• Markus Söder oder Armin Laschet: Die Union ringt mit der Entscheidung für den Kanzlerkandidaten.
  • Dass der CSU-Chef nicht nur in den Umfragen vorne liegt, sondern auch Teile der CDU hinter sich versammelte, bringt die Schwesterpartei in ein Dilemma.
  • Warum Söder nicht zugunsten von Laschet und den Parteifrieden zurücksteckt und welche Schwäche er bei beiden Kandidaten sieht, erklärt der Politikwissenschaftler und CSU-Kenner Heinrich Oberreuter.

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Mit der Harmonie ist es nach nur einem Tag vorbei gewesen. Als CDU-Chef Armin Laschet und sein CSU-Amtskollege Markus Söder am Sonntag vor die Kameras traten und beide ihre Bereitschaft zum Kampf ums Kanzleramt erklärten, wollten sie vor allem eines ausstrahlen: Einigkeit und Geschlossenheit.

Bereits einen Tag später zeigte sich, dass es dann doch noch Klärungsbedarf gibt. Sehr viel sogar. Das ganze Verfahren müsse "vom Ergebnis her" gedacht werden, die Wähler müssten sich damit gut fühlen, nicht die Parteien, sagte Söder am Montag der versammelten Presse nach einer Sitzung der CSU-Spitze. Und: Entscheidungen solcher Tragweite dürften in einer Partei nicht "von oben" kommen, dies berge die Gefahr einer Spaltung.

Kurz zuvor hatten sich in der CDU erst Präsidium und dann Vorstand mit breiter Mehrheit hinter Laschet versammelten. Der Verweis auf die Parteibasis und Umfragen – ein erster Pfeil des bayerische Ministerpräsidenten gen Laschet.

Mit seinem Auftritt bei der CDU/CSU-Bundestagsfraktion am Dienstag habe Söder dann einen weiteren "Orientierungspfeil gesetzt", dem Laschet folgen musste, sagt der Politikwissenschaftler und Kenner der Union, Heinrich Oberreuter, im Gespräch mit unserer Redaktion.

Oberreuter ist selbst langjähriges CSU-Mitglied. Der 78-Jährige betont: Seit dem Söder seine Bereitschaft zur Kandidatur erklärt hat, "treibt er Laschet vor sich her". Doch was ist Söders Plan? Warum steckt er nicht zugunsten von Laschet und des Parteifriedens zurück? Und wie kann die Union diesen Knoten lösen ohne sich weiter selbst zu schaden?

Armin Laschet über Söder: "Wir brauchen keine One-Man-Show"

Klar ist: Die CDU kann der CSU nicht verbieten, einen eigenen Kandidaten zu präsentieren. Er habe der Union lediglich ein Angebot gemacht, wie er am Sonntagabend im ZDF-"Heute Journal" erklärte. "Ich will nichts erzwingen, so wie es die CSU früher gerne gemacht hat."

Doch dem bayerischen Ministerpräsidenten dürfte von Anfang an bewusst gewesen sein, dass er die Schwesterpartei mit seinem Vorgehen ins Bedrängnis bringt – umso mehr mit seinem Auftritt vor den Bundestagsabgeordneten.

Bei seinem Besuch am Dienstag stellten sich nicht nur viele CDU-Abgeordnete hinter Söder. Der lieferte sich im Reichstag mit Laschet auch einen offenen Schlagabtausch.

Der CSU-Chef wies nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur von Teilnehmern darauf hin, dass Wahlen persönlichkeitgeprägt seien und Fernsehduelle eine wichtige Rolle spielten. "Wir brauchen ein gutes Team, aber Spitze ist auch entscheidend." Ein unverhohlener Verweis auf Söders wesentlich bessere Umfragewerte.

"Wir brauchen keine One-Man-Show", entgegnete der CDU-Chef offenbar in Richtung Söder.

Kein Zurück mehr für Söder

Die CDU steckt in einem im Dilemma: Votiert sie für den populäreren Kandidaten Söder, erhöhen sich ihre Chancen bei der Abstimmung im September, so die Hoffnung vieler CDU-Abgeordneter gerade aus dem Südwesten und dem Osten der Republik. Sie bangen um ihr Direktmandat.

Küren die Christdemokraten aber den CSU-Chef zu ihrem Spitzenkandidaten, dann würden sie ihren erst frisch gekürten Parteichef bereits nach drei Monaten im Amt demontieren.

Aus Sicht von CSU-Experte Oberreuter sollte sich die Union "bei der Entscheidung nicht primitiven parteipolitischen Perspektiven unterwerfen". Neben den Umfragen komme es auf die Gestaltungs-, Führungs- und Integrationskraft des künftigen Kanzlerkandidaten an. Oberreuter macht keinen Hehl daraus, dass er Söder im Duell mit Laschet vorne sieht.

Spätestens seit Sonntag gibt es für den CSU-Chef kein Zurück mehr. "Söder glaubt, dass er der geeignetere Kandidat ist und er deshalb um dieses Amt kämpfen muss", sagt Oberreiter. Er betont: "Wenn ein Politiker diese Chance einfach preisgibt, dann wäre er fehl am Platz."

Die Union treibt die Kanzlerfrage zur Spitze

Eine Sache versteht allerdings auch der jahrzehntelange Beobachter der Union nicht: "Warum haben es die beiden Verantwortlichen in Kenntnis der Situation seit einem halben Jahr nicht fertig gebracht auszubaldowern, wer nun Kanzlerkandidat wird?"

Dass die K-Frage nun so auf Spitze getrieben werde, "ist eine Schwäche, die man beiden vorwerfen muss", sagt Oberreuther. "Und die auf die Union zurückfällt."

Nun ist der Schaden da. Wie soll das Dilemma aufgelöst werden?

"Die Union muss einen Weg der Entscheidung, einen rationalen Prozess finden, der für alle Seiten nachvollziehbar ist: für die Kandidaten, die Parteispitzen, die Landesverbände und die Parteibasis", skizziert der Politologe eine Lösung, die für beide Seiten gesichtswahrend sein könnte.

Oberreuter zufolge werde die CDU in den nächsten Tagen in vielen kleinen Kreisen "ihre Haltung zu Laschet ausdiskutieren – mit ungewissem Ausgang". Nach Wunsch beider Kandidaten soll es noch diese Woche Klarheit geben.

Mit Material der dpa.

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