Der Giftgaseinsatz im syrischen Bürgerkrieg hat Hunderte Menschen das Leben gekostet. Das scheint inzwischen sicher. Unklar ist bislang noch, wer dafür verantwortlich ist - auch wenn die USA schon mit dem Finger auf das Regime von Präsident Baschar al-Assad zeigen. Sicher ist auch: Das syrische Chemiewaffen-Arsenal ist derzeit die größte Bedrohungen für das Land und die ganze Region. Aus fünf Gründen.

1. Chemiewaffen sind Massenvernichtungswaffen ...

Es klingt so banal und wird doch immer häufig unterschätzt: Die syrischen Chemiewaffen-Bestände sind so gefährlich, weil sie Hunderte, Tausende, Zehntausende und vielleicht sogar noch mehr Menschen töten können.

Chemiewaffen, im Militärjargon häufig C-Waffen genannt, gehören neben atomaren und biologischen Waffen zu den sogenannten Massenvernichtungswaffen. Das heißt, sie töten - anders als konventionelle Waffen wie Bomben, Granaten, Pistolen- und Gewehrmunition - verhältnismäßig wahllos und großflächig. Sie können ganze Landstriche entvölkern und auf Dauer unbewohnbar machen.

Als während des Ersten Weltkrieges erstmals C-Waffen eingesetzt wurden, waren die Folgen verheerend: Soldaten starben zu Tausenden einen qualvollen Tod, weil sie nicht wussten, wie sie sich vor den Kampfstoffen schützen sollten, während ihnen bekannt war, wie sie sich bei gewöhnlichem Artilleriebeschuss zu verhalten hatten. Ähnliches gilt heute, vor allem für die Zivilbevölkerung: Während moderne Streitkräfte häufig so ausgerüstet sind, dass sie gegnerischen Kampfstoffen nicht völlig schutzlos ausgeliefert sind, gibt es für Zivilisten kaum einen Schutz gegen Giftgas und ähnliche Stoffe. Zu welch hohen Opferzahlen das führt, ist nicht nur jetzt im syrischen Bürgerkrieg zu sehen. Auch als der irakische Diktator Saddam Hussein 1988 Chemiewaffen gegen kurdische Zivilisten einsetzte, waren die Folgen dramatisch: Schätzungen gehen von 3.200 bis 5.000 Menschen aus, die damals starben.

2. ... und Assad hat jede Menge davon

Das syrische Chemiewaffenarsenal gilt als eines der größten weltweit. Es gibt unterschiedliche Einschätzungen von Experten dazu, ob es das zweit- oder das drittgrößte Arsenal ist. Weil es keine Kontrollen des Waffenbestandes des Landes gab und gibt, sind alle Angaben dazu immer nur geschätzt.

Als belastbar gilt jedoch, erstens, dass die Syrer ihren Bestand spätestens seit den 1980er Jahren immer weiter ausbauten. Bis zu vier Chemiewaffenfabriken soll es im Land geben; eine davon nördlich von Damaskus, eine weitere in der Nähe des im Bürgerkrieg heftig umkämpften Homs. Zweitens scheint es sicher, dass die heute bedeutendsten chemischen Kampfstoffe zum Repertoire Syriens gehören: Senfgas, Sarin und VX-Gas. Verlässliche Mengenangaben über den syrischen Bestand an diesen Kampfstoffen gibt es nicht. Aber selbst kleinste Mengen von chemischen Waffen können tödlich sein, weshalb auch kleinste Mengen schon eine entsprechend große Gefahr darstellen. Schon ein Tausendstel Gramm VX-Gas beispielsweise gilt als für einen Erwachsenen tödlich.

Eingesetzt werden die chemischen Kampfstoffe heute, indem sie zum Beispiel in die Gefechtsköpfe von Bomben oder Granaten gefüllt und dann ins Zielgebiet geschossen werden. Syrien verfügt über die entsprechenden militärischen Technologien, um das zu tun.

3. Weil hier eine rote Linie überschritten wurde

Die USA als letzte verbliebene Supermacht haben mehrfach klargemacht, dass ein Einsatz von Massenvernichtungswaffen wie chemischen Kampfstoffen in Syrien aus ihrer Sicht ein "game changer" sei. Diese Wendung, die sich mit "Spiel-Veränderer" nur unzureichend ins Deutsche übersetzen lässt, meint: Beim Einsatz von Giftgas in Syrien können sich die USA, der Westen und eigentlich die gesamte Weltgemeinschaft nicht länger aus dem Bürgerkrieg heraushalten. Eine rote Linie wäre überschritten.

Das hat nicht so viel mit angeblichen moralischen Verpflichtungen der USA und der Weltgemeinschaft gegenüber der syrischen Zivilbevölkerung zu tun, die in der realen Außenpolitik nicht viel bedeuten. Es hat aber sehr wohl damit zu tun, dass die USA wie der Westen insgesamt ein eigenes Sicherheitsinteresse daran haben, dass das bislang nur selten gebrochene Tabu, Massenvernichtungswaffen einzusetzen, nicht weiter ausgehöhlt wird. Denn: Wenn es international erst einmal akzeptiert ist - weil es nicht sanktioniert wird -, dass Massenvernichtungswaffen im großen Maßstab in bewaffneten Konflikten eingesetzt werden, dann droht nicht nur ein neues Wettrüsten, sondern auch der Westen müsste mit einem ganz neuen Bedrohungsszenario leben.

Aber: Selbst ein zeitlich begrenzter Einsatz westlicher Streitkräfte in der Region - so richtig und zwingend er auch sein mag - birgt immer das Risiko, den gesamten Nahen Osten weiter zu destabilisieren. Ohnehin ist die Region nach dem Arabischen Frühling in noch größerer Unruhe als zuvor.

4. Weil die Staatengemeinschaft uneins ist

Die Beziehungen zwischen den USA und Russland sind wegen der Enthüllungen des ehemaligen US-Geheimdienstlers Edward Snowden zu den Spionagetätigkeiten der NSA auf einem lange nicht mehr erreichten Tiefpunkt angelangt. In dieser Situation droht sich das Klima zwischen den beiden Staaten wegen des Syrienkonfliktes nun weiter einzutrüben.

Gebetsmühlenhaft hat sich Russland gegen einen Einsatz des Westens in Syrien ausgesprochen. Das ist auch der Grund, weshalb ein UN-Mandat für einen solchen Einsatz kaum zu erwarten ist: Russland kann die dazu notwendigen Beschlüsse des UN-Sicherheitsrates durch sein Vetorecht jederzeit blockieren; ebenso wie die Chinesen das tun können.

Und gerade weil nicht nur in Syrien, sondern infolge der Umbrüche des Arabischen Frühlings zum Beispiel auch in Ägypten die Gewalt eskaliert ist, braucht es statt einer zerstrittenen Weltgemeinschaft ein partnerschaftliches Miteinander der USA und Russland. Solange aber schlechte Stimmung zwischen ihnen herrscht und sich beide Staaten nach den geltenden UN-Regeln gegenseitig blockieren können, ist ein geschlossenes Agieren der Weltgemeinschaft nicht zu erwarten.

5. Weil nicht klar ist, wer die Kontrolle über das syrische Arsenal hat

Eines der Standardargumente dafür, dass das Regime unter Präsident Assad den jüngsten Giftgaseinsatz nahe Damaskus zu verantworten hat, lautet: Nur das Regime hat Zugriff auf diese Waffen. Wirklich?

Die Situation in dem Land ist so unübersichtlich, dass niemand mit letzter Gewissheit sagen kann, wer tatsächlich die Verfügungsgewalt über die syrischen C-Waffen hat; oder über einen Teil davon. Gerade deshalb ist es ja auch so schwer zu sagen, wer für den Einsatz der Kampfstoffe verantwortlich war: Assad selbst? Einer seiner Generale? Ein lokaler Kommandeur? Vielleicht aber auch ein Teil der Opposition, die ja nicht geschlossen gegen Assad steht, sondern sich seit Wochen auch untereinander blutig bekämpft.

Anders ausgedrückt: Was also, wenn das Assad-treue Militär die Kontrolle über zumindest einen Teil des C-Waffen-Arsenals verloren hat? Ist es dann ausgeschlossen, dass Chemiewaffen den in Syrien aktiven Islamisten in die Hände fallen und diese damit Anschläge auch außerhalb des Landes planen? Nein, das ist eben nicht ausgeschlossen und eine große Sorge von Sicherheitsexperten. Ein solcher Terroranschlag hätte verheerende Auswirkungen. Und das Szenario ist nicht aus der Luft gegriffen: 1995 verübten Mitglieder der japanischen Aum-Sekte einen Anschlag mit Sarin auf die U-Bahn in Tokio. 13 Menschen starben, Tausende wurden verletzt. Bei diesem Terrorakt wurden nur etwa 900 Milliliter Sarin eingesetzt.