An zahlreichen Schulen in Deutschland gibt es Gewalt gegenüber Lehrkräften, wie eine neue Umfrage zeigt. Selbst Grundschüler werden reihenweise auffällig. Der Verband Bildung und Erziehung fordert Gegenmaßnahmen aus der Politik.

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Es sind Zahlen, die nachdenklich stimmen: An etwa jeder dritten Grundschule in Deutschland sind Lehrkräfte in den vergangenen fünf Jahren körperlich angegriffen worden.

Dies berichten die Schulleitungen laut einer in Berlin vorgestellten Umfrage des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE).

Über alle Schulformen hinweg berichtete rund jede vierte Schulleitung von Fällen körperlicher Gewalt gegen Lehrkräfte.

Beschimpfungen, Bedrohungen und Beleidigungen waren an Haupt-, Real- und Gesamtschulen am häufigsten (59 Prozent), gefolgt von Grundschulen (46 Prozent) und Gymnasien (33 Prozent).

Lehrer an einem Viertel aller Schulen körperlich angegriffen

Fast die Hälfte der Schulleitungen (48 Prozent) gab an, dass es an ihrer Schule in den vergangenen fünf Jahren Fälle von "psychischer Gewalt" gab - also Fälle, bei denen Lehrkräfte beschimpft, bedroht, beleidigt, gemobbt oder belästigt wurden.

Fälle von Mobbing, Diffamierung und Belästigung über das Internet gab es laut Studie an jeder fünften Schule.

Ein Viertel der Befragten (26 Prozent) berichtete sogar, dass Lehrer körperlich angegriffen wurden.

Der VBE-Vorsitzende Udo Beckmann erhebt deshalb schwere Vorwürfe gegen die zuständigen Landesregierungen.

Die Bildungsministerien verbreiteten vielfach immer noch das "Märchen", es handele sich nur um Einzelfälle. Viel zu lange habe Angst vor Reputationsverlust zu einer "Kultur des Schweigens" geführt, so der Chef der Lehrergewerkschaft.

Beckmann wies eine Aussage des ehemaligen Recklinghäuser Gymnasiallehrers und Buchautors Wolfgang Kindler zurück, der im WDR 5 Morgenecho gesagt hatte: "Wir haben leider das Problem, dass Kinder aus Migrationszusammenhängen häufig körperlich gewalttätiger sind als andere." Kindler führte als Beispiel den Berliner Bezirk Neukölln an.

"Das kann ich so nicht bestätigen", sagte VBE-Chef Beckmann. Allerdings könne es Konflikte geben, wenn etwa Grundschüler aus anderen Kulturen in ihrem Elternhaus nicht gelernt hätten, mit der Rolle der Frau als gleichberechtigt klarzukommen und Lehrererinnen dann weniger Respekt entgegenbrächten.

Zunehmende Gewalt - gegen den öffentlichen Dienst generell - sei aber ein "gesamtgesellschaftliches Phänomen" und gehe keineswegs vorrangig von Menschen mit Migrationshintergrund aus.

Schwerer Vorwurf an die Politik

Die große Mehrheit der Leitungen von Schulen mit Fällen von Gewalt oder Mobbing meint, ihnen gelinge es meist, die betroffenen Lehrer ausreichend zu unterstützen.

In den anderen Fällen führten das die Befragten vor allem auf uneinsichtige Schüler oder nicht kooperationswillige Eltern zurück.

33 Prozent beklagten, dass das jeweilige Schulministerium sich des Themas nicht ausreichend annehme. Für 22 Prozent ist die Meldung von Vorfällen zu bürokratisch und zeitaufwendig organisiert.

"Das hat Methode", wirft Beckmann der Politik vor. Sie wolle das Ausmaß des Problems vielfach gar nicht kennen, um sich dem nicht stellen zu müssen - und damit sie nicht in schlechtem Licht dastehe.

Bereits 2016 hatte der VBE vor Verrohung gewarnt. Laut einer damaligen Umfrage unter Lehrern hatte es an der Hälfte der Schulen binnen fünf Jahren Fälle psychischer Gewalt gegen Lehrkräfte gegeben. 45.000 Lehrkräfte wurden demnach schon körperlich angegriffen.

VBE-Landesvorsitzender: Rückhalt aus den Behörden fehlt

Aufschluss über die Gründe für Gewalt gibt die Studie nicht. Gerhard Brand, Landesvorsitzender des VBE Baden-Württemberg, benennt diese im Interview mit der "Süddeutschen Zeitung" aus seiner Sicht.

"Häufig zeigen solche Schüler sich vollkommen uneinsichtig und werden von ihren Eltern darin noch bestärkt", bemängelt Brand.

Laut dem VBE-Landesvorsitzenden fehle zudem der Rückhalt aus den Behörden bei tätlichen Angriffen auf Lehrkräfte. Er nimmt die Politik in die Pflicht.

"Es wäre viel gewonnen, wenn vom Gesetzgeber ein klares Statement käme, dass er im Zweifelsfall hinter den Schulen und Lehrkräften steht", so Brand.

"Als der VBE vergangenen September in den Kultusministerien nachgefragt hat, hieß es, Gewalt gegen Lehrkräfte komme doch nur in Einzelfällen vor - in den Ministerien werden dazu aber gar keine Zahlen erhoben. Betroffene Lehrerinnen und Lehrer kommen sich da zu Recht alleingelassen vor."

Betroffene Lehrer stehen als Versager da

Ein weiteres Problem: Betroffene Lehrkräfte hätten oftmals das Gefühl, versagt zu haben, wenn es zu Gewalt im Klassenzimmer komme.

Sie würden den Fehler machen, zu selten zur Schulleitung zu gehen und um Hilfe zu bitten. Hier müsse ein Umdenken stattfinden.

Brand wählt dafür folgendes Beispiel: "Wenn ein Polizist angegriffen und womöglich sogar verletzt wird, gilt er als Held, der sich in den Dienst der Gesellschaft stellt. Passiert das einem Lehrer, steht er als Versager da, der seine Klasse nicht im Griff hat."

Für die Umfrage befragte das Meinungsforschungsinstitut Forsa im Januar und Februar 1.200 Schulleiter in Deutschland.

Die Ergebnisse können damit laut Forsa auf die Gesamtheit der Schulleitungen übertragen werden. Die Fehlertoleranz liegt bei drei Prozentpunkten. (tfr/dpa/AFP)

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