Israel greift iranische Stellungen in Syrien an – nicht ohne vorher mit Russland zu sprechen. Ähnlich hielt es die Türkei beim Angriff auf kurdische Kämpfer in Afrin. Welche Rolle spielt Russland im gefährlichen Konflikt?

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Seit Wochen verschärft sich die Situation an der syrisch-israelischen Grenze. Verbündete des syrischen Machthabers Bashar al-Assad verzeichneten Geländegewinne. Unter den Kämpfern sind auch Iraner und Milizen der Hisbollah. Immer näher rücken sie an die Golanhöhen. Nun hat Israel Stützpunkte iranischer Verbände angegriffen – nicht ohne zuvor mit Russland zu sprechen.

Am Mittwoch traf sich Israels Premierminister Netanjahu in der russischen Hauptstadt mit Wladimir Putin. Vieles spricht dafür, dass Moskau Israel Grünes Licht gegeben hat – so wie bei Recep Tayyip Erdogans Angriffsbefehl auf kurdische Verbände im syrischen Afrin.

Dass sich Akteure wie Israel und die Türkei so eng mit Moskau abstimmen, hat einen triftigen Grund. "Russland ist momentan der Schlüsselplayer. Putin hat die Fäden in der Hand sowohl was die Zukunft Assads betrifft als auch Irans Interessen in Syrien“, erklärt Nahost-Experte und Islamwissenschaftler Udo Steinbach im Gespräch mit unserer Redaktion.

Russland sei sehr an einer Situation des Gleichgewichtes interessiert. Das liege an den eigenen Interessen im Nahen und Mittleren Osten. Auch Moskau wolle wie die Israelis den Einfluss des Iran in Syrien eindämmen – "nicht zuletzt um den eigenen Einfluss in Syrien zu halten“.

Einfluss Russlands entscheidend

Denn mit Blick auf die Zukunft des Nahen Ostens hat Russland kein Interesse daran, dass der Iran in Syrien weiter an Macht gewinnt. Allerdings ist Russland strategischer und wirtschaftlicher Partner des Iran.

Russland und der Iran wollen beide Assad am Leben halten und verfolgen zugleich wirtschaftliche Interessen. "Die Iraner sind in gewisser Weise auf Russland angewiesen, denn sie haben ein russisches Luftabwehrsystem gekauft, das wichtig ist mit Blick auf einen möglichen Luftangriff aus Israel gegen die iranischen Atomanlagen“, erklärt Steinbach. Damit hat Russland auch politischen Einfluss auf den Iran.

Russland sei extrem viel daran gelegen, dass der Iran nicht aus dem Atomvertrag aussteigt, sagt Steinbach. Nahost-Experte Fathollah-Nejad von der Harvard Kennedy School sieht das im Gespräch mit unserer Redaktion allerdings anders. Auf Russland sei diesbezüglich nicht uneingeschränkt Verlass. Moskau habe sich sehr zurückgehalten, als es darum ging, Donald Trump noch umzustimmen. "Wenn der Atomdeal zusammenbricht, wäre das ein großer Nachteil für die Europäer, weniger für Russland", vermutet Fathollah-Nejad.

Virtuoser Player auf syrischem Schachbrett

Moskau würde viel eher von einem Konflikt zwischen dem Westen und dem Iran profitieren. "Zum einen, weil dann der Ölpreis hoch geht und Russland ein großer Öl-Exporteur ist. Zweitens hat Russland in solchen Zeiten immer wieder eine Vermittlerrolle eingenommen, weil es relativ gute Beziehungen zu beiden Seiten unterhält. Das hilft Russland insofern, dass es dann von beiden Seiten Zugeständnisse fordern kann."

Russland spiele ein doppeltes Spiel, meint Nahost-Experte Fathollah-Nejad. "Das ist Realpolitik." Dass Russland ein Großmeister in doppelten Spielen ist, sei Teil der Wahrheit.

Steinbach sieht das ähnlich: "Russland spielt sehr virtuos auf dem syrischen Schachbrett“, sagt der Experte. "Putin stellt sich selbst immer wieder als verlässlichen Partner dar. Er ist Verbündeter mit dem Iran, wenn es um anti-westliche Politik geht, wenn es um Assad geht. Nur hat er eben auch ein Interesse daran, dass sich die iranische Politik nicht verselbstständigt", so Steinbach weiter.

Dabei sei die russische Politik sehr rational – auch was Bashar al-Assad betrifft. Assad sei zwar ein Verbündeter, aber seine künftige Machtausübung hänge stark von Russland ab. "Und Putin wird sich von Assad nicht die Butter vom Brot nehmen lassen: Russland lenkt die Geschicke, nicht der syrische Machthaber." Oberstes Ziel: Russland will seinen Einfluss im Nahen und Mittleren Osten ausbauen.

Kann Putin deeskalieren?

So wie Russland gehe es allen Playern nur um eigene Interessen. "Niemandem geht es wirklich um Syriens Zukunft beziehungsweise um das syrische Volk." Wie sich die Situation weiter entwickeln wird, ist schwer vorherzusehen. "Ein Militärschlag gegen den Iran wäre einfach nur verrückt. Der Iran ist hochgerüstet, das weiß man auch im Pentagon", sagt Fathollah-Nejad. "Vorerst wird sich alles auf syrischem Boden abspielen. Ob sich die Kämpfe irgendwann auf andere Länder des Nahen Ostens ausweiten, kann ich nicht sagen. Dazu ist es zu früh."

Dass andere Länder, Nicht-Akteure, vermitteln können, ist fraglich. Europa stehe momentan an der Seitenlinie, sagt Steinbach. Wenn es die EU allerdings schaffe, sich wieder zu einem außenpolitischen Player zu entwickeln, ließe sich die Basis für eine Win-Win-Situation zwischen den Akteuren schaffen.

Europa müsste die Rolle eines fairen Vermittlers einnehmen. Dann wäre in der Zukunft auch die EU eine Macht.

Doch die Lunte am Pulverfass Naher Osten glüht bereits. Alle Augen sind daher nun auf Russland gerichtet. Putin als Strippenzieher könne sie zwar nicht löschen, "aber er kann verhindern, dass sie zur Explosion führt. Das bedeutet, dass er die Israelis auch einhegen muss", beurteilt Steinbach die Lage.

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