Weil sie die Terrormiliz Islamischer Staat unterstützt haben, sitzen rund 1000 Nicht-Iraker im Irak in Haft. Darunter ist auch die erst 17 Jahre alte Linda W. aus Sachsen. Im Gefängnis konnte Linda jetzt ihre Familie wiedersehen und deutschen Beamten und Journalisten ihre Geschichte erzählen. Was ist sie? Naives Opfer? Überzeugungstäterin? Ein Sicherheitsrisiko für Deutschland?

Der Moment des Wiedersehens, den Reporter der ARD auf Video festgehalten haben, ist bezeichnend für diese Geschichte: Über ein Jahr ist es her, dass Linda W. und ihre Mutter sich zuletzt gesehen haben. Doch als sie sich vor wenigen Wochen in einem Gefängnis in Bagdag gegenüberstehen, fallen sie sich nicht etwa eilig in die Arme.

Ihre Entfremdung ist sichtbar. Beide zögern, grinsen sich vorsichtig an. Langsam geht Linda auf ihre Mutter zu. "Darf ich", fragt Kathrin W., bevor sie ihre Tochter in die Arme schließt.

Von der sächsischen Kleinstadt ins sogenannte Kalifat

Linda W. stammt aus Pulsnitz, einer Kleinstadt in Sachsen. Syrien, der Irak - weit weg könnte man meinen. Doch übers Internet lernt die damals 15-Jährige ein Mädchen kennen, das sie überredet zum Islam zu konvertieren.

Im Netz sieht sie auch Videos vom angeblich paradiesischen Leben im IS-Kaliafat. Die Propaganda stößt bei ihr - mit 15 mitten in der Pubertät, die Scheidung der Eltern gerade hinter sich - auf offene Ohren. "Ich bin nicht mehr an sie herangekommen, das war wie abgeschnitten“, sagt Mutter Kathrin W. heute.

Ein Dschihadist lockt Linda schließlich nach Syrien, verspricht, sie dort zur Frau zu nehmen. Linda packt ihre Sachen und kauft sich ein Flugticket nach Istanbul. Von dort wird sie ins syrische Rakka, später nach Mossul in den Irak gebracht.

Wie genau die junge Deutsche ihre Zeit dort verbracht hat, auf welche Art sie den Islamischen Staat unterstützt hat, das lässt sich auch für die Journalisten, die das Mädchen gemeinsam mit seiner Mutter und seiner Schwester im Irak besuchen durften, nicht abschließend überprüfen. Sie habe nie eine Waffe verwendet, die meiste Zeit in einem Wohnhaus mit anderen Frauen verbracht, beteuert Linda.

"Ich habe mein Leben ruiniert"

Sie behauptet auch, ihre Ausreise zu bereuen. "Ich weiß nicht, wie ich auf eine so dumme Idee kommen konnte. Ich habe mir mein Leben ruiniert", sagt sie den Journalisten.

Die "Zeit" berichtet, deutsche Beamte, die Linda ebenfalls im Gefängnis treffen durften, seien zu der Überzeugung gelangt, dass sich Linda wohl nicht ernsthaft mit dem IS identifiziert habe. Vielmehr sei sie in etwas hineingeraten, das sie nicht überblicken konnte.

Wie ihre Unterstützung des Islamischen Staates juristisch zu bewerten ist, entscheidet nun zunächst ein irakisches Gericht. Bald wird ihr der Prozess gemacht. Als Minderjährige darf sie laut ARD jedoch mit einem milden Urteil rechnen.

Früher oder später wird Linda wohl nach Deutschland zurückkehren dürfen. Damit stellt sich auch hierzulande die Frage nach der Strafverfolgung. Bislang müssen IS-Heimkehrer die Justiz kaum fürchten. Doch nach dem Willen des Bundesanwalts soll sich dies bald ändern.

Mutter und Schwester wollen versuchen, sich nach Jahren der Entfremdung der Tochter und Schwester wieder anzunähern. "Am liebsten würde ich dich in meinen Koffer reinstopfen, zumachen und dich mitnehmen“, sagt Lindas Schwester zum Abschied.