CDU-Chef Friedrich Merz hat am Mittwoch bei "maischberger. die woche" mit einem drastischen Vergleich vor dem russischen Vorgehen in der Ukraine gewarnt. Grünen-Minister Robert Habeck gab den tief besorgten Möchtegern-Kanzler. Und Putin-Biograf Hubert Seipel verlor kein böses Wort über den russischen Präsidenten.

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Eine Kritik
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Das war das Thema

Natürlich das bestimmende Thema der vergangenen Wochen: der drohende Krieg in der Ukraine und die Drohungen des russischen Präsidenten Wladimir Putin gegenüber dem Nachbarland. Nach Ende von "maischberger. die woche" überschlugen sich mit dem russischen Einmarsch in die Ostukraine und Raketen-Angriffen auf mehrere ukrainische Städte die Ereignisse.

Die Gäste bei "maischberger. die woche"

Friedrich Merz: Der CDU-Vorsitzende fand Putins Verhalten in der Ukraine "nicht überraschend", wenn man bei ihm in den letzten Jahren "genau hingehört hat". "Seit 2007 erleben wir einen anderen Putin. Wir erleben einen Putin, der sich wie ein Despot verhält ohne Rücksicht auf internationale Verträge und das Völkerrecht."

Für den CDU-Politiker gehe es Putin darum, das Großmachtgefüge der alten Sowjetunion wiederherzustellen. Trotzdem findet es Merz richtig, schob er später ein, dass die Nato eine militärische Intervention zum Schutz der Ukraine ausgeschlossen hat.

Dann zog der neue CDU-Chef einen gewagten Vergleich zwischen dem Verhalten gegenüber Putin und dem gescheiterten Appeasement der Alliierten auf der Münchener Konferenz von 1938, als sie Adolf Hitler durch das Überlassen des Sudetenlandes beschwichtigen wollten. Kurz darauf brach der Zweite Weltkrieg aus.

Sollte heißen: Merz traute Putin neben dem Installieren einer russlandfreundlichen Regierung in Kiew auch zu, die baltischen Staaten oder Polen zu überfallen. Wir stünden am "Beginn einer neuen politischen Ordnung in Europa".

Sigmar Gabriel: Der frühere Bundesaußenminister glaubt nicht wie Merz, dass Putin Nato-Territorium angreifen würde. "Er macht das, was aus seiner Sicht möglich ist". Auch weil er die Europäer testen und schauen wolle, ob die Sanktionen jetzt wirklich so hart werden, wie angekündigt.

Putin geht es in Gabriels Augen darum, Russland "wieder als europäische Großmacht" zu installieren. Es war zuvor, so der Ex-SPD-Chef, abgesunken auf den "Status eines "Energielieferanten".

Russland nutze nun eiskalt aus, dass sich die USA in den vergangenen Jahren ein Stück weit von der Weltbühne zurückgezogen haben. Auch Gabriel begrüßte, dass die Nato und Joe Biden "Gott sei Dank" eine militärische Antwort in der Ukraine ausgeschlossen haben.

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Hubert Seipel: Der Putin-Biograph brachte eine völlig konträre Position zu Gabriel und Merz in die Runde ein. Für ihn hat die jetzige Eskalation auch mit dem Verhalten der Ukraine zu tun, die sich nicht an das Minsker Abkommen gehalten hat. Denn darin stand unter anderem, dass es in den besetzten Gebieten in der Ostukraine Volksabstimmungen geben sollte. Es gab aber nie welche.

Auch an der jüngsten Rede, in der Putin der Ukraine das Recht auf Eigenstaatlichkeit absprach und die international größtenteils mit Entsetzen aufgenommen wurde, konnte Seipel nichts Schlimmes erkennen. Er fand die Ansprache "sehr emotional", Putin habe sehr "unter Spannung" gestanden. Die pro-westlichen Regierungen, die in der Ukraine seit 2014 an der Macht sind, seien für Putin eine dauerhafte Destabilisierung des Landes, bekräftigte Seipel, der mit seinen Aussagen immer wieder aneckte.

Kristina Dunz: Die stellvertretende Leiterin des Hauptstadtbüros des Redaktionsnetzwerks Deutschland schaute bei Seipels Worten immer wieder ungläubig drein. Für die Journalistin lag auf der Hand, wo Putins wahres Motiv für das Verhalten gegenüber Kiew liegt.

Er habe weniger Angst vor der Nato, "sondern Angst vor der Demokratie" und fürchte in erster Linie Meinungsfreiheit und eine echte Parteienvielfalt, weil das - wenn sich auch Russland in diese Richtung entwickeln würde - seine Macht im Inneren bedrohen würde.

Ljudmyla Melnyk: Die Ukraine-Expertin des Instituts für Europäische Politik bekräftigte, dass der Kreml und Putin in einer ganz anderen Welt leben. Sie fand es "erniedrigend", wie er in seiner Rede über die Ukraine gesprochen habe.

Melnyk konnte darüber hinaus berichten, dass die Menschen in der West- und Mittelukraine noch keine Angst und keine Panik vor einer kriegerischen Auseinandersetzung hätten: "An der Kontaktlinie haben die Menschen Angst." Wenige Stunden nach diesen Worten hatten die Menschen im ganzen Land Angst.

Robert Habeck: Ziemlich angefasst wirkte Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Bündins 90/Die Grünen), der mit Jackett, weißem Hemd und Krawatte fast wie ein Schatten-Kanzler auftrat, aufgrund der bedrohlichen Lage in der Ukraine. "Wir stehen kurz vor einem massiven Landkrieg in Europa", warnte der Ex-Vorsitzende der Öko-Partei. Wusste er bei Sendebeginn etwa schon mehr als die Öffentlichkeit?

Panik vor in die Höhe schießenden Gas-Preisen wollte Habeck trotz des vorläufigen Aus' der Gase-Pipeline Nord Stream 2 nicht aufkommen lassen. "Es kann sich auch zeitnah wieder entspannen."

Habeck würde auch nicht davor zurückschrecken, großzügig Schulden aufzunehmen, um in die nationale Sicherheit Deutschlands zu investieren. "Am Ende ist es nur Geld." Da klang Habeck wie jemand, dem ein bisschen mehr Macht als in seinem jetzigen Amt eigentlich ganz gut gefallen würde.

Das war der Moment des Abends

Es waren Worte, die für einen Vertreter der einstigen Friedenspartei noch vor ein paar Jahren völlig unerhört gewesen wären – und auch heute bei vielen Mitgliedern auf Kritik stoßen dürften. Grünen-Minister Robert Habeck machte keinen Hehl daraus, dass er sich Waffenlieferungen an die Ukraine vorstellen könnte, doch die "Linie der Bundesregierung" sei eben eine andere.

Das war das Rededuell des Abends

Das lieferten sich Journalistin Kristina Dunz und Putin-Versteher Hubert Seipel. Dunz übte zunächst Kritik an einer Aussage Seipels: "Wenn 100.000 Soldaten an der Grenze aufziehen, ist das kein Muskelspiel, sondern eine ganz ernste Bedrohung."

Sie war sich sicher, dass "Herr Putin auf die große Weltmachtbühne möchte" und auf Augenhöhe mit dem US-Präsidenten gesehen werden will. Seipel fragte irritiert nach: "Wo nehmen sie die psychologischen Kenntnisse her? Sie haben ihn doch nie getroffen."

Dunz konterte souverän, sie sei seit 2010 in dieser Berichterstattung tätig, habe jede Pressekonferenz mit Putin erlebt. "Und natürlich habe ich da auch zugehört, wie er da argumentiert hat." Seipel unterbrach sie wieder: "Und diese psychoanalytischen Schlüsse gezogen?"

Dunz: "Das ist doch keine Psychoanalyse!" Sie blieb dabei, dass er mit Präsidenten nicht gern verhandelt, "wo seine Bedeutung nicht entsprechend gewürdigt wird." Punktsieg für die RND-Journalistin.

So hat sich Sandra Maischberger geschlagen

Die Gastgeberin hakte an den richtig Stellen gut nach, legte auch mal den Finger in die Wunde. So, als sie Gabriel und Merz – beide Lobbyisten bei der Atlantik-Brücke – kritisch fragte, wie entschlossen die Antwort der Europäer und USA auf die Krise gerade wirklich sei.

Und: Es ist eine der Stärken Maischbergers, dass sie auch den polarisierenden Aussagen eines Hubert Seipel Raum gibt - ohne sich verpflichtet zu fühlen, gleich immer alles einzuordnen oder zu korrigieren.

Das ist das Fazit

Putin-Biograph Seipel wollte keine Vorhersage wagen, was zwischen der Ukraine und Russland weiter passieren wird. Was er auch immer vorhergesagt hätte, nur wenige Stunden später wären die Worte durch den Beginn der russischen Militäraktion schon nicht mehr aktuell gewesen.

Robert Habeck bekräftige, dass schon einige Russland-Sanktionen in Vorbereitung seien, die im Übrigen auch Folgen für Deutschland hätten. Mit dem Ziel Russland zu bestrafen, sei das "aber auch hinzunehmen", so Habeck, der auch an dieser Stelle eher wie der Kanzler als der Wirtschaftsminister klang.

Friedrich Merz lobte, dass die EU ihre Handlungsfähigkeit gezeigt habe. Denn immerhin hätte Europa die ersten Sanktionen schneller als die USA beschlossen. Was eine dauerhafte, starke Position der EU gegenüber Russland angeht, meldete Merz dagegen Zweifel an.

Der CDU-Chef lenkte den Fokus schließlich auf China. Das Land schaue sich die aktuellen Entwicklungen "ganz genau" an. Merz' Befürchtung: "Dann steht bald Taiwan auf der Tagesordnung." Und Nordstream 2? "Diese Pipeline wird jahrelang nicht in Betrieb genommen werden." Nach den Ereignissen der Nacht scheint auch ein dauerhaftes Aus des deutsch-russischen Projekts nicht mehr gänzlich ausgeschlossen.

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