Er sprach vom Krieg führen und likte bei Facebook Bilder von Panzern, Soldaten und dicken Brüsten. Der Berliner AfD-Abgeordnete Kay Nerstheimer hat eine bewegte Vergangenheit, die für viel Kritik sorgte, auch aus seiner eigenen Partei. Jetzt hat er auf seinen Platz in der Berliner AfD-Fraktion verzichtet - will aber Abgeordneter bleiben.

Mehr aktuelle News



Er ist ein Mann mit vielen Talenten. Der Berliner AfD-Abgeordnete Kay Nerstheimer hat nach Partei-Angaben die Berufe Maurer, Koch und Sicherheitskraft erlernt. Dazu kommt laut AfD-Homepage ein Fachhochschulstudium in BWL. Geboren wurde der verheiratete Familienvater (Jg.1964) im brandenburgischen Rathenow.

Für die AfD hat er den Wahlkreis Berlin-Lichtenberg 1 am nordöstlichen Stadtrand errungen, einer Gegend, in der es riesige Plattenbau-Siedlungen gibt - und monatelang gegen ein neues Flüchtlingsheim demonstriert wurde.

Wahlkampf mit populistischen Parolen

Gewonnen hat er sein Direktmandat mit nur 26 Prozent (einen Prozentpunkt vor der Linken) - nach einem Wahlkampf mit Parolen, die die soziale Not seiner Wähler gegen andere Hilfsbedürftige ausspielt. "Solange einer unserer Mitbürger, Familien, Senioren oder Kinder Flaschen sammeln oder zur Tafel gehen müssen, um über den Monat zu kommen, haben wir nicht einen Cent für weltfremde, sozialromantische Experimente übrig! Dafür werde ich mich einsetzen!", heißt es auf seinem AfD-Profil im Internet. Es ist eine Aussage, die nicht jeder gut heißen mag - aber es ist auch eine Aussage, die so oder ähnlich auch an den rechten Rändern anderer Parteien zu finden ist.

In der Vergangenheit agierte der Mann mit dem Glasauge offenbar weit weniger gemäßigt. Die Mitgliedschaft in der AfD ist nicht Nerstheimers erstes politisches Engagement. Bereits bei den letzten Abgeordnetenhauswahlen 2011 trat er an, damals auf der Landesliste der islamfeindlichen Kleinstpartei "Die Freiheit".

Nach deren Niederlage radikalisierte er sich weiter. Irgendwann 2012 trat Nerstheimer der GDL bei. Und zwar nicht der allseits bekannten Lokomotivführer-Gewerkschaft, sondern der "German Defence League", einer Organisation, die im 2014 erschienenen Bericht des Landesamts für Verfassungsschutz in Bremen als rechtsextrem und islamfeindlich eingestuft wird. Was die Beamten über die selbstgesteckten Ziele der Gruppierung schreiben, klingt besorgniserregend.



Mitglied in rechtsextremer GDL

Die GDL, "die sich als 'Bewahrer der jüdisch-christlichen, griechisch-römischen Tradition' sieht, hat sich mit dem Ziel gegründet, 'die unveräußerlichen Rechte aller Menschen gegen Übergriffe des radikalen Islam zu schützen' und 'Widerstand gegen Entwicklungen [zu leisten], die unsere Rechte und unsere Freiheit existentiell bedrohen'", heißt es in dem Bericht.

Und weiter: Die Bekräftigung, sich bei Angriffen von politischen Gegnern körperlich zur Wehr zu setzen, steht im Widerspruch zur betonten rechtsstaatlichen Ausrichtung und dem ausschließlich beim Staat liegenden Gewaltmonopol. Im Klartext: Die Gruppierung gilt bei den Beobachtern des Verfassungsschutzes als gewaltbereit und gefährlich.

Nerstheimer spricht vom Krieg führen

Der heutige Abgeordnete der AfD war nicht nur einfaches Mitglied oder Sympathisant der obskuren Organisation. Im Gegenteil: In einem Post von 2012 bezeichnet Nerstheimer sich als "Leader der Berlin Division der German Defence League" und spricht davon, die GDL zu einer Miliz auszubauen.

"In einem Krieg sucht man sich die Seite aus, mit der man am meisten übereinstimmt und dann kämpft man so gut man eben kann", schreibt der spätere Abgeordnete und kündigt eine Vernetzung mit anderen Organisationen an. Künftig wolle die Gruppe allen "islamkritischen Parteien zur Seite stehen", heißt es weiter.

Das einstige Wirken Nerstheimers in der GDL wird auch von Seiten der AfD nicht bestritten. Bereits am Montag bestätigte der Berliner AfD-Chef Georg Pazderski offiziell: Die Vorwürfe stimmen. Nerstheimer war in der GDL. "Nach seiner eigenen Aussage ist er 2012 ausgetreten, also noch vor Gründung der AfD im Jahr 2013 und vor der Beobachtung durch den Bremer Verfassungsschutz", sagte der AfD-Landeschef nach einem Bericht von "Spiegel Online".



Sympathie für Holocaust-Leugner?

Seine Leidenschaft für die extremistische Organisation sowie für deren spanische Variante, die "Liga de Defensa Espanola" und die finnische "Finnish Defence League" spiegelt sich offenbar auch auf der inzwischen nicht mehr öffentlich zugänglichen Facebook-Seite des Abgeordneten wider. Der Journalist Marc Drewello von stern.de hat den Auftritt ausführlich untersucht und ist immer wieder auf gelikte Fotos und Postings islamfeindlicher Gruppierungen gestoßen.

Auch einen Like für eine Aussage des US-Holocaust-Leugners und Geschichtsrevisionisten Harry Elmer Barnes hat der Journalist entdeckt. Darin verharmlost der rechtsextreme Soziologe die Kriegsschuld der Deutschen und wird mit den Worten zitiert: "Ich kenne jedenfalls kein anderes Beispiel in der Geschichte dafür, dass ein Volk diese nahezu wahnsinnige Sucht zeigt, die dunklen Schatten einer Schuld auf sich zunehmen an einem politischen Verbrechen, das es nicht beging - es sei denn jenes Verbrechen, sich selbst die Schuld am Zweiten Weltkrieg aufzubürden!".

Zweiter Weltkrieg, Waffen und große Brüste

Dazu gab die Facebook-Seite bis zu ihrer Deaktivierung offenbar auch Aufschluss über andere Interessen des Volksvertreters. "Unter Nerstheimers Likes befinden sich jede Menge Postings von Panzern, Soldaten und halbnackten Frauen", schreibt Stern-Journalist Drewello - und belegt seine Beobachtung mit zahlreichen eindeutigen Screenshots, zum Beispiel Likes auf Seiten wie "Hey Bitch You Know What Comes Between 'F' 'C' and 'K' Just 'U'" oder "Dirty Girls".

Nun ist die Vorliebe für Fotos von Kriegsgerät und nackten Brüsten zwar nicht jedermanns Sache, aber auch kein Verbrechen. Die Verbreitung von offen rechtsextremen Gedankengut kann dagegen sehr wohl strafbar sein - und auch in einer Partei wie der AfD zum Problem werden.

Während die Berliner Parteiführung sich zunächst hinter Nerstheimer stellte und von einer "zweiten Chance" für den umstrittenen Volksvertreter sprach, kam aus der Bundespartei am Mittwoch deutliche Kritik. "Solche Äußerungen passen nicht in die AfD", sagte Bundesvorstandsmitglied Alice Weidel nach einem Bericht der "FAZ".

"Sie schaden der Partei und schwächen uns gegenüber unseren Gegnern", heißt es weiter. Und: "Sollten wir derartiges Gedankengut in der Partei dulden, bekommen wir ein veritables Glaubwürdigkeitsproblem". Auch die Parteifreunde in Berlin rückten im Verlauf des Mittwochs von Nerstheimer ab. Der zog am Abend die Konsequenzen.

Abgeordneter ohne Fraktion?

Der Lichtenberger Abgeordnete habe schriftlich auf seinen Platz verzichtet, erklärte der Berliner Vize-Landesvorsitzende Hugh Bronson am Mittwochabend. Nerstheimer wird jetzt voraussichtlich als fraktionsloser Abgeordneter ins Parlament gehen. Parteimitglied der AfD wird der Mann allerdings bis auf weiteres bleiben.