Je stärker ihr der Wind ins Gesicht weht, desto konsequenter lächelt Ursula von der Leyen. Doch für die Chefin der Bundeswehr wird aus dem Wind allmählich ein Sturm. Fast im Wochentakt tauchen neue Hiobsbotschaften auf. Neueste Baustelle der Bundeswehr: das Sturmgewehr G36. Für die Ministerin könnte sich das Verteidigungsministerium allmählich als Schleudersitz entpuppen, der vielen ihrer Vorgängern das vorzeitige Karriere-Aus brachte.

Wer ins Schlaraffenland gelangen will, muss sich erst durch einen Berg aus Brei fressen. Dass Ursula von der Leyen ins Kanzleramt will, wird man aus dem Mund der CDU-Politikerin zwar so nicht hören. Doch dass das Verteidigungsministerium ein Berg ist, an dem schon einige ihrer ebenfalls sehr ambitionierten Vorgänger gescheitert sind, ist kein Geheimnis.

In Ihrer Geschichte hat die Bundesrepublik schon mehrere Verteidigungsminister verschlissen. Franz Josef Strauß, Georg Leber, Manfred Wörner, Rudolf Scharping Karl-Theodor zu Guttenberg sind einige ehemalige Bundeswehr-Chefs, denen die Spitze des Verteidigungsministeriums das vorzeitige Karriere-Aus brachte. Manfred Wörner (CDU), Verteidigungsminister von Oktober 1982 bis Mai 1988, bezeichnete das Amt einmal als "Schleudersitz" und "Schlangengrube".

Bewährungsprobe fürs Kanzleramt

Auf der anderen Seite sagen viele im politischen Berlin: Wer diesen Schleudersitz-Job unbeschadet übersteht, der hat seine Bewährungsprobe für die Kanzlerkandidatur überstanden. Viele sehen in von der Leyen eine ehrgeizige CDU-Allzweckwaffe. Sie hatte vor dem Verteidigungsressort auch schon das Familien- und das Arbeitsministerium geleitet.

Die ersten Monate im Amt müssen für von der Leyen grässlich gewesen sein. Lobbyisten und Vertreter der Rüstungsindustrie rannten ihr die Bude ein. Sie wollten wohl bei der in militärischen Belangen noch unerfahrenen Ministerin schnell Pflöcke einschlagen.

Gleichzeitig tauchten fast im Wochentakt neue Hiobsbotschaften auf: Internationale Transportflüge verzögern sich, weil alte Transall-Maschinen defekt sind. Hubschrauber müssen aus Sicherheitsgründen vorübergehend am Boden bleiben. Jetzt sorgen Testergebnisse zum Sturmgewehr G36 für Aufsehen. Ein Expertengutachten bescheinigt dem Gewehr eine Trefferquote von nur noch sieben Prozent unter Extrembedingungen.

G36 hat keine Zukunft mehr

Verzögerung, Verschleppung, Vertuschung: Von der Leyen musste sich in den vergangenen Tagen Vorwürfe anhören, die so gar nicht zu ihrem Selbstbild passen. Die CDU-Politikerin sieht sich als Macherin, Antreiberin - und jetzt, in der Affäre um Präzisionsprobleme beim Sturmgewehr G36, als Chefaufklärerin. Ihre Strategie für die dreistündige Befragung im Verteidigungsausschuss des Bundestags am Mittwoch war deswegen auch nicht überraschend: Die Flucht nach vorne. Dafür reichte ihr ein einziger Satz: "Das G36 (hat), so wie es heute konstruiert ist, keine Zukunft in der Bundeswehr."

In der vergangenen Woche hatten Experten eine Studie vorgelegt, nach der die Trefferquote des G36 bei extremer Erhitzung von den erforderlichen 90 auf nur noch 7 Prozent sinkt. Ähnlich schlechte Ergebnisse gab es unter Dauerfeuer.

Neben viel Kritik ist hinter den Kulissen aber auch Mitgefühl für von der Leyen zu hören, die viele ihrer heutigen Probleme geerbt hat. "Sie muss ständig neue Brände austreten, da bleibt kaum Zeit für Umstrukturierungen", sagt ein Kenner der Materie.

Er hält die anfangs umstrittene Ernennung der fachfremden Unternehmensberaterin Katrin Suder zur Staatssekretärin für Rüstung für eine der besten Entscheidung der Ministerin.

Die Frau für unerkannte Risiken

Tatsächlich spielen die beiden ungleichen Frauen - Suder redet ohne Schnörkel und liebt Zahlen, von der Leyen lächelt lieber verbindlich - einander perfekt die Bälle zu. Wenn die Ministerin das Gefühl hat, dass in einem großen Rüstungsprojekt irgendwo noch unerkannte Risiken lauern könnten, taucht Suder in die Tiefe und schaut nach. Was sie an die Oberfläche holt, sieht nicht immer schön aus.

Einige Strukturveränderungen hat Suder schon eingeleitet. Damit es nicht wieder passiert, dass wegen Lieferverzögerungen der Industrie Geld aus dem Etat des Verteidigungsministeriums nicht ausgegeben werden kann, darf künftig wieder leicht "überplant" werden. Doch davon merken die Soldaten in ihrem Alltag erst einmal nichts. (far/dpa)