Immer mehr Experten warnen vor einer Eskalation der Meinungsverschiedenheiten mit Russland. Ex-US-Außenminister Henry Kissinger fürchtet gar einen neuen Kalten Krieg - ebenso wie der frühere Sowjet-Präsident Michail Gorbatschow. Eine aktuelle Studie legt die Gefahr zumindest nahe.

Der frühere US-Außenminister Henry Kissinger hat wegen der Ukraine-Krise vor einer "Neuauflage des Kalten Krieges" gewarnt. Am Vortag hatte sich der frühere Sowjet-Präsident Michail Gorbatschow ähnlich geäußert. Zudem zitiert das Nachrichtenmagazin "Spiegel" am Sonntag aus einer Studie, der zufolge es in den vergangenen Monaten zu zahlreichen gefährlichen militärischen Begegnungen zwischen dem Westen und Russland gekommen ist. Offenbar wird die Lage brisanter.

Wenn die Gefahr eines neuen Kalten Krieges nicht ernst genommen würde, "wäre das eine Tragödie", sagte Kissinger dem "Spiegel". Russlands Präsident Wladimir Putin handle aus "strategischer Schwäche, die er als taktische Stärke tarnt". Ein Aufrechterhalten der Sanktionen gegen Moskau hält der 91-Jährige für kontraproduktiv. Von Berlin erwartet Kissinger mehr Initiative in der Außenpolitik: "Deutschland ist heute das wichtigste Land in Europa - und es sollte sich aktiver einbringen."

Michail Gorbatschow: "Westen hat Versprechen nicht gehalten"

Am Vortag hatte der frühere sowjetische Staats- und Parteichef Michail Gorbatschow vor einem Rückfall in alte Zeiten gewarnt. "Die Welt ist an der Schwelle zu einem neuen Kalten Krieg. Manche sagen, er hat schon begonnen", sagte er angesichts der Spannungen im Ukraine-Konflikt. In den vergangenen Monaten habe sich ein "Zusammenbruch des Vertrauens" zwischen Ost und West vollzogen, urteilte der 83-Jährige.

Zugleich warf Gorbatschow dem Westen und insbesondere den USA vor, ihre Versprechen nach der Wende 1989 nicht gehalten zu haben. Stattdessen habe man sich zum Sieger im Kalten Krieg erklärt und Vorteile aus Russlands Schwäche gezogen. "Die Ereignisse der vergangenen Monate sind die Konsequenzen aus einer kurzsichtigen Politik, aus dem Versuch, vollendete Tatsachen zu schaffen und die Interessen des Partners zu ignorieren." Bereits in den 1990er-Jahren sei Russlands Vertrauen erschüttert worden. Die Nato-Erweiterung, Jugoslawien und vor allem der Kosovo seien Beispiele dafür - ebenso wie die Ereignisse im Irak, in Libyen und Syrien.

All dies beeinträchtige die Beziehungen zwischen Russland und Deutschland, sagte Gorbatschow bei seinem Berlin-Besuch am Samstag. "Lasst uns daran erinnern, dass es ohne deutsch-russische Partnerschaft keine Sicherheit in Europa geben kann." Auch er forderte ein stärkeres Engagement Deutschlands für mehr Frieden.

40 brenzlige Situationen zwischen Westen und Russland

Wie brenzlig die Lage ist, zeigt eine aktuelle Studie des Londoner "European Leadership Network" (ELN), die dem "Spiegel" vorliegt. Demnach hat es seit Ausbruch der Ukraine-Krise mehrere gefährliche militärische Begegnungen zwischen dem Westen und Russland gegeben. Allein in den vergangenen acht Monaten sei es "zu 40 brenzligen Situationen" gekommen, zitiert "Spiegel Online" vorab aus der Print-Ausgabe des Magazins, das am Montag erscheint.

Drei Ereignisse hätten sogar das Potenzial gehabt, Todesopfer zu verursachen oder eine kriegerische Auseinandersetzung zwischen der Nato und Russland auszulösen, heißt es weiter. Die Experten des ELN berichten dabei unter anderem von einem Beinahezusammenstoß einer skandinavischen Passagiermaschine mit einem russischen Aufklärungsflugzeug, das seine Position angeblich nicht übermittelt hatte.

Ebenfalls genannt wird das Auftauchen eines mutmaßlich russischen U-Boots vor der schwedischen Küste sowie die Entführung eines estnischen Geheimdienst-Mitarbeiters. "Hier wird ein gefährliches Spiel mit dem äußersten Risiko gespielt", sagte Ex-Verteidigungsminister und ELN-Mitglied Volker Rühe (CDU) dem "Spiegel". (cai/dpa/afp)