Impfpflicht, Kontaktbeschränkungen – die Grüne Katrin Göring-Eckardt denkt bei "Hart aber fair" sehr laut über neue Anti-Corona-Maßnahmen nach. Dem eigenen Koalitionspartner von der FDP geht das zu schnell und zu weit, sehr zum Ärger eines Journalisten.

Eine Kritik
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"Wer bei mir Führung bestellt, bekommt sie auch!" Mit diesem Spruch schmückt sich Olaf Scholz seit Jahren, aber ausgerechnet im schwierigsten Moment der Corona-Pandemie kämpft der designierte Kanzler mit Lieferschwierigkeiten. Bei "Hart aber fair" am Montagabend gehen die Koalitionspartner von Grünen und FDP schon mal vorweg – nur nicht in die gleiche Richtung. Impfpflicht, Schulschließung, der neue Gesundheitsminister: Die Sendung zeigt, dass Scholz sehr schnell nicht nur ein, sondern gleich mehrere Machtworte sprechen muss.

Das ist das Thema bei "Hart aber fair"

In einer Pandemie gelten andere Regeln, auch für Machtwechsel: Die obligatorische 100-Tage-Schonfrist greift nicht, noch vor seinem Amtsantritt steht Olaf Scholz vor Entscheidungen von maximaler Tragweite. Wie der Kaltstart gelingen kann, diskutiert Frank Plasberg mit seinen Gästen unter dem Motto: "Neue Regierung, altes Problem: Aufbruch im Schatten von Corona"

Das sind die Gäste

"Wir müssen in dieser Woche entscheiden, wo es hingeht", sagt Katrin Göring-Eckardt. Wenn es nach der Grünen-Fraktionschefin geht, führt der Weg Richtung Impfpflicht und 2G.

Die designierte Bildungsministerin Bettina Stark-Watzinger (FDP) hat wie ihre Partei Bauchschmerzen mit der Impfpflicht. In der aktuellen Situation seien ohnehin erst einmal Kontaktbeschränkungen im Freizeitbereich angesagt: "Wir müssen alles tun, um Schulen so lange wie möglich offen zu halten."

Norbert Röttgen, einer der Bewerber um den CDU-Vorsitz, kritisiert die "falschen Signale" der Ampel, die den Menschen ein "zurück zur Freiheit" versprochen habe: "Sie hat sich vergaloppiert, und kommt da nicht raus."

Deutlich wird der Frankfurter Virologe Dr. Martin Stürmer: Über 2G oder 3G könne man "gerne in drei Wochen" reden. Im Moment und besonders angesichts der Omikron-Variante müsse man jedoch vorsichtig sein und Kontakte "so weit wie möglich" reduzieren.

Das Dilemma der Politik beschreibt Bernd Ulrich, stellvertretender Chefredakteur der ZEIT: In einer Pandemie könne man nicht genau das Richtige machen, und die Alternative zum Zögern sei manchmal eben verfrühtes Handeln. "Aber das hat sich die Politik bislang nicht getraut."

Das ist der Moment des Abends

Wer älter ist als 30 Jahre, erinnert sich vielleicht noch an den sehr merkwürdigen "Don't call it Schnitzel"-Werbespot für das sehr merkwürdige Produkt "Tillman's Toasty", in dem ein Mann aus seiner Küche heraus durch das Hausdach in den Garten katapultiert wird, weil er den dünnen Lappen aus gepresstem Fleisch "Schnitzel" nennt.

Nun wird man der frommen Katrin Göring-Eckardt, immerhin ehemalige Präses der Evangelischen Kirche, keine Gewaltfantasien unterstellen, aber sie erweckte schon den Eindruck, Frank Plasberg gern durch die Studiodecke schießen zu wollen, als der Moderator ihr kunstvolles Bemühen untergrub, das L-Wort zu vermeiden. Don't call it Lockdown!

Göring-Eckardt will lieber "neue Sachen" ausprobieren in der komplizierten Lage, vielleicht Diskotheken dicht machen, Großveranstaltungen verbieten, "Gastro geht wohl auch nicht", schließlich seien selbst doppelt Geimpfte nicht völlig sicher.

"Ich weiß nicht", wirft Plasberg in diesem Moment ein, "warum mir jetzt der Begriff Lockdown einfällt ..." Göring-Eckardt spricht weiter, von "strengen Kontaktreduzierungen", weil es "wahrscheinlich erstmal Ruhe braucht". Also ein Lockdown, fasst Plasberg zusammen, aber die Grüne protestiert: "Nein, das ist was anderes!" 2G reiche doch erst einmal aus.

Ähnlich wie Göring-Eckardt hat man übrigens in Österreich noch vor einigen Wochen gedacht, und musste dann, allen Beteuerungen der Regierung zum Trotz: in den Lockdown.

Das ist das Rede-Duell des Abends

Offene Wort findet Göring-Eckardt in Sachen Impfpflicht: Die "ist nicht die schönste aller Maßnahmen", soll aber trotzdem kommen, und zwar in zwei Schritten – erst in relevanten Bereichen wie Pflege und Bildung, dann für die Allgemeinheit, und zwar am besten schon im Januar, also sogar einen Monat früher als in Österreich.

Dumm nur, dass der Koalitionspartner von der selbsternannten Freiheitspartei FDP sich diese Entschiedenheit nicht erlauben kann oder will. Marco Buschmann, bald Justizminister, plädiert nun für eine Gewissensabstimmung im Bundestag, also ohne Koalitionszwang, ein Hintertürchen aus der Impfpflicht-Sackgasse für seine Partei – oder, so sieht es ZEIT-Journalist Bernd Ulrich, eine "philosophische Verwirrung": "Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen, in der schlimmsten Situation der Pandemie (…). Was soll die Botschaft sein?"

So einfach sei die Sache nicht, wehrt sich FDP-Frau Bettina Stark-Watzinger: "Ich möchte den Menschen nichts versprechen, was rechtsunsicher ist." Sie plädiert für Vorsicht – und stößt damit bei Ulrich auf Unverständnis: "Sie regieren jetzt. Regieren heißt entscheiden."

So hat sich Frank Plasberg geschlagen

Apropos entscheiden: Noch immer hat Olaf Scholz die Ministerposten der SPD nicht endgültig vergeben, vakant ist damit unter anderem das derzeit nicht ganz unwichtige Gesundheitsressort. Frank Plasberg verwandelt "Hart aber fair" deshalb für einige Minuten in eine Werbesendung für den Minister seines Herzens: Karl Lauterbach.

"Kann Scholz noch an ihm vorbei?", fragt der Moderator den CDU-Mann Norbert Röttgen, der nicht nur an dieser Stelle die Narrenfreiheit eines Oppositionspolitikers sichtlich genießt, und sich natürlich für Lauterbach ausspricht, der ja nicht nur zum Minister taugt, sondern auch zum perfekten Reibebaum für die Opposition. Auch der Rest der Runde findet lobende Worte, alles, was Lauterbach nun noch verhindern kann, so suggeriert Plasberg es jedenfalls, ist die Quote: "Er heißt nicht Karla."

Das ist das Ergebnis

Auch wenn sich Virologe Dr. Stürmer an die "Don't call it Lockdown"-Doktrin der Grünen Katrin Göring-Eckardt hält: Wer dem Mediziner zuhört, hört die Forderung nach einer Notbremse recht deutlich heraus.

2G, 3G, nicht geimpft, doppelt geimpft, all das sei "nicht so wichtig" wie sofortige Kontaktbeschränkungen, mit Betonung auf "sofort": "Wir dürfen nicht mehr viel Zeit mit Reden verbringen."

Ein Rat, den die Politiker in der Runde nicht beherzigen, trotz wiederholter Appelle an "gemeinsames Handeln" kreisen die Debatten ganz schnell wieder um Versäumnisse der Vergangenheit und die Schuldfrage.

Ein Fehler, den Olaf Scholz und Angela Merkel bei ihrem heutigen Treffen mit den Ministerpräsidenten nicht wiederholen müssen – eine "Sternstunde" wäre es, verliest Plasberg den Kommentar eines "Hart aber fair"-Zuschauers, wenn die scheidende Kanzlerin und ihr Nachfolger gemeinsam neue Maßnahmen verkünden würden. Da stimmt die gesamte Runde zu, ausnahmsweise ohne Wenn und Aber.