Mit Hugo Chávez ist eine der wenigen letzten großen Ikonen der Linken verstorben. Der Comandante erlag am Dienstag einem jahrelangen Krebsleiden. Zwischenzeitlich hatte es ausgesehen, als gewinne er den Kampf gegen die heimtückische Krankheit. Am 18. Februar war er nach einem zweimonatigem Aufenthalt auf Kuba in die Heimat zurückgekehrt. "Wir sind in der venezolanischen Heimat zurück. Danke, mein Gott! Danke, geliebtes Volk!", twitterte Chávez nach seiner Ankunft. Der 58-Jährige hatte sich zuvor bei seinem Ziehvater Fidel Castro pflegen lassen. Doch offenbar ging es ihm schlechter als viele angenommen hatten.

Obwohl er seit seiner Rückkehr aus Kuba im Militärkrankenhaus "Dr. Carlos Arvelo" weilte, gab es zuletzt keine akute Verschlechterung seines Gesundheitszustandes. Am Montag wurde bekannt, dass es dem "Vater der Nation" offenbar schlechter ging. Dienstag starb er. Und es scheint, als ob sich die Befürchtungen aus seinem Umfeld bewahrheiten: Der "Primer Mandatario" kam zum Sterben zurück in seine Heimat.

Seit 1999 steuerte er Venezuela auf Kurs Sozialismus und die meisten seiner Landsleute folgten ihm. Streitbar und umstritten, geliebt und gehasst: Hugo Chávez war neben Castro die Symbolfigur der Linken in Lateinamerika. Vor allem die "Chavistas" in den Armenvierteln zeigten ihm oft bedingungslose Treue. Der Ex-Militär war sicher kein Paradebeispiel eines seriösen Politikers und auch kein Vorzeigedemokrat europäischen Maßstabes. Aber die Mehrheit stand hinter ihm. Daran ließ die Wahl am 7. Oktober 2012, rund fünf Monate vor seinem Tod, keinen Zweifel.

Dabei keimte für viele Unterstützer noch am 18. Februar Hoffnung auf, als der 58-Jährige nach über zwei Monaten aus Kuba zurückkehrte. Es stiegen Freuden-Raketen in den Himmel von Caracas. Sein Tod sorgt jetzt weltweit für Trauer. Hollywood-Regisseur Oliver Stone (66) würdigte den sozialistischen Staatschef auf Twitter als "großen Helden für die Mehrheit seiner Leute". Und Oscar-Preisträger Sean Penn (52) sagt in einer Mitteilung, die das Branchenblatt "The Hollywood Reporter" veröffentlichte: "Ich habe einen Freund verloren." Arme Menschen in der ganzen Welt hätten einen Verfechter verloren, fügte der Schauspieler hinzu.

Penn und Stone waren seit Jahren Sympathisanten des umstrittenen Staatschefs. Stone hatte Chávez für seine Dokumentation "South of the Border" (2009) besucht und interviewt. Penn war im vergangenen August zu einer Wahlkampfveranstaltung für Chávez nach Venezuela gereist.

Auch Filmemacher Michael Moore (58) trauert öffentlich um Chávez. Auf Twitter schrieb er, in den US-Medien werde nicht viel Gutes über den Verstorbenen zu hören sein, "da dachte ich mir, ich sorge für etwas Ausgewogenheit". Chávez habe die Einnahmen aus der Ölindustrie genutzt, um drei Viertel der extremen Armut zu eliminieren, er habe Gesundheitsversorgung und Bildung für alle bereitgestellt. Und in einem Gespräch am Rande des Filmfestivals in Venedig 2009 zeigt sich Chávez erfreut, "dass er endlich jemanden traf, den (der frühere US-Präsident George W.) Bush mehr hasste als ihn selber".

Chavéz' Leben war ein steter Kampf, und wenn Menschen nach ihren Freunden und Feinden beurteilt werden, dann war die Liste von Chávez aussagekräftig. Sein Lieblingsfeind war bis zuletzt die US-Regierung, die der wortgewaltige Venezolaner aufs Korn nahm und die für ihn nur das "Yankee-Imperium" war. Freundschaften pflegte der Ex-Oberstleutnant hingegen in seiner Regierungszeit zu zweifelhaften Kollegen, wie Mahmud Ahmadinedschad (Iran), Syriens Baschar al-Assad, Libyens Revolutionsführer Muammar al-Gaddafi und Alexander Lukaschenko (Weißrussland). Die Castros auf Kuba waren bis zur allerletzten Stunde engste Weggefährten.

Die meisten seiner Landsleute störten diese illustren Beziehungen wenig. Auch wenn die Opposition in Venezuela Sturm lief gegen die Chavistas und deren Mission der bolivarischen Revolution, konnte sich Chávez trotz aller Unkenrufe auf seine Klientel, die Armen im Land verlassen. 1999 trat er mit 44 Jahren als jüngster Präsident Venezuelas das Amt erstmals an. Nach der Annahme einer neuen Verfassung gewann Chávez auch 2000 mit klarer Mehrheit die Präsidentschaftswahl. 2002 überstand er einen Putsch. 2006 gewann er die nächste Wahl und am 7. Oktober triumphierte er mit über 55 Prozent so klar, dass die Opposition den Sieg rückhaltlos anerkannte.

Nach Ansicht vieler Oppositioneller schuf Chávez aber diktaturähnliche Zustände in dem südamerikanischen Land, das aufgrund seines immensen Rohstoffreichtums zu den größten Ölexporteuren der Welt zählt. Er regierte mit Dekreten, enteignete große Multis, schloss Radio- und TV-Stationen und sympathisierte mit den marxistischen FARC-Rebellen in Kolumbien.

In der wegen ihrer Länge gefürchteten Sonntagssendung "Aló, Presidente" legte er in bester Fidel-Castro-Manier stundenlang in Anwesenheit von Partei-Claqueuren seine Sicht der Dinge dar. Es gab über 370 Ausgaben. Jahrelang war der frühere US-Präsident George W. Bush seine Lieblings-Zielscheibe. Seine Hasstiraden gegen ihn sind legendär und Chávez beschimpfte Bush auf Spanisch und Englisch. "Völkermörder, Feigling, Alkoholiker", waren nur einige Titel, die Chávez für Bush parat hielt. Auch legendär: "Gestern war der Teufel hier, genau hier. ... Und es riecht hier noch immer nach Schwefel", sagte er 2006 bei der UN-Vollversammlung in New York unter Verweis auf George W. Bush, der am Tag zuvor gesprochen hatte.

Doch abseits aller Polemik und Kampfrhetorik stellte Chávez mit seiner Vereinten Sozialistischen Partei Venezuelas (PSUV) gezielt die Weichen für die dritten Phase der bolivarischen Revolution (2009-2019). Es gab eine deutliche Machtkonzentration zugunsten des Zentralstaates. Bis 2019 war er gewählt, doch konnte er am 10. Januar 2013 seinen Amtseid wegen der schweren Krankheit nicht ablegen, seine Regierung blieb aber im Amt.

Im Fernsehen, im Radio und auf Ladeflächen von Wahlkampflastwagen hatte er seinen Widersachern in den vergangenen Jahren immer wieder trotzig und donnernd zugerufen: "Uh, Ah, Chávez no se va!" (Chávez geht nicht). Der Staatschef, der sein Projekt auf Südamerikas Freiheitshelden Simón Bolívar bezog, musste sich nicht der Opposition und auch keinen Putschisten beugen. Doch gegen die Krankheit waren er und auch die besten Ärzte Kubas und Venezuelas zum Schluss machtlos.

(ae/dpa)