Die BDS-Bewegung will "die Kolonisierung allen arabischen Landes" durch Israel beenden. Hierfür setzt sie auf den Boykott von israelischen Produkten. Kritiker fühlen sich an die NS-Zeit erinnert, als dazu aufgerufen wurde, nicht bei Juden zu kaufen.

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BDS – diese Abkürzung steht für "Boycott, Divestment and Sanctions". Zu Deutsch: Boykott, Desinvestitionen und Sanktionieren. Gemeint ist der Staat Israel. Dieser soll laut Gründungsmanifest der BDS-Bewegung politisch und wirtschaftlich isoliert werden, um "die Kolonisierung allen arabischen Landes" zu beenden. Hierzu rufen die Aktivisten dazu auf, israelische Produkte zu boykottieren und nichts zu kaufen, was in Israel hergestellt wurde.

International erfreut sich die Kampagne zahlreicher Unterstützer – insbesondere aus der Kulturszene. Die Ideologie hat durch das Massaker der Hamas am 7. Oktober und dem anschließenden Angriff Israels auf den Gaza-Streifen neuen Aufwind bekommen und wird derzeit in der Öffentlichkeit diskutiert.

SWR-Journalistin im Fokus

Die SWR-Journalistin Helen Fares hatte zuletzt auf Instagram die BDS-App "No Thanks" empfohlen. Die App warb zeitweise damit, mit einem Barcode-Scanner ein Produkt zu identifizieren, das "die Tötung von Kindern in Palästina unterstützt". Inzwischen wird der Zweck der App weniger kontrovers beschrieben: Es gehe darum, den Menschen im Gaza-Streifen zu helfen. "Unsere App vereinfacht das Scannen von Barcodes und die Suche nach Produkten, die für die Boykottbewegung gelistet sind", heißt es in der Beschreibung im Google-Playstore.

Die App verfügt über eine Datenbank von Produkten, die angeblich einen Israel-Bezug haben. Das geht los bei der Handelskette Edeka, die Datteln aus Israel verkauft, und geht bis zum Software-Konzern SAP, der seinen Mitarbeitern in Israel, die wegen des Massakers der Hamas evakuiert werden mussten, 1.500 Euro pro Familienmitglied zahlte.

Nachdem die SWR-Journalistin Fares die App bei Instagram beworben hatte, wurde ihr vom SWR gekündigt. Der Sender hatte der Moderatorin nach eigenen Angaben darauf hingewiesen, "dass für Moderatorinnen und Moderatoren eines Debattenformats zum Schutz der Unabhängigkeit und Glaubwürdigkeit der Sendung eine Pflicht zur Neutralität gelte". Diese Neutralität ließ Helen Fares nach Angaben des Senders in ihren Social-Media-Aktivitäten bereits mehrfach vermissen.

BDS-Bewegung nicht per se antisemitisch

Antisemitismus-Experte Peter Ullrich von der Technischen Universität Berlin sieht die BDS-Bewegung differenziert. Die Bewegung beinhalte ganz viele unterschiedliche Strömungen und Akteure, sagt der Sozialwissenschaftler: "Das Spektrum reicht von moderaten Unterstützern eines palästinensischen Staates bis zur Hamas und dem Islamischen Dschihad." Man könne die Anhänger daher nicht über einen Kamm scheren.

Die Forderungen der BDS-Bewegung seien so offen gehalten, dass sich alle Streiter der palästinensischen Sache dahinterstellen könnten: "Die Forderung nach der Rückgabe allen arabischen Landes ist – sicher bewusst – deutungsoffen", sagt Ullrich.

Diese Forderung wird unterschiedlich ausgelegt: Die deutsche BDS-Sektion habe es detailliert so beschrieben, dass sie sich auf die besetzten Gebiete beziehe, die Israel nach dem Krieg 1967 erobert hatte – also vor allem das Westjordanland und den Gaza-Streifen. Andere Akteure innerhalb der BDS-Bewegung würden unter der "Rückgabe allen arabischen Landes" aber auch das israelische Kernland verstehen, also Israel das Existenzrecht absprechen.

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Bewegung trägt nicht zu einer Verständigung bei

Einige Medien verglichen den Aktivismus des BDS mit dem Antisemitismus der Nazi-Zeit, als SA-Männer vor jüdischen Geschäften standen und mit dem Schriftzug "Kauft nicht bei Juden!" boykottierten. Diesen Vergleich zur NS-Zeit sieht Ullrich kritisch: "Der BDS-Boykott steht in einem völlig anderen Kontext. Die Bewegung ist entstanden als Reaktion auf das Scheitern der militanten und terroristischen Aktionsform, die die späten 1990er- und frühen 2000er-Jahre geprägt haben." Und letztlich sei sie Ausdruck des Konflikts zwischen Palästinensern und Israelis: "Das ist eine Bewegung, die zunächst einmal in einem nationalistischen Konflikt auf einer Seite verortet ist."

In der Konsequenz habe die BDS-Bewegung allerdings tatsächlich oft antisemitische Züge, sagt Ullrich: "Die Bewegung erlaubt es Antisemiten, sich unter den breiten Schirm des eigenen Protests zu stellen." Sie würde sich auch gegen eher moderate Kräfte positionieren und diese ablehnen. So werden selbst israelische Friedensaktivisten durch den BDS boykottiert. Die Bewegung würde daher laut Ullrich letztlich nicht zu einer friedlichen Lösung des Konflikts beitragen.

Über den Gesprächspartner

  • Peter Ullrich ist Soziologe und Kulturwissenschaftler. Er forscht am Zentrum für Antisemitismusforschung der Technischen Universität Berlin.

Verwendete Quellen

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