Für oder gegen Erdogans neue Verfassung? Bei "Maybrit Illner" wird deutlich, wie tief der Riss durch die türkische Community ist.

Ein vehementer Erdogan-Anhänger, ein Kurde und eine türkischstämmige CDU-Politikerin: Die Gäste, die am Donnerstagabend bei Maybrit Illner Platz nehmen, zeigen, dass die türkische Community in Deutschland aus ziemlich unterschiedlichen Menschen besteht. Es geht stellenweise hitzig zu – kein Wunder: Die Diskussion dreht sich um das Referendum über eine neue türkische Verfassung, bei dem sich am Sonntag rund 51 Prozent der Türken für eine große Machtfülle des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan ausgesprochen haben.

Auseinandersetzungen in Partei sind an Schärfe kaum zu überbieten.

Klare Zweifel am Wahlergebnis

"Ich persönlich glaube, dass manipuliert wurde", sagt Serap Güler, CDU-Landtagsabgeordnete in Nordrhein-Westfalen mit türkischen Wurzeln. Ali Ertan Toprak, Vorsitzender der Kurdischen Gemeinde in Deutschland und ebenfalls CDU-Mitglied, sieht das ähnlich: Die eigentliche Manipulation habe schon im Vorfeld stattgefunden, das Referendum sei wegen der unfairen Bedingungen für die beiden Lager undemokratisch gewesen. "Das hätte man nicht akzeptieren dürfen."

Zweifel an der Rechtmäßigkeit der Abstimmung äußert auch der Bundestagsabgeordnete Andrej Hunko von der Linkspartei. Er war als Wahlbeobachter vor Ort und kritisiert vor allem die Entscheidung, dass die türkische Wahlbehörde auch ungestempelte Wahlzettel zählen ließ. "Diese Wahl war auch nach türkischem Recht nicht rechtmäßig", sagt er.

Für den Staatschef ist klar: "Wahlurnen produzieren keine Diktatoren."

"Terrorunterstützer" und "türkische Reichsbürger"

Hunkos Problem: In türkischen Medien ist ein Foto aufgetaucht, das ihn mit einer Flagge der als Terrororganisation verbotenen Kurdenorganisation PKK zeigt. Ein gefundenes Fressen für den Mann, dessen Ansichten, die Diskussion im Studio maßgeblich anfachen: Bülent Bilgi. Er ist Generalsekretär der "Union Europäisch-Türkischer Demokraten" (UETD), die als verlängerter Arm der Erdogan-Partei AKP im Ausland gilt. Und diesem Ruf macht Bilgi alle Ehre: Wahlbeobachter Hunko bezeichnet er wegen des Fotos als "Terrorunterstützer". An der Rechtmäßigkeit des Referendums lässt er keinen Zweifel zu: "Das Ergebnis muss man akzeptieren, man muss ein fairer Verlierer sein."

Polizei fahndet nach zwei möglichen Mittätern des 28-Jährigen.


Die Stimmung schaukelt sich hoch. Bülent Bilgi muss als Einziger in der Runde die Position der mehr als 400.000 Ja-Sager in Deutschland vertreten und erklärt: "Wir gehen davon aus, dass es sich nicht um eine diktatorische Verfassung handelt." Kurden-Vertreter Ali Ertan Toprak dagegen lässt kein gutes Haar an den Erdogan-Fans: "Das sind in meinen Augen türkische Reichsbürger, weil sie ein großosmanisches Reich wollen." Der FDP-Europaabgeordnete Alexander Graf Lambsdorff hatte zuvor darum gebeten, man dürfe die türkische Community nicht über einen Kamm scheren. In der Tat wird deutlich, dass es "den" Deutschtürken nicht gibt: So tief wie der Riss durch die Gesellschaft in der Türkei ist auch der Graben zwischen den verschiedenen Lagern der türkischen Einwanderer in Deutschland.

Personifiziertes Friedensangebot

Leider erst ziemlich spät kommt Mustafa Karadeniz zu Wort. Der Unternehmer aus Berlin lebt seit 44 Jahren in Deutschland und ist sozusagen das personifizierte deutschtürkische Friedensangebot: Er lehnt die neue Verfassung ab, verdammt aber nicht die Menschen, die dafür gestimmt haben. "Erdogan hat den kleinen Mann stark gemacht, er hat einfach viel für die Türkei getan", erklärt er. Gleichzeitig findet er es ein Unding, dass türkische Imame offenbar Gläubige in deutschen Moscheen ausspioniert haben. Karadeniz hat beim Referendum mit Nein gestimmt, seine Frau mit Ja. Er habe auch Verständnis für die Entscheidung seiner Frau – seine Frau könne auch seine Sichtweise nachvollziehen. "Politik sollte man nicht mit Liebe vermischen", sagt Karadeniz. Würde es in allen Haushalten so zugehen wie bei Familie Karadeniz in Berlin.