Wegen des Bruchs der Waffenruhe in der Ukraine hat Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg den russischen Präsident Wladimir Putin in ungewöhnlich scharfer Form persönlich attackiert. Bundeskanzlerin Angela Merkel richtet vor dem G-20-Gipfel einen Appell an Putin - und fordert die vollständige Umsetzung der Friedensvereinbarung für die Ukraine.

In der "Bild"-Zeitung warf Stoltenberg Putin vor, das Aufflammen des Konflikts in der Ukraine befördert zu haben. "Wir haben in den letzten Tagen beobachtet, dass Russland erneut Waffen, Ausrüstung, Artillerie, Panzer und Raketen über die Grenze in die Ukraine gebracht hat", sagte er. "Präsident Putin hat klar die Vereinbarungen zur Waffenruhe gebrochen und erneut die Integrität der Ukraine verletzt."

Auf die Frage, ob ein neuer Kalter Krieg drohe, sagte Stoltenberg: "Nein, aber wir sind auch nicht mehr im Zustand vertrauensvoller Kooperation mit Russland, den wir in den vergangenen Jahren aufgebaut haben." Putin gefährde mit den Flügen russischer Kampfjets auch den zivilen Luftverkehr an den Außengrenzen der Nato, weil die Maschinen ohne Transpondercodes fliegen und nicht mit der Flugsicherung kommunizieren.

Die Nato reagiere auf die russischen Provokationen mit mehr Patrouillenflügen und rotiere mehr Truppen durch Osteuropa, sagte Stoltenberg. Um die Einsatzbereitschaft zu erhöhen, würden zudem mehr Manöver abgehalten. "Jeden zweiten Tag beginnt eine neue Militär-Übung in der Nato."

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat vor dem G-20-Gipfel in Australien von Russland eine vollständige Umsetzung der Friedensvereinbarung für die Ukraine verlangt. Moskau und die prorussischen Separatisten müssten die im September in der weißrussischen Hauptstadt Minsk vereinbarten Friedenspläne "in vollem Umfang" befolgen, erklärte Merkel gemeinsam mit dem neuseeländischen Premierminister John Key. Beide erwarteten von Russland und den Separatisten, "die Souveränität und die territoriale Integrität der Ukraine uneingeschränkt zu respektieren", hieß es. Ziel müsse sein, "die Gewalt zu beenden und eine nachhaltige politische Lösung zu finden".

Merkel hält sich derzeit zu einem Besuch in Neuseeland auf. Am Wochenende will sie am Gipfeltreffen der Staats- und Regierungschef der 20 weltweit führenden Industrie- und Schwellenländer im australischen Brisbane teilnehmen. Dort wird auch Russlands Staatschef Wladimir Putin erwartet.

Der britische Premierminister David Cameron drohte Russland für den Fall einer weiteren Verschärfung der Krise mit neuen Sanktionen. "Russlands Vorgehen in der Ukraine ist inakzeptabel", sagte Cameron in der australischen Hauptstadt Canberra. "Wenn Russland die Lage weiterhin verschlimmert, könnten wir die Sanktionen verschärfen", fügte er hinzu. Im umgekehrten Fall sei aber auch eine Lockerung der Strafmaßnahmen möglich. Die Europäische Union und die USA hatten bereits mehrfach Sanktionen gegen Moskau verhängt. Dies zeigten Wirkung auf die russische Wirtschaft, sagte Cameron nun. (dpa/afp/cai)