Nur Mann und Frau sollten ein Kind erziehen? Eine Ehe zwischen zwei Männern oder Frauen ist "unnatürlich"? Diese und ähnliche Einwände bringen Kritiker gerne vor, wenn sie gegen die Homo-Ehe wettern. Doch im 21. Jahrhundert ist das nicht mehr zeitgemäß. Wir machen den Faktencheck und entkräften die gängigen Vorurteile.

Politiker in Amsterdam dürften den Kopf schütteln, sollten sie dieser Tage die Debatten in Berlin verfolgen. Seit 2000 gilt in den Niederladen bereits die "Ehe für alle" – doch in Deutschland diskutiert das Parlament 15 Jahre später noch immer über Pro und Kontra der Homo-Ehe. Und das mit einer Leidenschaft, die man nur zu gerne auch bei anderen Themen sehen würde.

Nur ein Beispiel: Die Worte von Helmut Brandt am vergangenen Donnerstag im Bundestag. Der CDU-Abgeordnete hält wenig davon, die Ehe auch für Schwule und Lesben zu öffnen und macht aus seiner Haltung keinen Hehl. Scharf kritisiert er den Vorschlag, homosexuelle Partnerschaften gleichzustellen. Seine Meinung begründet er damit, "dass die klassische Ehe von Mann und Frau eben, wenn auch nicht immer leider, aber doch dazu führt, dass man sich fortpflanzt".

Es war nur einer von vielen Sätzen einer langen Diskussion. Doch er offenbarte exemplarisch, wie weit verbreitet Ressentiments gegen die gleichgeschlechtliche Ehe noch immer sind. Wir haben deshalb mit Marina Rupp über die gängigen – teils platten – Vorurteile gesprochen. Die Soziologin ist stellvertretende Leiterin des Staatsinstituts für Familienforschung an der Universität Bamberg und hat ausführlich zu diesem Thema geforscht, etwa mit der Studie "Kinder in gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften".

Vorurteil #1: Homosexualität und Homo-Ehe sind "unnatürlich"

Es ist einer der häufigsten Vorwürfe, den Kritiker anführen. Sie berufen sich auf ein traditionelles Rollenbild mit Mann, Frau, Kind. Alles andere gilt ihnen als "unnatürlich", "nicht von Gott gewollt" oder "befremdlich". Doch Rupp hat darauf eine so einfache wie entwaffnende Antwort: "Wenn Homosexualität nicht natürlich wäre, käme sie in die Natur gar nicht vor."

Warum aber hält mancher so beharrlich an seinem Bild fest? Rupp kennt die gängigen Vorurteile zur Genüge und weiß, woher diese kommen: "Ausnahmen vom Mainstream werden häufig als falsch angesehen. Hier fühlen sich Menschen meist in ihrem Selbstverständnis und ihren Normvorstellungen bedroht." Und diese festen Vorstellungen zu überdenken, bedeutet vor allem: sich selbst zu hinterfragen. Ein Schritt, zu dem längst nicht jeder bereit ist, wie plumpe Sprüche zur Homo-Ehe immer wieder beweisen.

Vorurteil #2: Die Ehe ist zum Kinderkriegen da – und das können gleichgeschlechtliche Paare nicht

Auch das ist ein geläufiger Einwurf, der auf dem Irrglauben fußt, dass Kinder ausschließlich Mann und Frau vorbehalten wären. Doch die Realität sieht anders aus. "Zwei Frauen können durchaus Kinder bekommen: Bei einer Samenspende ist es dann auch das leibliche Kind einer Frau", sagt Rupp. Und das ist noch nicht alles. "Darüber hinaus können beide, Frauen und Männer, Kinder adoptieren – bisher allerdings nur alleine." Von dem Vorurteil bleibt damit wenig übrig.

Vorurteil #3: Ein Kind sollte von Mann und Frau erzogen werden

Wenn es um den Kinderwunsch von gleichgeschlechtlichen Paaren geht, ist meist der Schritt zur Diskussion um die Erziehung nicht weit. Das weiß auch Rupp: "Dieser Einwand kommt immer. Doch unsere Studie hat gezeigt: Den Kindern geht es sehr gut." Laut der Soziologin hat das viel mit den Eltern zu tun: "Gleichgeschlechtliche Paare wissen, dass sie besonders im Fokus stehen und schnell Kritik ausgesetzt sind. Sie gehen deshalb oft offensiv mit dem Thema um, klären in der Schule auf oder suchen das Gespräch mit den eigenen Kindern."

Auch bei Scheidungskindern, die aus einer Mann-Frau-Ehe in eine gleichgeschlechtliche Beziehung kommen, gebe es keinen Anlass zur Sorge. Anders als oft behauptet, belaste vor allem die Trennung selbst die Kinder – und nicht das neue Umfeld. Hier gebe es keinen Unterschied zu allen anderen Scheidungen, erklärt Rupp.

Vorurteil #4: Die Hetero-Ehe wird durch die Homo-Ehe abgewertet

Rupp hat für dieses Vorurteil wenig übrig: "Die Ehe wird dadurch nicht schlechter, sondern nur vielfältiger." Zumal es den Nörglern an einer rechtlichen Basis fehlt, wie ein Blick ins Grundgesetz erkennen lässt. Darin befasst sich Artikel 6 mit der Ehe, zum Beispiel so: "Ehe und Familie stehen unter dem besonderen Schutz der staatlichen Ordnung." Eine Definition über Mann und Frau, zwei Frauen oder zwei Männer – all das findet sich dort mit keiner Silbe.

Allerdings bleibt es gleichgeschlechtlichen Paaren bisher noch immer verwehrt, gemeinsam ein Kind zu adoptieren. In vielen anderen europäischen Ländern wie Frankreich oder Großbritannien ist das längst selbstverständlich. Rupp ist überzeugt: "Es kann nichts falsch daran sein, dass man allen Menschen eine Familie ermöglicht und ihnen rechtliche Sicherheit gibt."