Nicht nur gegen Terror von außen verstärkten die USA den Schutz nach den Anschlägen von 2001. Längst sind Fahnder genauso für Attacken von innen sensibilisiert - denn dort wächst die Gefahr besonders. Sorge bereitet auch die neue Dimension des Cyber-Terrorismus.

Washington (dpa) - Seine Institution ist ein Kind des Terrors vom 11. September 2001. Doch wenn Michael Leiter, Chef des nach den Anschlägen geschaffenen Zentrums für Terrorismus-Abwehr, ein Bild aktueller Bedrohungen zeichnen soll, musste er den Blick nicht erst in die Ferne, zu Al-Kaida-Hochburgen wie den Jemen oder Pakistan, schweifen lassen. «Unsere absolute Priorität», meinte er düster, sei vielmehr die Identifizierung von Amerikanern, die ihrem Land Schaden zufügen wollen.

«Homegrown Terror» - Terrorismus, der inmitten der USA wächst - sorgt schon seit Jahren unter US-Sicherheitsbehörden für Nervosität und erhebliche Wachsamkeit. «Die Terrorbedrohung hat sich in den vergangenen zehn Jahren bedeutend weiterentwickelt - und sie entwickelt sich immer noch fort», sagte erst vor wenigen Monaten US-Heimatschutzministerin Janet Napolitano. «Wir haben es mit einem Bedrohungsumfeld zu tun, in dem internationale Grenzen gewaltbereiten Extremismus weder definieren noch aufhalten.»

Zwar sei die Zahl potenzieller Täter in den USA klein, weiß der Nationale Geheimdienstdirektor James Clapper. Doch hätten sie es leichter als Ausländer, Zugang zu strategisch wichtigen US-Einrichtungen zu finden. Das sei für ihn Grund genug «ein besonderes Augenmerk auf die Entschlossenheit von Al-Kaida zu richten, Amerikaner zu rekrutieren», berichtet Clapper. «Sie suchen sich nun andere Wege, diesem Land zu schaden», bestätigte im Februar der damalige CIA-Chef Leon Panetta vor dem Kongress.

Für Gary LaFree, Chef des Zentrums für Terrorismusstudien (START) des US-Heimatschutzministeriums, geht dabei nicht allein von einzelnen oder in kleinen Gruppen organisierten radikalen Islamisten die größte Gefahr eines massiven Anschlags aus, sondern ebenso von Rechtsextremen. Diese Fanatiker zeigten durchaus auch Bereitschaft, die Öffentlichkeit zu attackieren, sagte er dem Sender CNN. Und nach einer Studie der Bürgerrechtsorganisation Southern Poverty Law Center vom Februar wachsen solche Gruppen rasant - um 60 Prozent allein 2010, wobei vor allem bewaffnete Bürgerwehren starken Zulauf hätten.

Doch stechen vor allem Fälle von islamischem Radikalismus hervor. Und was bekannt ist, dürfte nur die Spitze des Eisberges sein. Traurige Prominenz erlangte der muslimische Armeepsychiater Nidal Malik Hassan, der im November 2009 auf der texanischen Militärbasis Fort Hood 13 Menschen umbringt. Er soll mit dem gesuchten Hassprediger Anwar al-Awlaki in Kontakt gestanden haben, einem US-Staatsbürger, der inzwischen im Jemen untergetaucht ist. Bis 2002 predigte er noch in einer Moschee im Norden Virginias, jetzt wollen ihn die USA «tot oder lebendig». Nach Al-Awlaki wird auch im Zusammenhang mit dem vereitelten Anschlag des «Unterhosenbombers» auf einen Passagierjet Weihnachten 2009 in der US-Metropole Detroit gefahndet.

Nach Erkenntnissen des Heimatschutzministeriums taucht etwa alle zwei bis drei Wochen ein neuer Verdachtsfall von heimischem Terrorismus auf, in dem international operierende Gruppen eine Rolle spielen, wie der US-Fernsehsender FoxNews berichtete. Erst Mitte Juli wurde ein 22-Jähriger aus dem US-Staat Pennsylvania angeklagt, im Internet «Heilige Krieger» zu Anschlägen innerhalb der USA angestiftet zu haben. «Es gab in der Vergangenheit viele Pläne, bei denen eingegriffen wurde», enthüllte Heimatschutzministerin Napolitano kürzlich. Wie viele genau, sagte sie nicht.

Zentrales Kommunikationsmittel ist das Internet, schreiben die Terrorforscher Rick Nelson und Ben Bodurian vom renommierten Zentrum für Strategische und Internationale Studien (CSIS) in Washington. «US-Bürger und Menschen mit US-Wohnsitz sind lukratives Kapital für globale Terrororganisationen.» Auf Facebook und in tausenden von Islamisten-Chaträumen tummeln sich die radikalen Seelenfänger. Den Kampf der US-Behörden dagegen nennen die Autoren in einer Studie vom vorigen Jahr «defizitär». «Die grenzenlose Reichweite des Netzes erlaubt eine relativ ungehinderte Verbreitung radikalen Materials», befinden sie. Wollen die USA Erfolge verbuchen, bräuchten sie «Personal, Training und Technologie von einzigartiger Qualität».

Das wirft auch ein Schlaglicht auf eine recht neue Front im Anti-Terror-Kampf, an der die USA noch klare Schwächen zeigen. Das US-Verteidigungsministerium gestand kürzlich zähneknirschend ein, dass Hacker im Frühjahr 24.000 sensible Dokumente des Pentagon bei einem Angriff auf eine Vertragsfirma gestohlen hatten - im Auftrag einer ausländischen Regierung. «Diese Sache ist noch etwas neu für uns», räumt Heimatschutzministerin Napolitano ein. «Das alles entwickelt und ändert sich so rasant. Fast immer, wenn man über ein spezielles Virus oder eine schädliche Software redet, ist das schon ein Anachronismus und ziemlich veraltet.»

Dass allerdings die Folgen des Cyber-Terrorismus verheerend sein könnten, ist den US-Offiziellen wohl bewusst. Solche Attacken, weiß der Chef der US-Bundespolizei, Robert Mueller, können «ganze Teile der Infrastruktur beschädigen», wie Stromnetze oder Fluggesellschaften. Schlimmer noch: «Wir hören davon, dass ausländische Regierungen Cyber-Allianzen mit hoch spezialisierten Einzelpersonen schmieden», berichtet Kristen Lord, die am Center for a New American Security, einem US-Institut für Sicherheitspolitik, die Cyber-Sicherheit des Landes untersucht. Dabei gehe es auch um «Cyber-Söldner, die möglicherweise auch mit Terrorgruppen kooperieren.»