Seit Donnerstag muss sich Ex-Bundespräsident Christian Wulff vor Gericht verantworten. Es geht um eine Rechnung von 753,90 Euro. Der Verdacht: Vorteilsnahme. Wir haben die Pressestimmen zum Prozessauftakt zusammengetragen.

"Spiegel Online" sieht im Prozess die Notwendigkeit, den Fall Christian Wulff würdig zu Ende zu bringen. "Bislang gab es in der öffentlichen Debatte eine Lücke. Die Medien haben recherchiert, berichtet und kommentiert. Wulff hat wegen des laufendes Verfahrens geschwiegen. Er und seine Verteidigung haben nun die Möglichkeit, ihre Sicht auf den Fall zu verbreiten."

Auf "Tagesschau.de" wird die Wichtigkeit des Prozesses für die Öffentlichkeit hervorgehoben. "Es geht darum, welches Vertrauen Bürger dem Staat entgegenbringen dürfen … Der Fall - im doppelten Wortsinn - von Christian Wulff wird unser aller Rechtsbewusstsein prägen."

Gleichzeitig wird der Aufwand des Verfahrens infrage gestellt. "Zeit Online" hinterfragt diesbezüglich auch die Rolle der Medien: "Erstmals steht ein ehemaliges Staatsoberhaupt unter Anklage. Aber waren die aufwendigen Ermittlungen gegen ihn gerechtfertigt, oder ist Wulff Opfer der Medien und übereifriger Staatsanwälte geworden?"

Ähnlich sieht es "Süddeutsche Zeitung": "Wie viel Geld hatte Christian Wulff in der Tasche, als er im Urlaub einen Strandkorb mietete? Solchen Fragen haben sich die Ermittler im Vorfeld des Wulff-Prozesses gewidmet - ein Ermittlungsexzess in einem Fall, in dem vieles aus der Balance geraten ist."

Christian Wulff "muss man nicht bemitleiden"

Für die "Hannoversche Allgemeine Zeitung" konnte Wulff am ersten Tag durchaus überzeugen: "Das Landgericht Hannover muss erneut klären, wie groß die Nähe zwischen Politikern und Wirtschaftsführern geraten kann, wo Freundschaftsgesten zur Korruption werden ... Wulff schlug eine Einstellung des Verfahrens gegen eine Geldauflage aus, er setzt alles auf eine Karte. Am Donnerstag hat er punkten können."

Vor Gericht geht es für Wulff vor allem "um die Ehre", findet die "Bild". Und "um die Frage, ob er bloß politische Fehler gemacht hat oder aber käuflich und kriminell ist."

Bemitleiden muss man den ehemaligen Bundespräsidenten aber nicht, kommentiert die "Welt". "Es ist ein weiter Weg vom Bundespräsidialamt zur Anklagebank, aber man muss das frühere Staatsoberhaupt nicht bemitleiden. Wulff wollte es so, er will vor Gericht seine Unschuld beweisen."

Wulff "bleibt ein Gefangener seiner Vergangenheit"

"Stern.de" zufolge vermittelte Wulff am ersten Tag den Eindruck, er halte sich für das eigentliche Opfer: "Wenn es eine zentrale Botschaft gibt, die Christian Wulff an diesem Donnerstag vermitteln will, dann ist es diese: Hier steht ein vormals angesehener Mann, dem schweres Unrecht geschah."

Die "Neue Osnabrücker Zeitung" relativiert die Vorwürfe, denen der Ex-Bundespräsident im Prozess ausgesetzt ist: "Christian Wulff mag als Mensch seine Fehler und in den letzten anderthalb Jahren mehrfach unglücklich agiert haben: Aber so schlimm war es nun auch wieder nicht. Die zahlreichen Vorwürfe, die über Monate oftmals vorschnell erhoben wurden, fielen einer nach dem anderen in sich zusammen."

Auch wenn der Prozess für Wulff positiv endet, seinen Ruf wird das wohl nicht retten können. Das mutmaßt die Lüneburger "Landeszeitung". "Christian Wulff kämpft vor Gericht um einen Freispruch. Doch frei würde er auch dann nicht wirklich sein. Denn er bleibt ein Gefangener seiner Vergangenheit. Und diese Vergangenheit hält düstere Kapitel einer Polit-Karriere bereit. Nach Bekanntwerden immer weiterer Vorwürfe hatte die Öffentlichkeit ein Urteil gefällt." (geg)