John F. Kennedy gilt als einer der bedeutendsten US-Präsidenten - obwohl er nur drei Jahre an der Macht war. In Interview erklärt der Kennedy-Experte Dr. Andreas Etges, wie Kennedy zur Politik kam, was das besondere an seinem Wahlkampf gegen Richard Nixon 1960 war und wie sich die USA gerade durch seine Ermordung vor 50 Jahren verändert hat.

Herr Etges, John F. Kennedy gilt als einer der bedeutendsten Präsidenten der USA - obwohl er bis zu seiner Ermordung am 22. November 1963 nur drei Jahre im Amt war. Dabei kam er nur über Umwegen zur Politik?

Zum 50. Todestag: Ex-Präsident der USA führte ein wildes Privatleben.

Dr. Edges: Das stimmt. Nach seinem Studium ist er im Zweiten Weltkrieg zum Militär gegangen, wurde dort aber verwundet. Anschließend war er kurzzeitig Journalist, wusste aber nicht so Recht, was er eigentlich machen wollte. Nach dem Tod seines älteren Bruders, der im Zweiten Weltkrieg gefallen war, war dann schnell klar, dass John in die Politik gehen muss. Das war der Wunsch des Vaters. Er wollte, dass die Familienfahne nach Washington getragen wird. Die Wahl fiel dann auf den jüngeren, oft viel kränkeren Sohn, der dann aber sehr schnell Spaß an der politischen Arbeit gefunden hat.

Welche Rolle spielte der Reichtum des Kennedy-Clans?

Wahlkämpfe in den USA sind sehr teuer, das sehen wir ja heute noch. Die Tatsache, dass Kennedys Vater einer der reichsten Amerikaner war, hat ihm bei den Wahlen mit Sicherheit geholfen. Aber das alleine erklärt die zahlreichen Wahlsiege nicht.

Was hat die Person JFK ausgemacht?

Er war charismatisch - da ist er vielleicht am ehesten mit Bill Clinton vergleichbar. In seinen Reden und bei seinen öffentlichen Auftritten mit tausenden Besuchern hatten die Zuhörer das Gefühl, er spricht genau sie an. Er war auch sehr populär bei den Frauen, was er mit speziellen Events für sich genutzt hat. Im Senatswahlkampf in Massachusetts hat er spezielle Tea Partys ausgerichtet, bei denen insgesamt mehr als 50.000 Frauen zu Gast waren. Und er hat es geschafft die junge Bevölkerung für Politik zu begeistern und eine Aufbruchsstimmung zu verbreiten. Das gilt vor allem für den Präsidentschaftswahlkampf 1960.

Die Wahl 1960 hat Kennedy nur hauchdünn gewonnen - auch wegen des ersten Fernsehduells in der US-Geschichte.

Die Wahl hat er nicht nur äußerst knapp gewonnen, sondern es ist auch bis heute äußerst umstritten, ob und auf welcher Seite es Manipulationen gegeben hat. Eigentlich waren es vier Fernsehduelle, aber heute wird sich zumeist nur noch an das erste erinnert, in dem Richard Nixon besonders schlecht aussah. Nixon war zuvor krank gewesen, wirkte müde und erschöpft. Kennedy hingegen kam gerade aus einem Urlaub zurück, war gebräunt und entspannt. Radiohörer sollen angeblich Nixon vorne gesehen haben, während die TV-Zuschauer Kennedy vorne sahen. Und je mehr dann darüber berichtet wurde, dass Kennedy vorne lag, desto mehr ist die Stimmung zu seinen Gunsten gekippt.

Das heißt, dass das Fernsehduell, das ja bis heute einen Höhepunkt in den US-Wahlkämpfen bildet, gar nicht so entscheidend war?

Ja. Zugleich wird noch etwas anderes klar, nämlich dass es weniger darum geht, wie sich die Kandidaten schlagen, sondern um die Erwartungen der Zuschauer - ähnlich wie im letzten Wahlkampf zwischen Barack Obama und Mitt Romney. Alle haben angenommen, dass Romney gegen Obama im TV-Duell überhaupt keine Chance hat, doch dann hat er sich doch erstaunlich gut geschlagen. Was ich damit sagen will: wichtig sind - und das ist bis heute so – vor allem die Erwartungen der Zuschauer und der Kommentatoren. Nixon, der zuvor immerhin acht Jahre Vizepräsident war und deswegen viel mehr politische Erfahrungen hatte, hat schlechter ausgesehen als erwartet - und Kennedy besser.

Womit hat Kennedy die Wahl gewonnen? Er gilt bis heute als einer der Präsidenten, der die USA am stärksten verändert hat. Dabei ist er eigentlich nicht mit einem Reformprogramm angetreten.

Das stimmt. Sowohl bei seiner Rede auf dem demokratischen Nominierungswahlkampf als auch bei seiner Antrittsrede verzichtete Kennedy weitgehend auf Versprechungen. Das ist ungewöhnlich. Kennedy hat vielmehr die Herausforderungen, vor denen die USA und die Welt standen, in den Vordergrund gestellt. Da ging es um Frieden, den Hunger in der Welt und soziale Gerechtigkeit. Er fordert seine Zuhörer und vor allem die junge Generation auf, diese Herausforderungen anzunehmen und mit ihm zusammen die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Das ist sehr ungewöhnlich, hat aber vor allem junge Menschen angesprochen. Er bekommt aber keine deutlichen Mehrheiten im politischen Washington und konnte deswegen kaum Reformen durchsetzen - das aber natürlich auch, weil er nur drei Jahre an der Macht war.

Wie hat Kennedy die USA verändert?

Er war gewissermaßen ein Übergangspräsident, hat vieles vorbereitet, was sein Nachfolger Lyndon B. Johnson dann umgesetzt hat, in der Bürgerrechtspolitik, in der Sozialpolitik. Johnson hat mit dem Programm der "Great Society" das wohl größte Reformprogramm in der Geschichte der USA durchgesetzt. Das wäre ohne Kennedy nicht möglich gewesen. Er hat sich auf die Seite der Bürgerrechtsbewegung gestellt, in seine Amtszeit fallen die ersten Versuche einer Entspannungspolitik mit der UdSSR, er stellte als Erster die Logik des Kalten Krieges infrage. Allerdings muss man sagen, dass er wahrscheinlich das wenigste hätte durchsetzen können.

Auch wenn er nicht ermordet worden wäre?

Es ist sogar so, dass erst durch seine Ermordung die Stimmung im Lande kippt. Kennedy sagte in seiner Antrittsrede: 'Lasst uns anfangen, die Welt zu verändern', Johnson nutzt dann die neue Stimmung: 'Lasst uns weitermachen'. Erst Kennedys Ermordung setzte Kräfte frei, um die USA zu reformieren und vor allem die Bürgerrechtsgesetze durchzusetzen.

Dr. Andreas Etges lehrt Geschichte am Amerika-Institut der LMU München. Er ist Kurator mehrerer Kennedy-Ausstellungen und Autor einer bei dtv erschienenen Biographie von John F. Kennedy.