Der sogenannte "Islamische Staat" (IS) gilt als mächtigste Terrororganisation der Welt und hat al-Kaida längst den Rang abgelaufen. Die beiden Organisationen gelten als verfeindet. Ob es zu einem Terrorwettstreit kommt, ist unter Experten umstritten.

Wenn eine neue Gräueltat des Islamischen Staates bekannt wird, verurteilen Politiker die Verbrechen. Das ist zur politischen Routine geworden. Wenn aber eine Terrororganisation den Terror einer anderen Terrororganisation attackiert, dann ist das durchaus ungewöhnlich.

Genau das geschah im März 2015, als "al-Kaida auf der Arabischen Halbinsel", ein Ableger von al-Kaida, einen IS-Anschlag verurteilte.

Keine Angriffe auf Moschen und Märkte

Selbstmordattentäter töteten im Jemen mehr als 130 Menschen, die meisten von ihnen in Gotteshäusern. al-Kaida-Anführer Aiman Al-Sawahiri, der Nachfolger von Osama Bin Laden, hatte zuvor die Weisung ausgegeben, Moscheen oder Märkte als Anschlagsziele zu meiden.

Schon in der Vergangenheit versuchte er, sich von den Gräueltaten der dschihadistischen Konkurrenz zu distanzieren. Aus Sicht des IS war der Anschlag in einem der Kernländer von al-Kaida eine Kampfansage.

Für den sogenannten "Islamischen Staat" ist der Begriff ein Rotes Tuch.

Hohe Anziehungskraft durch "Kalifat"

Der Islamische Staat hat seit 2014 allmählich die Vorherrschaft im globalen Terrorwettstreit übernommen, wie zuletzt die Attentate von Paris gezeigt haben.

In Syrien und im Irak beherrscht er große Landstriche, Ableger gibt es unter anderem in Libyen, Tunesien, Ägypten, Nigeria, Jemen und Saudi-Arabien. Viele lokale Dschihadistengruppen haben der Miliz ihre Treue geschworen, wie Boko Haram in Nigeria.

"Vom IS geht eine höhere Bedrohung aus als von al-Kaida", sagt der Journalist und Autor Rainer Hermann. Weil der IS über ein Territorium verfüge und dort ein "Kalifat" ausgerufen habe, sei die Anziehungskraft enorm groß.

"Seine Kämpfer kämpfen und sterben für einen 'islamischen Staat' und nicht nur für eine Ideologie", erklärt Hermann. Das Gefährliche sei die Kampferfahrung, die die Dschihadisten dort sammeln und danach an anderen Orten einsetzen können.

Moderne Propaganda

Der Islamische Staat hebt sich auch durch seine Propaganda von der Konkurrenz ab: Schnell geschnittene Videoclips, brutale Hinrichtungsvideos, meist per Facebook und Twitter verbreitet, treffen den Nerv vieler junger Dschihadisten.

Al-Kaida-Videos wirken dagegen etwas altbacken – betagte, bärtige Männer, die lange Predigten über den Propheten Mohammed halten.

Für al-Kaida, das für die Terroranschläge am 11. September 2001 in den USA verantwortlich gemacht wird und unter Osama Bin Laden lange als mächtigste Terrororganisation der Welt galt, ist das Aufkommen des IS ein Ärgernis.

Frostig ist die Stimmung zwischen dem Führungspersonal: Argwohn, Hass sowie gegenseitig Verdächtigungen und Beschimpfungen, oft über soziale Netzwerke ausgetragen, bestimmen meist die Kommunikation.

US-Präsident: "Unser stärkstes Werkzeug ist, keine Angst zu haben."

Al-Kaida braucht "neues Projekt"

Die beiden Organisationen sind längst nicht mehr auf Augenhöhe. "Al-Kaida-Anführer Aiman Al-Sawahiri spielt kaum mehr eine Rolle. Falls al-Kaida neue Bedeutung erlangen wollte, müsste es ein neues Projekt erfinden, um damit Anhänger zurückzuholen", erklärt FAZ-Journalist Hermann.

Andere Experten befürchten, ein solches Projekt könnte ein großer Terroranschlag in der westlichen Welt sein.

"Von der Verbindung europäischer Rekruten mit dem technischen Know-how und der terroristischen Erfahrung der al-Kaida geht in den nächsten Jahren eine konkretere und größere Gefahr für Europa und die USA aus als vom IS", behauptet der Islamwissenschaftler Guido Steinberg in seinem Buch "Kalifat des Schreckens".

Der Terrorismus-Forscher Peter Neumann vom Londoner Kings College sagte der "Süddeutschen Zeitung", dass solche Anschläge die "einzige Karte" seien, "die al-Kaida noch spielen" könne.

Abschreiben sollte man die Terrororganisation also nicht, sie besitzt starke Ableger im Jemen und mit der al-Nusra-Front auch in Syrien.

Die Nusra-Front hatte sich dagegen gewehrt, vom IS "geschluckt" zu werden und dem Rivalen blutige Vergeltung angedroht, nachdem ein Mitglied bei einem IS-Anschlag in der Provinz Aleppo getötet worden war. In Syrien sollen IS und al-Kaida dann auch tatsächlich gegeneinander gekämpft haben.

Dass es zu einem blutigen Wettstreit der Gruppen durch Anschläge in Europa kommen könnte, hält Rainer Hermann aber für unwahrscheinlich.

Terrorwettstreit IS gegen al-Kaida

"Nein, es gibt keine Zeichen dafür, dass ein Terrorwettkampf zwischen dem IS und al-Kaida einsetzt. Bei Charlie Hebdo haben sie ja zusammengearbeitet. Das war ein Hinweis darauf, dass es eine Verschmelzung geben könnte." Ob es angesichts der wachsenden Bedeutungslosigkeit von al-Kaida früher oder später tatsächlich dazu kommen wird, ist ungewiss.

Terrormiliz verfolgt teuflischen Plan für den "totalen Sieg" im Jahr 2020.

Eine gemeinsame Vergangenheit gibt es zumindest. Die Vorgängerorganisation des IS unter Abu Musab al-Zarqawi hatte sich Ende 2004 im Irak der al-Kaida angeschlossen und wurde danach als al-Kaida im Irak (AQI) bezeichnet.

Später benannte sich die besonders brutal gegen Zivilisten vorgehende Gruppierung in "Islamischer Staat im Irak" (ISI), "Islamischer Staat im Irak und in Syrien" (Isis) und seit 2014 in "Islamischer Staat" (IS) um.

Zum Bruch mit al-Kaida kam es 2013, weil der ehrgeizige IS-Führer Abu Bakr al-Baghdadi sein Operationsgebiet nicht auf den Irak beschränken wollte, sondern auch in Syrien und im gesamten arabischen Raum tätig werden wollte.

Dieses Ziel ist längst erreicht. Ob es der einst übermächtigen al-Kaida gefällt oder nicht.

Zur Person: Dr. Rainer Hermann ist Mitglied der Redaktion der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Der Islamwissenschaftler berichtet seit 1996 aus der Türkei und der arabischen Welt, 2012 kehrte er nach Deutschland zurück. 2015 erschien sein Buch "Endstation Islamischer Staat?".