Russland hat einen seiner schärfsten Putin-Kritiker verloren. Boris Nemzow wurde am Freitag hinterrücks erschossen - ganz nah am Kreml, kurz vor der ersten großen Oppositionskundgebung des Jahres. Wer hat Schuld am feigen Mord? Wem nützt er?

Russland steht nach der Ermordung von Kremlkritiker Boris Nemzow immer noch unter Schock. Zehntausende Menschen gedachten am Sonntag in der russischen Hauptstadt in einem Trauermarsch des früheren Vizeregierungschefs. Die Bluttat löste in Russland, aber auch international Entsetzen aus. Von den Tätern fehlt jede Spur.

Das sind die Fakten

Nach Angaben der Ermittler feuerte der Täter mehrere Schüsse aus einer Makarow-Pistole ab. Die vier Schüsse, die Nemzow gegen 23:30 Uhr (21:30 Uhr MEZ) trafen, seien alle tödlich gewesen, hieß es. Das 55 Jahre alte Opfer war zum Tatzeitpunkt in Begleitung des Models Anna Duritskaya. Die 23-Jährige wurde nicht verletzt. Wie die russische Nachrichtenseite "Rosbalt" berichtet, soll Duritskaya ihrer Mutter am Telefon erzählt haben, dass sie Nemzow darum gebeten habe, mit dem Taxi zu fahren. Aber er habe sich geweigert und wollte lieber zu Fuß gehen. Wie mehrere Medien übereinstimmend berichten, wurde Anna Duritskaja in der Tatnacht stundenlang verhört. Offenbar möchte das Model schnell zurück in die Ukraine. "Ich verstehe nicht, weshalb ich immer noch in Russland bin", zitiert die BBC Duritskaya aus einem Interview mit dem russischen Sender Dozhd.

Der Moskauer Fernsehsender TWZ hat inzwischen ein Überwachungsvideo vom Freitagabend veröffentlicht. In der Aufnahme ist nach Darstellung des Senders zu sehen, wie sich Nemzow mit seiner Begleiterin auf der Großen Moskwa-Brücke in Kreml-Nähe bewegt und von einem Mann verfolgt wird. Ein Winterdienstfahrzeug verdeckt dann die Sicht auf das Paar und den Mann. Wenig später ist zu sehen, wie der mutmaßliche Täter auf die Straße läuft, in ein Auto einsteigt und flüchtet. Etwa zehn Minuten danach trifft die Polizei ein.

Welche Rolle spielte Nemzow im Ukraine-Konflikt?

Boris Nemzow gehörte zu den bedeutendsten Gegnern von Präsident Wladimir Putin. Der 55-Jährige war ein glühender Unterstützer der prowestlichen Regierung der Ukraine. Er war jahrelang beliebter Dauergast in Fernsehsendungen der Ukraine und wurde als Teil eines "besseren Russlands" wahrgenommen. Er unterstützte sowohl die prowestliche Orangene Revolution von 2004 als auch die Massenproteste auf dem Maidan in Kiew vor gut einem Jahr, die zum Sturz von Präsident Viktor Janukowitsch führten.

Der russische Oppositionsführer hoffte stets, dass der Funken der Revolution überspringt und zu einem Sturz Putins und zur Demokratisierung seines Landes führt. Von Februar 2005 bis Oktober 2006 war er zudem Berater des damaligen reformorientierten ukrainischen Präsidenten Viktor Juschtschenko gewesen. Nemzow verurteilte öffentlich die Einverleibung der ukrainischen Halbinsel Krim durch Russland.

Wer könnte hinter dem Mord stecken?

Am Wochenende wurden verschieden Theorien diskutiert. Putin-nahe Medien brachten etwa islamistische Terroristen und westliche Geheimdienste ins Spiel. Andere sehen Nemzow als Opfer zwischen den Fronten eines Konflikts zwischen russischen und ukrainischen Interessen – also als prominentes Kriegsopfer. Am Wochenende wurde bekannt, Boris Nemzow habe die Veröffentlichung von Beweisen für die Präsenz russischer Truppen in der Ostukraine geplant. Der Kreml bestreitet, die Präsenz der russischen Armee.

Der Politiker gab kurz vor seinem Tod dem kremlkritischen Radiosender Echo Moskwy ein Interview, in dem er Russland erneut eine Aggression gegen die Ukraine vorwarf.

Allerdings sind solche Vorwürfe gegen die russische Regierung nicht neu. Zudem fanden bereits frühere Enthüllungen Nemzows kaum Beachtung in der russischen Öffentlichkeit.

Das sind die offenen Fragen

Wie "Bild.de" unter Bezug auf die russische Tageszeitung "Kommersant" berichtet, sollen zahlreiche Videokameras am Tatort ausgeschaltet gewesen sein - um sie zu reparieren, heißt es. Für Russland-Experte Boris Reitschuster stellt sich die Frage: "Wurden die Kameras bewusst abgestellt oder wussten die Täter davon, dass sie nicht gelaufen sind?" Die Stadt Moskau wies inzwischen entsprechende Medienberichte zurück. Alle Kameras funktionierten, heißt es. Die Aufnahmen würden ausgewertet.

Am Sonntag wurde zudem diskutiert, warum zum Tatzeitpunkt ein Winterdienstfahrzeug die Aufzeichnung der Kamera versperrte. Viele glauben nicht an einen Zufall.

Welche Theorie hat der Kreml?

Der Kreml spricht von einem Auftragsmord. Die russischen Behörden vermuten offenbar, dass der Mord einen rechtsextremen Hintergrund hat. Wie der Bayerische Rundfunk (BR) berichtet, wurde ein Spezialist für rechtsextreme und nationalistische Gruppierungen zum Leiter der Sonderkommission ernannt. Igor Krasnow hatte auch den Mord an dem Anwalt Stanislav Markelow im Jahr 2009 aufgeklärt.

Russische Experten glauben offenbar nicht an einen Profikiller, berichtet der BR weiter. Zwei Indizien sprächen dagegen: Zum einen habe der Mörder Nemzow in den Rücken und nicht in den Kopf geschossen. Zum anderen sei das Attentat auf einem stark überwachten Platz verübt worden.

Die russische Ermittlungsbehörde hat indes drei Millionen Rubel (rund 45.000 Euro) Belohnung für Hinweise auf den Täter ausgesetzt. "Wir sind zur Auszahlung bereit, wenn die Tipps zur Klärung dieser Tat führen", teilte die Behörde am Sonntag in Moskau mit. Das Innenministerium forderte mögliche Zeugen des Überfalls, sich zu melden. Die Behörde garantiere Anonymität.

Putin selbst hatte den Mord als Provokation verurteilt. Er kündigte an, alles für die Aufklärung des Verbrechens zu tun.

Mord an Nemzow nicht der erste Mord an Putin-Gegner

Es ist nicht der erste Mord an einem Putin-Gegner und Regime-Kritiker. Umgebracht wurden Paul Klebnikov (Journalist und Herausgeber der russischen Ausgabe des Forbes Magazine), Anna Politkowskaja (Journalistin, Menschenrechtsaktivistin), Alexander Walterowitsch Litwinenko (Doppelagent), Natalja Chussainowna Estemirowa (Journalistin, Menschenrechtsaktivistin), Anastassija Eduardowna Baburowa (Journalistin, politische Aktivistin), Stanislav Markelov (Jurist) und Boris Abramowitsch Beresowski (russischer Unternehmer, Politiker).

Wem nützt der Mord an Nemzow?

"Der Mord an Nemzow kann vielen im Machtapparat nützen", meint Kommentator Alexander Minkin von der Boulevardzeitung "MK". Er vergleicht die aktuelle Lage mit den Zeiten unter Sowjetdiktator Josef Stalin. Wichtig für den Kreml sei allein, die Repressionen zu verschärfen.

Für die ohnehin gespaltene russische Opposition ist Nemzows Tod ein enormer Rückschlag. Keiner unter denen, die die Zukunft mitgestalten könnten, ist so erfahren und wortgewaltig wie er. Doch auch Nemzow vermochte es nie, die vielen Splittergruppen zu einen. Mehr denn je dürften sich deshalb nun die Augen auf den prominenten Korruptionsbekämpfer und Kremlkritiker Alexej Nawalny richten.

Ein Wendepunkt in der politischen Entwicklung Russlands sei der Mord an Nemzow, meint der Politologe Dmitri Trenin vom Carnegie Center in Moskau. Er sieht die Gefahr einer noch größeren Spaltung der Gesellschaft.

Solche politischen Verbrechen in Russland zielen in den Augen vieler Kritiker vor allem auf die Einschüchterung liberaler Kräfte ab. Unvergessen ist etwa der Fall der vor ihrer Wohnung 2006 erschossen kremlkritischen Journalistin Anna Politkowskaja.

Damals wie jetzt im Fall Nemzow ist der Machtapparat schnell bemüht, jeden Verdacht gegen Putin zu zerstreuen. Die Kreml-Linie lautet: Solche Morde schadeten dem Präsidenten doch eher als dass sie ihm nützten. "Bei aller Achtung für das Andenken Boris Nemzows - in politischer Hinsicht hat er keine Bedrohung dargestellt", sagt Putins Sprecher Dmitri Peskow in einem Radiointerview.

Was sagen Putin-Gegner?

Garri Kasparow via Twitter: "Politkowskaja wurde erschossen, Flug MH17 wurde vom Himmel geschossen. Jetzt ist Boris tot. Und wie immer wird der Kreml die Opposition beschuldigen oder die CIA oder wen auch immer."

Marina Litwinenko, Witwe des russischen Oppositionellen Alexander Litwinenko: "Für alles, was in Russland passiert, sind diese Regierung und Herr Putin verantwortlich". Sie hat den Mord an Boris Nemzow als Warnung an die Gegner des Kremls bezeichnet. Es sei eine Art, vorzuführen, dass jeder getötet werde, der das Wort gegen die russische Regierung ergreife, sagte Marina Litwinenko am Sonntag dem BBC Radio 4.

Die Schuldfrage, so heißt es in vielen Kommentaren fast übereinstimmend, wird, wie bei früheren Morden, wohl auch diesmal nie geklärt werden. (far mit Agenturmaterial von dpa)