Gleichstellung statt "bayerisches Bunga-Bunga" und Attacken gegen die Verfassungsrichter: In der Union wird heftig über die Gleichstellung der Homo-Ehe und das Adoptionsrecht für schwule und lesbische Paare gestritten. Und bei allen geht es um die Frage: Was ist heute konservativ?

Auf der einen Seite kämpfen die Befürworter der Gleichstellung der Homo-Ehe für die Gleichberechtigung von Schwulen und Lesben in der Gesellschaft. Sie können sich der Zustimmung der Bevölkerung sicher sein: Laut einer Umfrage des "Stern"-Magazins befürworten 74 Prozent der Deutschen und 64 Prozent der Unionswähler die Gleichstellung der eingetragenen Lebenspartnerschaft mit der Ehe.

Selbst Finanzminister Wolfgang Schäuble spricht sich neuerdings für eine Gleichstellung aus. Ausschlaggebend ist für den 70-Jährigen dabei weniger seine eigene Überzeugung, sondern der Wandel der Gesellschaft: "Wir können nicht bloß sagen: Das ist gut, nur weil es immer schon so war und deshalb muss es so bleiben. Wenn viele Menschen das heute anders sehen, muss man nachdenken", erklärt er seine Kehrtwende im "Tagesspiegel".

Anders sehen das die konservativen Kreise der Union in Berlin und Bayern. Vor allem die CSU macht im Wahlkampf vor den anstehenden Landtagswahlen im September Stimmung gegen die Homo-Ehe. Der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer sagt in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, dass es eine gesetzliche Neuordnung des Ehegattensplittings trotz des Urteils des Bundesverfassungsgerichts in dieser Legislaturperiode mit der CSU "ganz sicher" nicht geben werde.

Vertriebenenpräsidentin Erika Steinbach ging noch weiter und griff die Karlsruher Richter auf Twitter an: "Wer schützt eigentlich unsere Verfassung vor den Verfassungsrichtern?" Für ihren Kommentar schlug ihr eine Welle der Empörung entgegen.

Zu den Hardlinern in der Union gehört Norbert Geis. Der 74-jährige CSU-Politiker mit vier Kindern ist strikter Verfechter der konservativen Familienpolitik und forderte sogar Bundespräsident Joachim Gauck auf, seine Freundin zu heiraten. Er sieht eingetragene Lebenspartnerschaften als keine große Bewegung an: "Die Lebenswirklichkeit ist die Ehe von Mann und Frau, dort leben über 70 Prozent der Kinder", äußert sich Geis in der "Westdeutschen Zeitung".

Auch die CDU-Abgeordnete Katherina Reiche ist für ihre ablehnende Haltung in Bezug auf die Homo-Ehe bekannt. Sie fürchtet um eine Degradierung der traditionellen Ehe und Familie, wenn die homosexuelle Lebenspartnerschaft ihr gleich gestellt wird. Ihr in der Talksendung von Günter Jauch geäußerter Satz, dass es sich bei der Gleichstellung der Homo-Ehe um ein "Rechtsrandgebiet" handle, für das man keine Kraft vergeuden solle, brachte ihr viel Kritik ein.

Reiches Argumentation kann Dr. Stefan Kaufmann nicht verstehen: "Es wird durch die Homo-Ehe und ihre Gleichstellung nicht eine einzige Hetero-Ehe weniger geschlossen und kein einziges Kind weniger geboren. Der Fortbestand unserer Gesellschaft ist durch die Gleichstellung nicht gefährdet", zeigt Dr. Kaufmann im Interview auf. Der 43-jährige Jurist ist der erste bekennende schwule Bundestagsabgeordnete der CDU.

Die Lesben- und Schwulenunion (LSU), die die Interessen von Homosexuellen in CDU und CSU vertritt, ist über das Nein der Parteispitze zur steuerlichen Gleichstellung enttäuscht: "Die Argumente der Befürworter einer sofortigen Gleichstellung sind kaum gehört worden. Wir fühlen uns hier behandelt wie Bürger zweiter Klasse", beklagt LSU-Vorsitzender Alexander Vogt auf der Homepage des Verbands.

Vize-LSU-Chef Thomas Steins geht sogar in die Offensive und wirft dem konservativen Flügel Scheinheiligkeit und Doppelmoral vor. Horst Seehofers außereheliche Affäre oder Scheidungen wie bei Reformgegner Christean Wagner schade den traditionellen Werten mehr als ein bürgerliches Homo-Pärchen. "Es ist konservativer, wenn zwei Lesben füreinander eintreten als bayerisches Bunga-Bunga", erklärte Steins in einem Interview mit dem schwulen Magazin "queer.de".