Saudi-Arabien zündelt: Der Thronanwärter sperrt Prinzen und einflussreiche Geschäftsleute weg und heizt die Konflikte mit den Nachbarn Libanon, Jemen und Iran weiter an. Droht die Lage im Nahen und Mittleren Osten zu eskalieren?

Die Lage im Nahen und Mittleren Osten ist angespannt. Neu aufflammende Spannungen können verheerende Folgen haben.

Einer, der momentan die Lage verschärft, ist Saudi-Arabiens Kronprinz Mohammed bin Salman. Als Verteidigungsminister treibt er die aggressive Politik gegen den Iran voran. Dem Erzrivalen wirft er "direkte militärische Aggression" gegen das Königreich vor.

Dafür nahm Mohamed zwei aktuelle Vorfälle zum Anlass: Ein Raketen-Angriff jemenitischer Huthi-Rebellen auf den internationalen Flughafen Riads und der Rücktritt des libanesischen Regierungschef Saad al-Hariri.

Konkret wirft er dem Iran vor, die Huthi-Rebellen im Jemen zu unterstützen - und im Libanon die Hisbollah-Miliz. Vor allem der Libanon scheint nun im Ringen um die Vorherrschaft im Nahen Osten stärker ins Visier zu geraten.

Droht nun ein Krieg in der Region? Nahost-Experte Sebastian Sons erklärt im Gespräch mit unserer Redaktion die komplizierte Situation.

Herr Sons, es scheint ungewöhnlich, dass ein Regierungschef seinen Rücktritt im Ausland verkündet. Warum erklärte der bisherige libanesische Ministerpräsident Saad Al-Hariri seinen in Saudi-Arabien?

Sebastian Sons: Den Libanon kann man eigentlich schon lange nicht mehr als unabhängiges Land betrachten. Die Hisbollah hat dort erhebliche wirtschaftliche und militärisch Macht, kontrolliert zum Beispiel den Flughafen von Beirut.

Bisher hat Saudi-Arabien das akzeptiert. Aber Hariri ist immer weiter auf die Hisbollah zugegangen, hat sich noch letzte Woche mit iranischen Offiziellen getroffen – mag sein, dass das den Saudis zu weit ging. Vielleicht haben sie Druck auf Hariri ausgeübt, möglicherweise ihn sogar zum Rücktritt gezwungen.

Vor ein paar Tagen erst hat Saudi-Arabiens Kronprinz Mohammed bin Salman Prinzen und Geschäftsleute im Land verhaften lassen, damit seine eigene Macht ausgedehnt. Gibt es da einen Zusammenhang?

Das ist leider undurchschaubar. Hariri, der auch Inhaber einer großen Baufirma ist, soll mit einigen der Verhafteten geschäftliche Kontakte gehabt haben. Aber ich glaube nicht, dass das mit der Libanon-Krise zusammenhängt.

Dem Prinzen ging es mit den Verhaftungen vorrangig nicht um Außenpolitik sondern um die inneren Verhältnisse im Königreich. Er will seine Macht festigen und seinen Kampf gegen die Korruption weiterführen. Das ist Doppelmoral bis in die Haarspitzen, weil er ja selbst zum Establishment gehört.

Aber noch wird es ihm von weiten Teilen der Bevölkerung abgekauft. Vor allem die gut ausgebildete Jugend sieht in Salmans Kampagne gegen die Eliten Chancen für den eigenen wirtschaftlichen und sozialen Aufstieg.

Zurück zum Libanon: Warum ist das Land für Saudi-Arabien so wichtig?

Saudi-Arabien fühlt sich eingekesselt von Iran und der Hisbollah. Deshalb hält das Land Einfluss im Libanon für wichtig. Allerdings lässt sich schwer erklären, was die Saudis erreichen wollen.

Hariri hatte gute Beziehungen zu Saudi-Arabien. Mit seinem Rücktritt verlieren die Saudis Einfluss. Die Hisbollah wird dadurch im Libanon noch wichtiger, die Situation hat sich jetzt deutlich destabilisiert.

Man fragt sich: Wollen die Saudis Krieg? Vielleicht wollen sie auch die Israelis in einen Krieg mit der Hisbollah zwingen, weil ja auch diese einen Machtzuwachs der israelfeindlichen Hisbollah mit Sorge sehen.

Ist der Konflikt mit dem Libanon also nur ein Mittel, um die Konflikte anzuheizen?

Bei allen Konflikten in der Region verfolgt Saudi-Arabien eigene Interessen. Das gilt genauso für den Kampf gegen den sogenannten Islamischen Staat wie für die Konflikte im Irak, mit Syrien, mit Katar – und eben auch im Libanon. Und zwar unabhängig davon, ob der Iran mitverantwortlich ist.

Ich glaube, die Saudis wollen einfach ihre eigene Machtstellung sichern und ausweiten. Ich verstehe nur ihre Strategie nicht.

Saudi-Arabien und der Iran gelten als Erzfeinde. Warum?

Das gilt erst seit der iranischen Revolution von 1979. Vorher waren beide Staaten Partner der USA als Bollwerk gegen den Einfluss der Sowjetunion. Nach dem Sturz des Schahs im Iran wurde der Nachbar zum Konkurrenten der USA und damit auch zum Konkurrenten von Saudi-Arabien beim Kampf um die Vorherrschaft in der Region.

Seither wird der Iran von den Saudis nicht mehr als Nationalstaat gesehen sondern als "ideologischer Staat", der seine Revolution exportieren möchte. Hinzu kommt der religiöse Konflikt: Saudi-Arabien glaubt, dass der schiitische Iran das sunnitische Saudi-Arabien stürzen will.

Und dann geht es natürlich auch um geostrategische Absichten, politische Einflusszonen – und nicht zuletzt um den Ölmarkt, auf dem beide Länder konkurrieren.

Saudi-Arabien behauptet, aus dem Jemen mit iranischen Raketen beschossen worden zu sein. Gibt es dafür Beweise?

Beschuss aus dem Bürgerkrieg in Jemen nach Saudi-Arabien gibt es seit längerer Zeit. Aber jetzt wurde zum ersten Mal die Hauptstadt Riad getroffen.

Saudi-Arabien behauptet, das sei nur mit iranischer Hilfe möglich gewesen. Andere meinen, das müsse nicht zwingend eine iranische Rakete gewesen sein.

Aber die Behauptung ist ein weiterer Schritt, um den Iran zu dämonisieren – und eine weitere Eskalationsstufe in dem Konflikt.

Wie ist derzeit die Rolle der USA in der Region zu beurteilen?

Aus saudischer Sicht hat Obamas Nukleardeal mit dem Iran den Erzrivalen wieder aufs internationale Parkett verholfen. Das Land bekam in der Region wieder freie Hand und weitet seinen Einfluss auf Kosten von Saudi-Arabien aus.

Das hat man Obama sehr, sehr übel genommen. Donald Trump ist gegen den Nuklearvertrag, deshalb fühlen sich die Saudis von ihm unterstützt. Aber wenn Trump weiterhin so eindeutig für Saudi-Arabien Partei nimmt wie derzeit, wächst die Gefahr der Eskalation.

Droht jetzt ein Krieg in der Region?

Die Situation ist mit Sicherheit sehr beunruhigend: Die Töne aus Riad werden lauter, die Spirale der Eskalation dreht sich schneller. Das könnte die Vorstufe zu einer militärischen Auseinandersetzung sein. Aber ich halte das nach wie vor nicht für wahrscheinlich. Saudi-Arabien könnten in einem solchen Krieg nur verlieren.

Und ein Krieg in der Region würde das Ende für den Nahen und Mittleren Osten und Saudi-Arabien bedeuten, wie wir sie kennen.

Nahost-Experte Sebastian Sons arbeitet für die Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik in Berlin.