Skrupellose Geheimagenten als eiskalte Killer, geheime Sprengstofflager und blutige Anschläge im Auftrag der Nato, viele unschuldige Tote und Verletzte – die Anschuldigungen des Duisburger Historikers Andreas Kramer sind ungeheuerlich. Der 49-Jährige macht westliche Geheimdienste unter anderem für das Attentat auf das Münchner Oktoberfest 1980 mit 13 Toten verantwortlich: Einer der Drahtzieher sei sein Vater gewesen, ein Agent des Bundesnachrichtendienstes (BND). Muss der Fall komplett neu aufgerollt werden? Oder ist Kramer nur ein geltungssüchtiger Hochstapler?

Der Oktoberfest-Anschlag war einer der schwersten Terrorakte in Geschichte der Bundesrepublik. Am Abend des 26. September 1980 explodierte am Haupteingang zum größten Volksfest der Welt eine Bombe. Sie riss 13 Menschen in den Tod, mehr als 200 Wiesn-Besucher wurden verletzt, viele davon schwer. Offiziell gehen die Behörden bis heute davon aus, dass der 21-jährige Student Gundolf Köhler die Bombe gebaut und den Anschlag verübt hat: ein isolierter, verzweifelter und verwirrter Einzeltäter. Zweifel an dieser Darstellung konnten die Ermittler allerdings bis heute nicht ausräumen, zu viele Unstimmigkeiten und Fragezeichen sind geblieben. Auch, weil Köhler Kontakte in die rechtsradikale Szene hatte, sogar zu einer paramilitärischen Gruppe. Seit Jahren kämpfen Angehörige der Opfer darum, dass die Ermittlungen neu aufgerollt werden.

Jetzt bekommen die Spekulationen rund um das Attentat neue Nahrung: In den vergangenen Wochen überraschte Andreas Kramer mit der Aussage, sein vor wenigen Monaten verstorbener Vater habe an der Bombe mitgebaut – zusammen mit weiteren Geheimdienst-Agenten. Zunächst erhob der 49-jährige Historiker diese Vorwürfe unter Eid vor einem Luxemburger Gericht, das eine Anschlagserie aus den 80er Jahren aufklären soll, dann wiederholte er sie in mehreren Interviews, unter anderem in der Münchner "Abendzeitung", der "taz" und der "Jungen Welt".

Die offizielle Darstellung, ein unpolitischer Einzeltäter habe das Oktoberfest-Attentat verübt, sei "ein Märchen", betonte Kramer. "Der Terrorakt war eine gezielte und lange vorbereitete Aktion des Bundesnachrichtendienstes, für den mein Vater gearbeitet hat und in dessen Auftrag er auch gehandelt hat." Der Anschlag hatte demnach einen klar politischen Hintergrund: "Der Einsatz der Bombe sollte dazu beitragen, dass in der westdeutschen Bevölkerung eine Stimmung erzeugt wurde, die eine politische Abwahl der Regierung von Kanzler Helmut Schmidt herbeiführte", behauptete der 49-Jährige. "Rein zufällig fand wenige Tage nach dem Attentat die Bundestagswahl statt: CSU-Politiker Franz Josef Strauß wollte Kanzler werden. Noch Fragen?"

Geheime Truppen

Laut Kramer gehörte sein Vater einer der Geheimarmeen an, die im Kalten Krieg in mehreren westeuropäischen Ländern aufgebaut wurden, um der sowjetischen Armee im Fall einer Invasion durch Guerillaakte und Sabotage in den Rücken zu fallen. Als Bundeswehr-Hauptmann habe er eine große Menge Kriegsmaterial beschaffen können – Schusswaffen, Granaten, Panzerfäuste und Sprengstoff. "Das wurde in geheimen, meist unterirdischen Lagern versteckt", schilderte Kramer. Die Truppen hätten zu einem erheblichen Teil aus Neonazis und Rechtsextremisten bestanden. "Gundolf Köhler, der Bombenleger von München und in der rechtsradikalen Szene eng vernetzt, war von meinem Vater angeworben worden." Auch über die Anschläge in Luxemburg und ein blutiges Attentat auf den Bahnhof von Bologna mit 85 Toten sei sein Vater bestens informiert gewesen, behauptete Kramer.

Die Existenz solcher sogenannten Stay-behind- oder Gladio-Truppen ist mittlerweile unbestritten. In Italien gab darüber 1990 sogar der damalige Ministerpräsident Giulio Andreotti Auskunft. Seit Jahren forscht der Schweizer Historiker Daniele Ganser zu diesem Thema. "Es ist heute völlig klar und beweisen, dass die Nato im Kalten Krieg Stay-Behind-Geheimarmeen unterhielt, ausgerüstet mit geheimen Waffenlagern", erläuterte Ganser kürzlich in einem Interview. "Klar ist auch, dass in allen beteiligten Ländern der nationale Geheimdienst involviert war und direkt mit dem amerikanischen Geheimdienst CIA und dem britischen Geheimdienst MI6 kooperierte." Schwierig sei dagegen die Quellenlage hinsichtlich der Verbindungen der Geheimarmeen zu Terroranschlägen und zur rechtsextremen Szene. "Wir haben Quellen, die sagen, in Italien, Belgien und Frankreich und anderen Ländern habe die Geheimarmee Terroranschläge ausgeführt." Das Problem sei aber, dass weder Nato nach der CIA etwas zur Aufklärung beitragen wollten.

Abgeordnete wollen Aufklärung

Kramer behauptet, seine Informationen direkt von seinem Vater erhalten zu haben. Trotz seines damals jugendlichen Alters habe ihn der Vater ins Vertrauen gezogen, "weil er mich als Gladio/Stay-behind-Agenten aufbauen wollte". Dabei habe er ihm gedroht, ihn umzubringen, falls er etwas ausplaudern sollte. "Ich habe das durchaus ernst genommen." Friedensforscher Ganser hat sich bereits mit Kramer getroffen, die Geschichte findet er "brisant": "Wenn das stimmt, geht es hier um Staatsterrorismus. Dass muss untersucht werden, so viel steht fest." Aufklärung fordert auch die Linksfraktion im Bundestag. "Sollten die Ausführungen von A.K. zutreffen, wäre dies einer der größten Geheimdienstskandale in der Geschichte der Bundesrepublik", heißt es in einer Kleinen Anfrage der Fraktion an die Bundesregierung. Die Antwort steht noch aus.

Zu den besten Kennern der Umstände des Oktoberfest-Attentats zählt der Münchner Hörfunkjournalist und Buchautor Ulrich Chaussy. Seit drei Jahrzehnten befasst er sich mit dem Fall und hat seine Recherchen in einem Buch zusammengefasst. Auch Chaussy hat sich mit Kramer zu einem langen Gespräch getroffen, auf dessen Behauptungen reagiert er allerdings sehr zurückhaltend: Kramer könne die Verbindung seines Vaters zu den Terroranschlägen in Bologna, München und Luxemburg bisher nicht durch Dokumente belegen, sagt der Autor auf Anfrage und gibt zu bedenken: "Alles, auch das, was er in Luxemburg unter Eid gesagt hat, ist vom Hörensagen."

Chaussy hat immer wieder Zweifel an der Einzeltäter-These geäußert und sich für neue Ermittlungen starkgemacht. "Es gibt zig ungeklärter Fragen", sagt er. Ein Geheimdienst-Hintergrund, über den vor Kramer auch schon andere immer wieder spekuliert hatten, lässt sich seinen Angaben nach bisher jedoch nicht belegen.

Die Luxemburger Richterin hatte Kramers Aussage im Prozess Medienberichten zufolge als "abenteuerlich" bezeichnet. Der 49-Jährige versichert, kein Hochstapler zu sein und noch "erstklassiges Geheimdienstmaterial" vorzuglegen. Das ist er bisher aber schuldig geblieben.