Fahrverbote, Grenzwerte, Dieselskandal: Sandra Maischberger lud ihre Gäste zum Auto-Talk. Dabei schoss sich Welt-Chefredakteur Ulf Poschardt auf die "Deutsche Umwelthilfe" ein und sorgte mit einem bizarren Vergleich für Irritationen. Ein Journalist schockierte mit der Zahl der globalen Verkehrstoten seit 1945.

Eine Kritik
von Thomas Fritz, Freier Autor

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2019 könnte das Jahr der Fahrverbote werden. Nach Klagen der "Deutschen Umwelthilfe" haben Gerichte in vielen Großstädten Dieselfahrzeuge aus Teilen der Städte verbannt.

Die Politik reagiert gespalten. Die einen, wie CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer, sorgen sich vor allem um die deutsche Autowirtschaft. Die anderen machen die Autokonzerne für die Misere verantwortlich und fordern härtere Strafen für VW, BMW & Co.

Was ist das Thema?

Es ist eines der Aufreger-Themen des noch jungen Jahres: Fahrverbote für ältere Dieselfahrzeuge in deutschen Städten.

Sandra Maischberger diskutierte mit ihren Gästen darüber, was diese radikale Maßnahme tatsächlich für den Gesundheitsschutz bringt, was die Auswirkungen auf die Automobilunternehmen sind und ob es ein generelles Umdenken in Sachen Mobilität braucht.

Das Thema: "Glaubenskrieg ums Auto: Geht der Umweltschutz zu weit?"

Wer sind die Gäste?

Wolfgang Kubicki: Der stellvertretende Parteivorsitzende der FDP warnte davor, die deutschen Städte ohne Augenmaß für Dieselfahrzeuge zu sperren und stellte die aktuellen Grenzwerte infrage.

"Es gibt einige, die den Alarmismus brauchen für ihre Existenzberechtigung", lästerte Kubicki. Ein klarer Seitenhieb auf die Grünen, denen er bundesweit vorwarf, den Bau von Umgehungsstraßen und Maßnahmen zur besseren Verkehrsflüssigkeit verhindert und damit zur Überschreitung der Grenzwerte beigetragen zu haben.

Franz Alt: Der Buchautor und Journalist hält Fahrverbote für unsozial, weil sie de facto Enteignungen der Dieselauto-Besitzer gleichkämen. Mehr Maßnahmen für einen sauberen und flüssigen Verkehr forderte er vom zuständigen Minister Andreas Scheuer (CSU).

"Wir brauchen einen Verkehrsminister, wir haben nur Autopolitik und einen Autominister." Und dann schreckte Alt mit einer ungeheuren Zahl auf.

120 Millionen Verkehrstote habe es seit 1945 weltweit gegeben. "Das ist zweimal der Zweite Weltkrieg."

Nguyen-Kim: Klimaziele werden nur mit drastischen Maßnahmen erreicht

Mai Thi Nguyen-Kim: Für die ARD-Wissenschaftsjournalistin ist in der Diskussion um Fahrverbote klar: "Feinstaub und Stickoxide – je mehr, desto gefährlicher, je weniger, desto besser".

Selbst wenn man alle Autos verbannen würde, wäre die Luft nicht sauber, so Nguyen-Kim. Sie forderte zudem drastische Maßnahmen, um die Klimaziele noch zu erreichen.

Barbara Metz: Die stellvertretende Geschäftsführerin der Deutschen Umwelthilfe betonte, dass die DUH nicht auf Dieselfahrverbote, sondern auf Einhaltung der Grenzwerte geklagt habe.

Von den Automobilunternehmen forderte sie Hardwarenachrüstungen für betroffene Fahrzeuge.

Ulf Poschardt: Der "Welt"-Chefredakteur warf Metz vor, sie wolle durch Verbote den individuellen Verkehr kaputt machen. Weit hergeholt wirkte seine Unterstellung, die Umwelthilfe mache mit der japanischen Autoindustrie gemeinsame Sache, um den deutschen Autobauern zu schaden.

Die Debatte um die Luftreinheit und Grenzwerte nannte er "hysterisch", weil die Luft in den vergangenen Jahrzehnten immer besser geworden sei.

Marin Ivankovic: Der Dieselfahrer aus Stuttgart darf seinen Euro-4-Diesel in großen Teilen der Stadt ab 1. April nicht mehr benutzen. Für ihn eine kleine Katastrophe, da die drei Kinder vor der Arbeit zu unterschiedlichen Schulen beziehungsweise Kitas gebracht werden müssen.

"Ohne Auto wird das nicht funktionieren", beschwerte sich Ivankovic. "Ich darf Kfz-Steuer bezahlen, Auto fahren darf ich nicht."

Was war das Rededuell des Abends?

"Welt"-Chefredakteur Poschardt gab Umwelthilfe-Vertreterin Metz während der gesamten Sendung volle Breitseite – und wirkte dabei stets ein wenig gereizt.

"Sie sind ein Abmahnverein!", warf er der Umwelt-Lobbyistin nicht nur einmal vor. Metz blieb jedoch gelassen und konterte cool: "Wir sind kein Abmahnverein!"

Was war der Moment des Abends?

Für den Moment der Sendung sorgte eine fragwürdige Verknüpfung Poschardts zwischen Bundesverkehrsminister Andreas Scheuers Einsatz gegen Diesel-Fahrverbote und den Umfragewerten der AfD.

"Wenn Andi Scheuer als großer deutscher Antifaschist das nicht gemacht hätte, hätte sich die AfD dieses Thema geholt und hätte gesagt: Wir sind die Sprecher der Dieselfahrer – und das hätte wieder zwei bis drei Prozent gegeben."

Scheuer – ein Antifaschist? War das Ironie? Die CSU – die große AfD-Bremse?

Maischberger schaute nach dieser gewagten Aussage etwas ungläubig drein und bat Wolfgang Kubicki um Einordnung. Doch der FDP-Mann ging leider nicht weiter darauf ein...

Wie hat sich Sandra Maischberger geschlagen?

Ein solider Auftritt der Gastgeberin, der mehr Nachbohren und Reingrätschen an diesem Abend gut zu Gesicht gestanden hätte.

Punkten konnte sie mit der subtilen Bemerkung "Ihr VW-Chef", mit der sie "Welt"-Chef Poschardt eine Nähe zur Autoindustrie unterstellte.

Was ist das Ergebnis?

Ein lebhafter, teils hitziger Talk-Abend, der vom Duell Poschardt-Metz getragen wurde. Inhaltlich hat man nach der gefühlt zehnten Debatte zu diesem Thema in den letzten Monaten wenig Neues erfahren.

Außer, dass eine geringe Reduzierung der Diesel-Abgase laut Mai Thi Nguyen-Kim gar nicht so viel bringen würde, weil immer noch genug Ozon in der Luft sei, um mit dem Stickstoffmonoxid aus den Diesel-Pkw zu Stickstoffdioxid zu reagieren.

Soll heißen: Auch wenn die Diesel-Abgase um ein Drittel reduziert würden, ergebe das letztlich eine vergleichbare Menge Stickstoffdioxid. Helfen würde laut Nguyen-Kim nur eine radikale Reduzierung.

Maischberger-Gäste: Zukunft wird schadstofflos

Hitzige Brexit-Debatte bei Sandra Maischberger endet mit Nazi-Vorwurf.

Trotz vieler Differenzen in der Gegenwart konnte sich die Runde zumindest auf die Vision einer weitgehend schadstofflosen Zukunft einigen.

Welt-Chefredakteur Poschardt geht bis spätestens 2030 vom Ende des Verbrennungsmotors in Deutschland aus und forderte mehr Anstrengungen der Politik für alternative Mobilitätskonzepte.

Seine Mitarbeiter kämen schon jetzt mehrheitlich mit dem Fahrrad zur Arbeit, aber in Berlin fehle es an einem entsprechend ausgebauten Radwegenetz.

Franz Alt stellt sich eine Zukunft ohne private Pkw vor, in der E-Mobile autonom durch die Gegend fahren. "Man wird ein Auto mit der App rufen, dann kommt es nach drei Minuten."

Eine umweltschonende Vision, weit weg von den Talkshow-Streitigkeiten der Gegenwart. Geht der Umweltschutz zu weit?

Diese Frage beantworteten auch die eher kritischen Gäste Maischbergers zumindest in der Zukunft mit einem klaren Nein.

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