Der langweiligen Pflicht folgt die Kür – gewichtige Teile der künftigen Jamaika-Koalition diskutieren bei "Maybrit Illner" über Streitthemen. Die Talkshow vertieft die Vermutung: Dieser Weg wird kein leichter sein, aber es gibt einen.

Es soll ja Leute geben, die seit Sonntag 18.01 Uhr den Fernseher und das Radio nicht mehr eingeschaltet und auch Zeitungen gemieden haben, diesen Menschen hat die erste Hälfte von "Maybrit Illner" am Donnerstagabend im ZDF sicher die ein oder andere Neuigkeit beschert.

Jamaika, GroKo, Minderheitsregierung - oder doch Neuwahlen?

Alle anderen sahen mit Gesine Schwan immerhin eine Frau, die in den letzten Tagen noch nicht vor jeder Kamera in Berlin posiert hat – was allerdings offensichtlich damit zu tun hat, dass sich die Großkopferten der Sozialdemokratie still und leise aus den Talkshows zurückzogen.

Anne Will durfte noch Manuela Schwesig begrüßen, bei Frank Plasberg saß Katarina Barley, Sandra Maischberger musste dann schon mit dem ehemaligen Hamburger Bürgermeister Klaus von Dohnanyi Vorlieb nehmen – der immerhin gleich mal den Rücktritt von Martin Schulz forderte.

Derlei Spektakuläres bot Schwan nicht, sie hatte offenbar die Sprachregelung ihrer Partei studiert und zog sich auf die seit Sonntag allzu bekannten Positionen zurück: Opposition ist plötzlich nicht mehr Mist, sondern in einer Demokratie höchst wichtig und wer die Entscheidung der SPD kritisiert, in die Opposition zu gehen, soll mal über sein Demokratieverständnis nachdenken.

Mit dem routiniert auf Krawall gebürsteten Wolfgang Kubicki hatte Schwan immerhin einen unterhaltsamen Sparringspartner, der sich wahrscheinlich schon jetzt auf Bundestags-Duelle mit Andrea "In die Fresse" Nahles freut.

Wirklich interessant wurde es allerdings erst in der zweiten Sendungshälfte, signalisiert durch einen kleinen Hüpfer der Gastgeberin, die erleichtert rief: "Jetzt geht es um die Zukunft."

Die Krux mit der Chronistenpflicht

Bis dahin war noch nicht viel passiert, wobei man vielleicht nicht allzu streng sein sollte mit der Redaktion von "Maybrit Illner", Medien unterliegen einer gewissen Chronistenpflicht, und vier Tage nach einer bedeutenden Wahl kann man schon noch einmal über die wichtigsten Themen sprechen – nur vielleicht nicht mit denen, die man derzeit im Schlaf aufwecken und wie CSU-Spitzenkandidaten Joachim Herrmann fragen könnte, was seine Partei falsch gemacht hat.

"Es war sicher kein gutes Ergebnis", begann er und endete bei den Sorgen der Wähler, die man ernst nehmen müsste.

Cem Özdemir setzte seine allerbesorgteste Miene auf und mahnte staatstragend, alle Parteien müssten sich "angesichts des Erstarkens der AfD" hinterfragen.

Ministerpräsident Armin Laschet forderte, man müsse die Wähler "zurückgewinnen", und Gesine Schwan warnte Herrmann davor, das Spiel der Rechten mitzuspielen. Ein bisschen geschäftsmäßige Empörung, mehr entlockte sie dem Mann ohne Mandat nicht.

Gesicht wahren und Ministerien verteilen

Zum Glück für "Maybrit Illner" existieren für die Zukunft, zumal eine ungewisse, um die es ja laut Sendungstitel "Wenn vier sich streiten – mit Jamaika in die Zukunft?" gehen sollte, noch keine ausgefeilten Sprachregelungen.

Und "zum Glück", wie die Gastgeberin sagt, saßen neben ihr mit Özdemir (Außenminister), Hermann (Innenminister) und Kubicki ("Ich kann alles.") drei potentielle Minister einer Jamaika-Koalition.

"Müssen Sie nicht schmunzeln beim Gedanken, dass Sie gemeinsam an einem Kabinettstisch sitzen könnten?" Eine Frage, auf die selbst Klassenclown Kubicki ernsthaft antworten wollte. "Wir müssen erstmal schauen, ob es überhaupt eine gemeinsame Basis gibt."

Özdemir betonte, wie wichtig die inhaltliche Ebene sei, schließlich hätten alle Parteien einen Wählerauftrag zu erfüllen. Gemeinsame Basis hin, Inhalte her – was die beiden zumindest schon einmal "andiskutiert" haben, berichtet die "Rheinische Post": die Vergabe der Ministerien.

Die Ausgangslage nach der Bundestagswahl 2017 ist eindeutig: Eine Jamaika-Koalition ist nach dem vehementen Nein der SPD zu einer erneuten GroKo die einzige Alternative. Doch wie realistisch ist diese? Bei welchen Themen gibt es zwischen CDU, CSU, FDP und Grünen das größte Konfliktpotenzial? Ein Überblick.

Vor der Amtsübernahme stehen aber natürlich noch Koalitionsverhandlungen, in denen allen Seiten die "Gesichtswahrung" wichtig sein wird, wie es im gemeinsamen Dokument von Grünen und FDP heißt, aus dem die "Rheinische Post" zitiert.

Wie schwer das wird, zeigten zwei heikle Themen, die Maybrit Illner noch anschnitt und die kontrovers diskutiert wurden: die Migrationspolitik und die Vorschläge von Emmanuel Macron zur "Neugründung Europas".

Kopf wackelt, Augen rollen

Interessanterweise zeichnete sich beim Thema Flüchtlinge trotz aller Schärfe in der Diskussion eher eine Einigung ab. So oft Armin Laschet verzweifelt mit dem Kopf wackelte und Wolfgang Kubicki mit den Augen rollte – zu einem "Basta" ließ sich keiner der Jamaikaner hinreißen.

Warum die FDP an Jamaika zweifelt, obwohl sie so mitregieren könnte.

Selbst Cem Özdemir hatte Kreide gefressen und unterließt es, noch einmal von der Obergrenze als "No Go" zu sprechen. Lieber zog er sich auf die Feststellung zurück, dass der Artikel 16a des Grundgesetzes keine Obergrenze kenne – das macht die Frage zu einer Sache der Definition.

Beim Einwanderungsgesetz geht es um Petitessen: Sowohl Laschet und Herrmann als auch Kubicki und Özdemir befürworten legale Zuwanderung – ab diesem Punkt geht es dann wohl nur noch darum, wer dem Kind einen Namen geben darf.

Selbst die Entfernung zwischen CSU und Grünen scheint in allen Streitpunkten zumindest theoretisch überbrückbar. "Stehen Sie ganz allein beim Familiennachzug?", fragte Maischberger Özdemir, und der gab sich optimistisch. "Wir haben die Kirchen an unserer Seite und zwei Partner mit einem 'C' im Namen."

Erst einmal muss sich die Union einigen

Zeit werde es brauchen in den Verhandlungen, sagte der Grüne Spitzenkandidat, "aus Gründen, die wir nicht zu verantworten haben", ein schlecht codiertes Chiffre für: erst einmal muss die Union zusammenfinden.

CDU und CSU treffen sich am 8. Oktober, schon jetzt rechnen Vertreter beider Parteien damit, dass ein zweiter Termin nötig sein wird.

Als Mediator empfiehlt sich an diesem Abend Cem Özdemir, der wiederholt einen feinen rhetorischen Kniff aufführt: Wenn sich zwei andere Diskutanten streiten, ruft der 51-Jährige einfach laut "Vielleicht können wir uns drauf verständigen …" - um dann seine Position als die logische Kompromissentscheidung zu referieren.

Gelingt ihm dieses Kunststück so einfach wie bei "Illner" auch in den Koalitionsverhandlungen, dann wird in Deutschland ab 2030 kein Verbrennungsmotor mehr produziert.