Zwar hat Kanzlerin Angela Merkel kurz vor der Wahl in der Ukraine Präsident Petro Poroschenko noch einmal in Berlin empfangen. Doch die Bilder mit der Deutschen dürften dem Amtsinhaber in seinem bizarren Kampf gegen den Komiker Wolodymyr Selenskyj kaum helfen.

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Im Wahlkampf um das Präsidentenamt in der in die EU strebenden Ukraine jagt eine Kuriosität die nächste. Vor laufenden Kameras unterzogen sich Präsident Petro Poroschenko und sein Herausforderer, der Komiker und haushohe Favorit Wolodymyr Selenskyj, etwa Bluttests auf Drogen und Alkohol. Der 53 Jahre alte Präsident versucht, den 41 Jahren alten Schauspieler als koksende russische Marionette hinzustellen.

Was den rund 30 Millionen Wahlberechtigten in der krisengeschüttelten Ex-Sowjetrepublik vor der Abstimmung am 21. April um das mächtigste Amt des Landes geboten wird, gilt als beispielloses politisches Spektakel. "Das Ende" steht auf einem Plakat, auf dem Poroschenko aus dem Bild - oder aus dem Amt - läuft.

Wenn der Westen an diesem Sonntag Ostern feiert, ist das nach allen Umfragen das mögliche Ende der fünfjährigen Präsidentschaft eines einstigen großen Hoffnungsträgers. Der durch ein Süßwarenimperium reich gewordene Poroschenko war 2014 im Zuge der proeuropäischen Proteste auf dem Maidan in Kiew an die Macht gelangt. Viel Blut ist seither geflossen. Mehr als 100 Menschen starben im Frühjahr vor fünf Jahren in Kiew. Im Kriegsgebiet in der Ostukraine sind UN-Angaben zufolge mehr als 13 000 Menschen gestorben.

Machtbasis bröckelt

Nach dem Sturz des russlandfreundlichen Präsidenten Viktor Janukowitsch gab es in dem verarmten Staat die Hoffnung auf einen prowestlichen Kurs für mehr Wohlstand. Doch in diesem aufgeheizten Wahlkampf sieht sich der Millionär Poroschenko bisweilen sogar in Häftlingskleidung hinter Gitterstäben karikiert. So wird aktuell etwa der ukrainische Rüstungskonzern Ukroboronprom von einem Korruptionsskandal erschüttert - mit möglichen Verbindungen ins Umfeld des Präsidenten.

Das Militär gilt als wichtige Machtbasis für Poroschenko, der die Armee im Konflikt mit Russland wieder zu Stärke geführt hat. Sein Versprechen aber, den vor fünf Jahren begonnenen Krieg zwischen Regierungstruppen und aus Russland unterstützten Separatisten im Industriegebiet Donbass zu beenden, hat er nicht erfüllt. Stattdessen sind viele Menschen ärmer als vor den Protesten.

Prowestlicher Kurs

Da stieß es auch manchen Kommentatoren in der Ukraine sauer auf, dass die hier als Freundin der Ukraine geschätzte Kanzlerin Angela Merkel (CDU) nur den angeschlagenen Präsidenten kurz vor der Abstimmung in Berlin empfing. Den Vorwurf der Wahlkampfhilfe wollte sie zwar nicht gelten lassen. Aber Frankreichs Präsident Emmanuel Macron empfing zusätzlich auch noch Selenskyj, nachdem der im ersten Wahlgang am 31. März Poroschenko mit riesigem Abstand abgehängt hatte.

Auch wenn der EU-Kurs des Landes bei beiden Kandidaten nicht infrage steht, versucht sich Poroschenko mit solchen Besuchen bei Merkel und Macron als einziger Garant für prowestliche Werte in Szene zu setzen. Auf einem Wahlplakat steht er Kremlchef Wladimir Putin gegenüber – die Botschaft: ich oder Russland (Selenskyj). "Poroschenkos Agitation baut auf dem Gefühl der Angst auf, der Angst vor Putin und der russischen Aggression, vor dem unerfahrenen und schwachen Anwärter", schreibt der Politologe Wladimir Fessenko in einem Blog des Internetportals "Ukrainskaja Prawda". Dagegen verbreite Selenskyj "positive Emotion der Hoffnung".

Verzweifelte Versuche

In einem Internetspot wurde der fröhliche Selenskyj von einem Lastwagen überfahren. Ein schlechter Scherz. Immerhin kam 1999 der aussichtsreiche Präsidentenkandidat Wjatscheslaw Tschornowil vor der Wiederwahl Leonid Kutschmas bei einem Lkw-Unfall ums Leben.

Verzweifelt wirkten auch Poroschenkos Versuche, Selenskyj für eine echte Debatte zu treffen. Einmal platzte der Präsident in eine Sendung des TV-Kanals 1+1. Der Sender des ukrainischen Oligarchen Igor Kolomoiski ist Selenskyjs Haussender. Er spielt dort schon seit Jahren in einer extrem erfolgreichen Comedyserie einen Geschichtslehrer, der sich im Präsidentenamt wiederfindet und es mit den korrupten Machtstrukturen aufnimmt. Das ist der Ursprung von Selenskyjs Popularität.

Der Schauspieler ließ Poroschenko stets sitzen – so auch am vergangenen Sonntag. Da tauchte der Präsident im Olympia-Stadion auf für ein Rede-Duell mit seinem Kontrahenten. Wie so oft antwortete Selenskyj, der seinen Wahlkampf vor allem in den sozialen Netzwerken und im Fernsehen führt, per Videoclip: Während Poroschenko im Stadion herumschreie und ihn (Selenskyj) überall verfolge, warteten auf den Präsidenten des Landes doch ernste Aufgaben.

Vom Außenseiter zum Favoriten

"Machen Sie Ihre Arbeit!", sagte Selenskyj kühl. "Denn ein Showman kann Präsident werden, aber ein Präsident, der ein Showman werden will, ist peinlich." Auch aus Poroschenkos Team gab es dieser Tage das Eingeständnis, für die Kommunikation nicht gut aufgestellt gewesen zu sein. Beide Kandidaten trafen am Freitagabend im Olympia-Stadion in Kiew aufeinander. Zu Beginn des Rede-Duells gab es zwar ein freundliches Händeschütteln. Dann aber wiederholten sie vor Tausenden Zuschauern etwa eine Stunde lang aus dem Wahlkampf bekannte Attacken.

Umfragen sehen Selenskyj schon jetzt bei uneinholbaren mehr als 70 Prozent der Stimmen. Für ihn stünde im Fall eines Sieges dann wohl im Mai der Rollenwechsel an. Vom Präsidentendarsteller im Fernsehen ins echte Staatsamt. Leicht wird das nicht.

Der Politneuling hat zwar eine Partei, die den Namen seiner TV-Serie "Sluha narodu" – auf Deutsch: Diener des Volkes – trägt. Eine eigene Machtbasis hat er aber nicht. Er wäre ein Präsident ohne Parlament. Nicht ausgeschlossen, dass er angesichts schon jetzt unklarer Machtverhältnisse als eine der ersten Handlungen im Amt die für Oktober angesetzte Parlamentswahl vorzieht. Auch hier kann sich Selenskyjs Partei laut Umfragen Hoffnungen auf einen Sieg machen.  © dpa

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