Alter verhindert.

Rente mit 63 – das ist in Schweden "nicht drin"

Doch das ist nur die eine Seite der Medaille: "Rentensysteme", sagt Dr. Jochen Pimpertz, Experte für die Altersversorgung beim Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) in Köln, "sind immer auch eine Frage der Präferenzen."

Anders gesagt: Jedes Land sucht sich die Vorteile aus, die ihm am wichtigsten erscheinen, und akzeptiert dafür Nachteile, die weniger ins Gewicht fallen.

So wird etwa in Schweden in Kauf genommen, dass dort ein verfrühter Wechsel ins Rentnerdasein kaum möglich ist.

"Die Schweden haben den Rentenanspruch automatisch an die demografische Entwicklung und an das Renteneintrittsalter gekoppelt."

Die Rente sinkt also, wenn die Zahl der Rentner zunimmt, und fällt deutlich geringer aus, je früher man in Rente geht. "Rente mit 63", so Pimpertz, "ist in Schweden nicht drin, ohne dass man dafür auch Abschläge in Kauf nimmt."

Zusätzlich zeigt das Beispiel: Rentensysteme sind immer kompliziert. Wie das schwedische Umlageverfahren mit virtuellem Beitragskonto, demografischer Komponente und staatlich normierter privater, kapitalgedeckter Zusatzversicherung genau funktioniert, ist nicht nur schwierig zu analysieren – das komplexe System lässt sich auch schwer mit anderen Systemen vergleichen.

Ein anderes, oft in der Rentendiskussion angeführtes Beispiel ist die Schweiz. Dort kommt die gesetzliche Rentenversicherung einer Grundrente gleich, deren Höhe deutlich über dem deutschen Sozialhilfesatz für Hartz-IV-Empfänger liegt.

Das habe "einen stark umverteilenden Charakter", sagt Pimpertz: "Gemessen an ihren Beiträgen erhalten Gutverdiener in der Schweiz eine niedrigere Rente, weil mit ihren Beiträgen die Rente der weniger einkommensstarken Bürger aufgestockt wird."

Die Eidgenossen pflegen also ihre eigenen Präferenzen – und können sich das leisten: Man dürfe bei der Diskussion nicht vergessen, so der Experte, dass die Schweiz "eine extrem wohlhabende Nation" sei.

Schweiz: Probleme trotz des hohen Wohlstands

Bei genauem Hinsehen reduziert sich allerdings auch der Umverteilungseffekt: Die steuerlichen Anreize für betriebliche und private Zusatzversorgung kommen nämlich vor allem den Besserverdienenden zugute – wer mehr verdient, kann mehr Steuern sparen.

Schließlich weist der Experte auch noch darauf hin, dass das schweizerische System trotz hohen Wohlstands an ähnlichen Problemen krankt wie das deutsche:

Die Schweizer Grundrente wird mit einem Umlagesystem finanziert und wäre im Falle einer Übertragung auf Deutschland gleichermaßen von der Bevölkerungsalterung betroffen.

Taugt vielleicht der Nachbar Österreich als Vorbild für Deutschland? Dort liegen die Renten über denen in Deutschland, hier bekommen Rentner sogar ein "13. Monatsgehalt".

Jochen Pimpertz gibt zu bedenken: Die Österreicher sind bereit, einen deutlich größeren Teil ihrer Wirtschaftsleistung für die Rente zu verwenden – 14 Prozent des Bruttoinlandsproduktes gegenüber rund zehn Prozent bei uns.

"In Deutschland", sagt Pimpertz, "gibt es derzeit keine Mehrheit für eine derart drastische Erhöhung, zumal der Anteil hierzulande mit der Bevölkerungsalterung steigen wird".

Außerdem würde auch eine Erhöhung nur kurzfristig helfen: "In Österreich haben sie ähnliche Sorgen mit der Überalterung."

"Die Kosten wachsen uns über den Kopf"

Welches der Modelle aus unseren Nachbarländern könnte man nun der Bundesregierung und ihrer Expertenkommission besonders ans Herz legen?

Rentenexperte Pimpertz ist skeptisch: "Ich würde keines dieser Modelle ohne Weiteres übernehmen."

Die Politik müsse zunächst klarmachen, dass eine Strategie des "Weiter so" zum Scheitern verurteilt wäre: "Die Kosten für Gesundheit, Pflege und Rente wachsen uns über den Kopf, bei der Umlage tragen derzeit die Jungen systematisch einen höheren Anteil als die Alten."

Wichtig sei daher eine gesamtgesellschaftliche Diskussion darüber, was die Altersversorgung kosten darf: "Wir müssen entscheiden, wie viel Prozent unseres Bruttosozialproduktes wir für die Rente ausgeben wollen."

Erst wenn es eine Übereinkunft gibt, wie die Zukunft aussehen soll, so der Experte, könne man ins Detail gehen.

"Dann lässt sich das Drei-Säulen-Modell austarieren – einschließlich der Fragen, wie lange Menschen künftig arbeiten und Beiträge zahlen sollen. Mit Elementen von staatlicher und privater Altersvorsorge."

Für dessen Ausgestaltung könnte man sich dann auch nochmals bei den europäischen Nachbarn nach funktionierenden Beispielen umsehen.