Fünf Monate war Marawi unter Kontrolle islamistischer Aufständischer. Im Oktober vergangenen Jahres erklärten die Philippinen die Stadt für befreit. Doch besiegt sind die IS-Anhänger noch lange nicht. Wie groß die Gefahr eines Kalifats in Südostasien ist, erklärt ein Experte im Interview.

Der philippinische Präsident Rodrigo Duterte inszeniert sich gerne als Hardliner. Der kompromisslose Krieg gegen den Drogenhandel hat in seiner bisherigen Amtszeit seit Juli 2016 bereits mehr als 20.000 Menschenleben gefordert.

Doch Duterte führt einen weiteren Krieg: Im Süden der Philippinen, vor allem auf der Insel Mindanao, versucht der sogenannte Islamische Staat (IS) an Einfluss zu gewinnen.

Fünf Monate lang hielten im vergangenen Jahr muslimische Extremisten die 180.000-Einwohner-Stadt Marawi besetzt, bevor das Militär sie vertreiben konnte.

Ihr Ziel, auf Mindanao einen Rückzugsort für den IS zu schaffen, haben die Islamisten nicht aufgegeben. Zumindest vorerst werde ihnen das nicht gelingen, meint Felix Heiduk von der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik im Interview mit unserer Redaktion.

Herr Heiduk, welche IS-Gruppen sind auf den Philippinen aktiv?

Felix Heiduk: Die Lage ist sehr undurchsichtig. Wir sind auf Angaben der Regierung oder der Extremisten angewiesen. Beide sind nicht verlässliche. Es gibt dort kleine Gruppen, die sich dem IS zugehörig fühlen oder ihm direkt den Treueschwur geleistet haben. Diese Gruppen führen manchmal wechselnde Namen – bei einigen liegt der Verdacht nah, dass es sie nur im Internet gibt.

Größere islamistische Verbände, die sich dem IS angeschlossen haben, sind Teile der Abu Sayyaf und die sogenannte Maute-Gruppe. Viel einflussreicher sind aber nach wie vor die sezessionistischen Rebellengruppen, die für eine Abtrennung der mehrheitlich muslimischen Gebiete von den Philippinen kämpfen.

Wie stark sind die Islamisten?

Bevor sie die Stadt Marawi eingenommen haben, hat die staatliche Seite von ein- bis zweihundert Kämpfern gesprochen. Das hat man später angesichts ihrer Erfolge auf acht- bis neunhundert Mann nach oben korrigiert. Bei der Rückeroberung von Marawi dürften viele von ihnen getötet worden sein – es ist völlig unklar, wie viele es derzeit sind.

Wieso schaffen der "starke Mann" Duterte und sein Militär es nicht, die Islamisten ganz zu vertreiben?

Die Menschen auf Mindanao leiden unter schlechten Verkehrsverbindungen, schlechten Bildungsstrukturen, schwachen staatlichen Institutionen. Sie erleben sich seit Jahrzehnten als abgehängte, unterentwickelte, verarmte Provinz, von der Zentralregierung vergessen. Die Muslime fühlen sich von der christlichen Mehrheit sowie von Polizei und Militär unterdrückt. Das ist der Nährboden, auf dem immer neue Rebellenbewegungen gewachsen sind und auf dem jetzt auch die IS-Ideologie gedeiht.

Duterte ist aber angetreten, um diese Missstände zu beseitigen …

Ja, und deshalb setzt ein Teil der Bevölkerung große Hoffnungen auf ihn. Mit Duterte ist "einer von ihnen" Präsident geworden. Er war zwölf Jahre lang Bürgermeister der zweitgrößten Stadt von Mindanao. Er ist Christ, aber sein Sohn war zum Islam konvertiert. Und Duterte hat sich für die Schaffung einer autonomen muslimischen Region ausgesprochen. Dass er Frieden mit den großen separatistischen Rebellengruppen schließen will, scheint mir ernst gemeinter Bestandteil seiner politischen Agenda zu sein.

Wie groß sind die Chancen auf Frieden in der Region?

Auch das ist sehr schwer zu beurteilen. Es gibt bei den Aufständischen wie auch bei Polizei, Militär und Verwaltung viele, die kein Interesse an einem dauerhaften Frieden haben, weil sie materiell vom derzeitigen Zustand profitieren. Sie kassieren Revolutionssteuern oder verdienen mit Waffen- und Drogenhandel. Der politische Wille ist aber in jedem Fall auf Führungsebene vorhanden.

Wie hat sich die Situation nach der Befreiung von Marawi entwickelt?

Die anfängliche Behauptung der Regierungsseite, dass der IS mit der Einnahme von Marawi erledigt sei, hat sich als falsch erwiesen. Ein militärischer Sieg kann nicht ausreichen, weil die Islamisten das Kalifat als Heilsbringer inszenieren, als Utopie einer besseren Ordnung, als das Ende von Armut und Unterdrückung. Diese Idee lebt und macht den IS für viele attraktiv.

Wie wichtig ist Südostasien für den IS aus internationaler Sicht?

Ich glaube nicht, dass Südostasien eine wirklich große Bedeutung für den Islamischen Staat hat. Es gibt zwar Verbindungen in den Nahen und Mittleren Osten. Aber auf den Philippinen, in Indonesien und Malaysia kämpfen Rebellengruppen, die es auch schon vorher unter anderem Namen gab. Sie rekrutieren lokale Kämpfer, führen lokale Operationen durch, sie sprechen eine andere Sprache. Es gibt keine IS-Zentrale in Syrien, die das organisiert.

Könnten die Philippinen trotzdem zum neuen Rückzugsort des IS werden?

Mit IS-Kämpfern auf den Philippinen kann der IS zeigen: Wir sind noch da, unsere Ideen werden gelebt. Südostasien ist für den IS aus Propagandagründen wichtig, aber nicht als realer Rückzugsort. Dafür ist nicht nur die geografische Distanz viel zu groß. In die IS-Kriege in Syrien und dem Irak sind mehr Muslime aus Belgien gezogen als aus Indonesien, wo weltweit die meisten Muslime leben.

Wie groß ist die Gefahr einer Destabilisierung der gesamten Region aufgrund der Extremisten?

Der IS ist in Südostasien militärisch zu schwach, um eine nennenswerte Gefahr darzustellen. Er konkurriert auf den Philippinen und in Indonesien mit anderen nichtstaatlichen Gewaltakteuren um Einfluss, Geld und Rekruten. Aber das heißt nicht, dass wir den IS in Südostasien los sind. Das Problem bleibt zunächst auf niedriger Eskalationsstufe bestehen. Das kann sich in der Zukunft aber auch wieder ändern.

Zur Person: Dr. Felix Heiduk ist Politikwissenschaftler und arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter bei der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP). Seine Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich Außen- und Sicherheitspolitik Südostasiens.