"Neukölln ist überall", behauptet Heinz Buschkowsky mit seinem aktuellen Buchtitel. Neuköllns SPD-Bürgermeister sorgt mit diesem Werk und seinen Vorabberichten in der "Bild"-Zeitung für Aufregung. Doch hat er recht damit, dass sich die Probleme des Berliner Bezirks in ganz Deutschland wiederfinden lassen?

Das Thema Zuwanderung und Integration wird immer wieder heftig diskutiert. Häufig sind Polemik, Verallgemeinerungen und gegenseitige Schuldzuweisungen dabei an der Tagesordnung. Buschkowsky macht da keine Ausnahme, auch wenn er betont, "niemals alle Einwanderer, alle Muslime, alle Hartz-IV-Empfänger und alle Jugendlichen" zu meinen.

Die "Münchner Mischung"

41 Prozent der in Neukölln lebenden Menschen haben einen Migrationshintergrund - einer der höchsten Werte unter den Berliner Stadtvierteln. Und doch hat die deutsche Hauptstadt insgesamt nur einen Migrationsanteil von 25 Prozent - weit weniger als in anderen deutschen Großstädten wie München oder Frankfurt am Main (jeweils 38 Prozent).

Trotzdem taucht München in der Berichterstattung über Migration nur selten in den Medien auf. Dabei ist der Anteil der Migranten hier ähnlich hoch wie in Neukölln, dem wohl bekanntesten "Problembezirk" Deutschlands. Die vielen Ausländer in Neukölln gelten als Hauptgrund für die hohe Arbeitslosen- und Kriminalitätsrate des Viertels. Von beidem ist in der bayerischen Hauptstadt nichts zu spüren. Mit fünf Prozent liegt die Arbeitslosenquote deutlich unter dem bundesweiten Durchschnitt von 6,8 Prozent. Zudem ist München die sicherste deutsche Stadt mit mehr als 200.000 Einwohnern. Da stellt sich die Frage: Was macht München besser als Berlin?

Viele Einwanderer kamen in den 1960er und 1970er Jahren in die Stadt an der Isar. Hier wurden sie für den Bau der städtischen U-Bahn und des Olympiageländes für die Spiele 1972 dringend gebraucht. Schon bald bemühte sich die Stadt unter Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel (SPD) um eine Integration der Migranten. 1974 entstand der Ausländerbeirat, der bis heute die politischen Interessen der Stadtbewohner mit Migrationserfahrung vertritt. "Die Stadt sieht Multikulturalität als etwas Positives an und hat ein umfangreiches Integrationskonzept in allen Behörden umgesetzt", erklärt Dr. Margret Spohn von der städtischen Stelle für interkulturelle Arbeit.

Zudem wurden bei neuen Wohnsiedlungen bewusst auf die "Münchner Mischung" geachtet. Eigentums-, Miet- und Sozialwohnungen wurden in direkter Nachbarschaft gebaut, sodass sich in der Stadt keine Ghettos gebildet haben. Der Anteil an Migranten ist in allen Stadtvierteln fast gleich groß. In den sozial schwächeren Bezirken wird die Infrastruktur für die Bewohner verbessert, zum Beispiel durch den Bau eines Kulturzentrums im Hasenbergl. Die Münchner danken es ihrer Stadt: "Bei den gut besuchten Einbürgerungsfeiern finden sich im goldenen Buch sehr positive Eintragungen und viele Danksagungen", berichtet Spohn. Weiter bietet die Wirtschaftsmetropole viele gut bezahlte Arbeitsplätze und zieht damit qualifizierte Fachkräfte an. Anders als in London, Paris oder Berlin gibt es in München keine Ausschreitungen oder brennende Autos. Dies zeigt, dass sich hinter angeblich ethnischen Problemen vielmehr soziale Probleme verbergen und die Politik viel zum Gelingen von Integration und einer friedlichen Koexistenz der Kulturen beitragen kann.

Ist Multikulti gescheitert?

Buschkowsky erklärt in seinem Buch Multikulti für gescheitert. Das muss sich für viele Bürger mit Migrationshintergrund in Deutschland wie ein Schlag ins Gesicht anfühlen. Denn nicht nur in der deutschen Fußball-Nationalmannschaft, auch in der Musik, bei Film und Fernsehen, in der Politik, Wirtschaft und Wissenschaft beweisen täglich Millionen Menschen das Gegenteil. Nicht-Christen stellen sich einen Weihnachtsbaum in ihr Wohnzimmer, Länderspiele zwischen Deutschland und der Türkei werden entgegen allen Befürchtungen friedlich gefeiert. Viele Lebensmittel wie Spaghetti, Zucchini oder Cappuccino sind heute für den deutschen Gaumen unentbehrlich geworden, kamen aber ursprünglich mit den Einwanderern ins Land. Mehrsprachigkeit und multikulturelle Erfahrungen stellen nicht nur in Zeiten der Globalisierung eine Bereicherung dar.

Die Mehrheit der Migranten in Deutschland sprechen deutsch und sind gut integriert. Doch für manche führt das noch nicht weit genug. So wehrte sich erst vor kurzem der deutsche Nationalspieler Sami Khedira gegen öffentliche Vorwürfe, weil er und manche seiner Kollegen die Nationalhymne vor Spielbeginn nicht mitsingen: "Für mich ist ein guter Deutscher, wer die Sprache spricht, die Sitten und Werte des Landes annimmt. Und das tut jeder Einzelne von uns. Uns auf das Nichtsingen der Hymne zu reduzieren und zu sagen, wir sind keine richtigen Deutschen, das ist nicht fair.“ (Quelle: „Süddeutsche Zeitung“)

In Deutschland leben rund 16 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund (Quelle: Statisches Bundesamt). 8,8 Millionen davon haben einen deutschen Pass, 7,2 Millionen sind ausländische Staatsbürger. Ein großer Teil von ihnen sind die sogenannten "Gastarbeiter" und deren Nachkommen, die in den 1950er und 1960er Jahren das deutsche Wirtschaftswunder möglich gemacht haben. Auch heute kann kaum ein Unternehmen auf ihre Arbeitskräfte verzichten, umso weniger angesichts der demographischen Entwicklung und der Überalterung der Gesellschaft. Die deutsche Bevölkerung ohne Migrationshintergrund ist im Schnitt 46 Jahre alt - über zehn Jahre älter als der Anteil mit Migrationserfahrung. Ohne Zuwanderung droht der Gesellschaft bald der Kollaps.