Politisch tot, aber noch immer angriffslustig: Bei ihrer Buchvorstellung "Die Rote Rebellin – Fortschritt braucht Provokation" teilt Gabriele Pauli, die einzige parteilose Abgeordnete im bayerischen Landtag, noch einmal richtig aus - gerade noch rechtzeitig, bevor sie sich endgültig aus der Politik verabschiedet.

Landtagswahl in Bayern: Ude und der SPD droht ein neues Debakel.

Erst "schöne Landrätin", dann "Zerstoiberin", zuletzt "Latex-Lady" und "Querulantin": Wie wurde Gabriele Pauli während ihrer knapp 24 Jahren in der bayerischen Politik nicht alles genannt. Zwei Wochen, bevor die mittlerweile isolierte Landtagsabgeordnete sich aus Mangel an einer Partei, die sie noch aufnehmen will, aus der Politik zurückziehen muss, wetzt sie noch einmal die Messer.

Im Visier: Stoiber, Seehofer, eigentlich die ganze CSU, dazu noch Freie-Wähler-Chef Hubert Aiwanger. In beiden Parteien war Pauli aktiv, beide Parteien profitierten von ihr.

Von der "Zerstoiberin" zur "Latex-Lady"

Als jüngste Politikerin aller Zeiten wurde Pauli mit 32 Jahren zur CSU-Landrätin in Fürth. Lange arbeitete sie dort im Verborgenen – ehe sie 2007 zur CSU-Rebellin und zum Stolperstein für Edmund Stoiber avancierte. Der damals seit 14 Jahren regierende bayerische Ministerpräsident nahm seinen Hut - unter anderem, weil bekannt wurde, dass die bayerische Staatskanzlei Pauli nachschnüffeln ließ.

Die Medien feierten sie als "Zerstoiberin", die eigene Partei dankte es ihr freilich nicht. Die anschließende Wahl zum neuen CSU-Vorsitzenden verlor sie mit nur 2,5 Prozent der Stimmen haushoch. Stoiber-Intimus Erwin Huber wurde Parteivorsitzender. Einer wirklichen Erneuerung der zwischen 1962 und 2008 in Bayern mit absoluter Mehrheit regierenden CSU, wie sie Pauli nach eigenem Bekunden betreiben wollte, war damit ein Riegel vorgeschoben.

Zuvor hatte sie noch einmal für mediale Aufregung gesorgt, diesmal wendete sich das Blatt aber gegen sie. Für das Magazin "Park Avenue" ließ sie sich ablichten - mit roter Perücke und schwarzen Latex-Handschuhen. Nicht nur der Boulevard schrieb anschließend vom Domina-Outfit der schönen Landrätin.

"Wenn die Handschuhe grau oder beige gewesen wären, wäre gar keine Aufregung entstanden", sagt Pauli heute über die Fotos im Gespräch mit unserem Portal. Im Buch schreibt sie, dass sie von dem Magazin hereingelegt worden sei. "Die Fotos wurden unseriös überarbeitet. Und meine Zitate sowie die Darstellung sollte mit mir abgesprochen werden. Das ist aber nicht passiert. Da hat mich der Verlag gerollt", so Pauli.

Überall ungewollt

Den CSU-Granden trieben die Bilder die Schamesröte ins Gesicht, nicht wenige wollten Pauli im Anschluss ganz loswerden: In ihrem Buch schreibt Pauli von heftigem Mobbing gegen sie. 2007 verließ sie dann freiwillig die CSU und fand ein Jahr später eine neue politische Heimat - bei den Freien Wählern.

Doch auch dort sollte sie politisch nicht glücklich werden. Bei der Buchvorstellung am Donnerstag betonte sie noch einmal ihre entscheidende Rolle im Landtagswahlkampf 2008, auch wegen ihrer Popularität seien die Freien Wähler mit unerwarteten 10,2 Prozent der Stimmen 2008 in den bayerischen Landtag eingezogen, findet Pauli.

Bereits 2009 folgte der Bruch. Pauli stellt es in ihrem Buch als Eifersüchtelei von Aiwanger dar. Sie nennt ihn "Meister der Intrige" und "bäuerlich geprägten Macho". Er habe sie aus Angst vor ihrer Popularität aus der Partei geekelt. Inhaltlich ging es um die Frage, ob die Freien Wähler bei der Bundestagswahl 2009 antreten sollten. Pauli war dafür, Aiwanger dagegen.

Sie regte an, dafür eine Partei zu gründen, "natürlich eine Freie-Wähler-Partei", schreibt sie in ihrem Buch. "Er stellte meine Pläne so dar, als ob ich eine konkurrierende Partei zu den Freien Wählern gründen wollte." Das sei eine infame Lüge gewesen - und führte am Ende zu ihrem Ausschluss aus der Fraktion. Pauli stand endgültig ohne Partei da.

Zwei Populisten - eine Partei

Auch an Horst Seehofer lässt sie kein gutes Haar - und sieht bei dem aktuellen Ministerpräsidenten wenige Vorzüge im Vergleich zu ihrem alten CSU-Rivalen Stoiber: "Der eine ist eher der verbissene Populist, der andere der biedere." Stoiber habe sich einen Namen gemacht, indem er besonders seine Intelligenz und seinen Fleiß in den Vordergrund gestellt habe. Seehofer gebe sich da wesentlich volksnäher, so in die Richtung "'Ich bin doch einer von euch', 'Ich ändere auch mal meine Meinung'; also eher der gemütliche Macher", sagt Pauli unserem Portal.

Seehofer setze in bester CSU-Manier "auf plakative Parolen, da muss man sich nur die Plakate anschauen, die sind ja sowas von oberflächlich." Er sei "ein Scheinriese, der inhaltlich nicht viel Neues bringt, denn es ist fast austauschbar, was er sagt", sagt Pauli, die vor über 25 Jahren über die PR-Strategie der CSU promovierte.

Kein Wunder, dass sie bei der Landtagswahl in Bayern am 15. September "die CSU nicht wählen wird" - obwohl sie sich nach eigenen Worten immer noch dem konservativen Milieu zugehörig fühlt. "Die etablierten Parteien sind generell tabu für mich." Wen sie wählen wird, bleibt ihr Geheimnis.

Dass sich an den Machtverhältnissen nach der Wahl etwas ändern wird, glaubt sie ohnehin nicht: "Die CSU wird wieder etwas dazu gewinnen, was nach dem Absturz 2008 aber nicht sonderlich schwer wird", prognostiziert Pauli. "Auch die FDP wird wieder in den Landtag kommen, so dass es bei der aktuellen Koalition bleiben wird."

Was nun, Frau Pauli?

Die kommende Legislaturperiode wird Pauli nicht mehr im Landtag erleben. Die vergangenen vier Jahre saß sie dort isoliert in der letzten Reihe - ohne Büro, ohne Partei, mit der sie Veranstaltungen planen kann, ohne das Recht, aktuelle Anträge zu stellen. Selbst ihr Rederecht ist auf zwei Minuten beschränkt. Nur in Ausnahmen kann es verlängert werden. Einmal habe sie sogar sieben Minuten sprechen dürfen, sagt sie im Gespräch mit unserem Portal stolz.

Nun zieht sie sich aus der Politik zurück, will in Zukunft vor allem Seminare geben, dabei über Mut sprechen. Eigentlich schade, denn dass sie immer noch ebenso angriffslustig und schlagfertig ist wie damals, als sie als einfache Landrätin Edmund Stoiber den Rücktritt nahelegte, bekam bei der Buchvorstellung eine Journalistin zu spüren.

Auf die Frage, von was Pauli, die erst in sechs Jahren Rente für ihre Arbeit als Landrätin bekomme, jetzt leben wolle oder ob sie so viel Vermögen angehäuft habe, stellt Pauli prompt die Gegenfrage nach den Vermögensverhältnissen der Journalistin. Diese gibt bereitwillig Antwort, ehe Pauli trocken sagt: "Sehen sie, eine Selbstauskunft ist freiwillig und ich möchte sie nicht geben."

Zumindest keine finanzielle, möchte man hinzufügen.