In der Talkrunde geht es am Sonntagabend um die Corona-Erkrankung von Donald Trump. Viel diskutiert wird dort nicht. Denn die Studiogäste sind sich meistens einig – und ihr einziger Widersacher macht nur missmutig mit.

Fabian Busch
Eine Kritik
von Fabian Busch

Donald Trump ist inzwischen nicht mehr nur der vermeintlich mächtigste Mensch der Welt, sondern auch ihr bekanntester COVID-19-Patient. Auch in der Sendung von Anne Will steht das Thema am Sonntagabend auf der Tagesordnung. Über den Gesundheitszutand des US-Präsidenten lässt sich derzeit natürlich nur mutmaßen – erst recht von medizinischen Laien in Deutschland. Aber mit Trump lässt sich eine Talkshow-Stunde in der Regel mühelos füllen.

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Wer sind die Gäste bei "Anne Will"?

Peter Altmaier: Der Bundeswirtschaftsminister (CDU) kritisiert das Krisenmanagement in den USA. Mehr als 200.000 Menschen sind dort inzwischen im Zusammenhang mit dem Coronavirus gestorben. "Das sind Menschen, von denen viele noch leben könnten, wenn die Seuche von vornherein richtig bekämpft worden wäre."

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Cem Özdemir: Der Grünen-Bundestagsabgeordnete glaubt, dass Donald Trump alles unternehmen wird, um die Präsidentschaftswahl im November zu gewinnen. "Ich traue dem alles zu. Der Mann ist ein notorischer Lügner." Häme über Trumps Erkrankung sei zwar unangebracht, sagt Özdemir, schiebt dann aber nach: "Der Präsident hat die Wut der Menschen verdient." Und diese Wut solle sich darin äußern, dass möglichst viele Amerikaner am Wahlabend für Joe Biden stimmen.

Roger Johnson: Der Vizepräsident der Auslandsvereinigung der US-Republikaner trägt in seiner Wahlheimat Tschechien selbst eine Maske. Sein Idol Donald Trump dagegen hatte sich über das Masketragen lustig gemacht. Dass Trump im Umgang mit dem Coronavirus etwas falsch gemacht hätte, glaubt Johnson trotzdem nicht – im Gegenteil: Der Präsident habe ganz schnell die Grenzen für Reisende aus China geschlossen. "Wenn er das nicht gemacht hätte, hätten wir mehr Tote gehabt", glaubt er.

Rachel Tausendfreund: Die Erkrankung des Präsidenten sei ein großer Schock, sagt die Amerikanerin, die beim "German Marshall Fund" arbeitet. Wenn es Trump nicht schnell wieder besser gehe, werde das viele komplizierte rechtliche Fragen über den Ablauf der Wahl aufwerfen. Doch auch der Präsident leidet nach ihrer Einschätzung nicht nur unter den gesundheitlichen Folgen seiner Erkrankung: "Jeder Tag, an dem wir über Covid sprechen, ist für Donald Trump ein schlechter Tag."

Britta Waldschmidt-Nelson: Es könne durchaus vorkommen, dass Kandidaten bei plötzlichen Schicksalsschlägen oder Krankheiten vom Mitleid der Wähler profitieren, erklärt die Geschichtsprofessorin der Universität Augsburg. Trump könne aber nicht mit sehr großem Mitleid rechnen, glaubt sie: "Weil er sich selber immer als jemand geriert, der jede Art von Schwäche als etwas Erbärmliches ansieht."

Stefan Niemann: Momentan schade Trumps Erkrankung ihm selbst mehr als seinem Konkurrenten, Joe Biden, glaubt der Leiter des ARD-Studios Washington: "Biden kann jetzt aktiv Wahlkampf machen, Trump kann das nicht." Für den Präsidenten sei es dagegen bitter, dass jetzt überhaupt über seinen Gesundheitszustand gesprochen wird. "Der Präsident präsentiert sich als Cheerleader der Nation, als notorischer Optimist."

Was ist der Moment des Abends?

Interessant wird es, als die Historikerin Britta Waldschmidt-Nelson auf die sogenannte Operation Election Day zu sprechen kommt: Trump wolle 50.000 ehemalige Uniformträger am Wahltag einsetzen, um die Wahl zu überwachen – oder sogar um mutmaßliche Anhänger der Demokraten davon abzuhalten, ihre Stimme abzugeben. Daraufhin schaltet sich der Republikaner Roger Johnson ein, der dieses Szenario als "Fantasie" abtut. "Das ist für mich völlig neu, ich habe noch nie so etwas gehört", behauptet er und will wissen, wo die Professorin das herhabe. Sie habe das "online gelesen", sagt Waldschmidt-Nelson, ohne näher ihre Quelle zu nennen.

Diese Szene steht exemplarisch für den verbissenen Kampf um die Wahrheit, wenn es um Trump geht: Seine Anhänger wollen missliebige Nachrichten nicht wahrhaben und behaupten einfach, sie würden nicht stimmen – so wie Johnson in diesem Fall. Dabei haben seriöse Medien wie die "New York Times", der Fernsehsender NBC und das Magazin "The Atlantic" darüber berichtet. Die Historikerin wirkt in dieser Situation allerdings auch nicht gerade souverän. Wenn man diese Vorwürfe in einer Fernsehsendung erhebt, sollte man zumindest sagen können, wo genau man davon gelesen hat.

Was ist das Rededuell des Abends?

Diskussionen gibt es eher selten, denn im Studio sind sich alle weitgehend einig. Der Republikaner Roger Johnson ist der Einzige, mit dem sich diskutieren ließe. Da er aber aus Wien zugeschaltet ist, ist er für ein Streitgespräch nur schwer erreichbar.

Cem Özdemir versucht es trotzdem. Bei einer Niedelage von Trump würde er sich ein "reinigendes Gewitter" in der republikanischen Partei wünschen, sagt er und zeigt auf den Bildschirm, auf dem Johnson zu sehen ist. "Das was ich da höre, das ist nicht die republikanische Partei, die ich kenne, die die Sklaverei abgeschafft hat unter Lincoln. Das ist ein Trump-Wahlverein, der damit mitschuldig ist für die Verbrechen von Trump."

Das ist auf jeden Fall ein gekonnter Angriff. Roger Johnson allerdings wirkt zwar ein wenig konsterniert – fühlt sich aber offenbar wohl in diesem Wahlverein. "Ich bin der Meinung, dass er das Beste tut für das Land", antwortet Johnson. "Ich vertraue dem Mann und unterstütze ihn ganz und gar."

Wie hat sich Anne Will geschlagen?

Hundertprozentig aufmerksam wirkt die Gastgeberin an diesem Abend nicht. Zum Beispiel als der Republikaner Johnson eine wirre Geschichte über einen angeblichen Betrugsversuch bei der Briefwahl erzählt. Ein Mann habe Wahlzettel von Altenheimbewohnern eingesammelt und ihnen im Gegenzug Zigaretten oder Alkohol gegeben. Interessant, aber wo und wann soll das passiert sein? Hier wäre es die Aufgabe von Anne Will gewesen, Genaueres zu erfragen. Doch stattdessen geht sie über zu einem anderen Gast. In Momenten wie diesen wirkt die Moderatorin fast ein bisschen lustlos.

Was ist das Ergebnis?

Trump als Talkshow-Thema – das ist immer ein Risiko: Emotionalität ist garantiert, unterhaltsam sind Gespräche über den wohl umstrittensten US-Präsidenten der Geschichte meistens auch. Doch häufig reden sich die Gäste auch in Rage und finden kein Ziel für ihre Wut. Weil die Verteidiger oder Freunde des US-Präsidenten nicht anwesend sind oder sich wegducken.

Das ist auch an diesem Abend der Fall. Der Republikaner Roger Johnson wirkt so müde und gequält, als habe man ihn gezwungen, an dieser Sendung teilzunehmen. Und da er selbst nicht im Studio ist, wirkt die Trump-Kritik der Studiogäste eher wie Schattenboxen.

Außerdem wäre da noch die Frage: Warum landen eigentlich so häufig die gleichen Personen auf der Gästeliste? Cem Özdemir ist zwar für flotte Sprüche gegen Trump gut. Peter Altmaier hat sowieso zu jedem Thema etwas zu sagen. Doch die beiden sind so häufige Talkshow-Gäste, dass ihre Aussagen fast schon zu erwarten sind. Wahrscheinlich hätte es der Sendung und auch der Nachwuchsförderung in der deutschen Politik gut getan, zur Abwechslung anderen Volksvertretern den Vortritt zu lassen.

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