Das Morning Briefing von Gabor Steingart - kontrovers, kritisch und humorvoll. Wissen, über was politisch diskutiert wird. Heute: Während des Corona-Impfchaos könnte Deutschland einen Staatsmann wie Helmut Schmidt gut brauchen.

Gabor Steingart
Eine Kolumne
von Gabor Steingart
Diese Kolumne stellt die Sicht des Autors dar. Hier finden Sie Informationen dazu, wie wir mit Meinungen in Texten umgehen.

Guten Morgen liebe Leser,

mitten in der Nacht, zwischen 00.14 und 2.05 Uhr brechen am 17. Februar 1962 die ersten Deiche. Das alte Land, Harburg, Allermöhe, Finkenwerder, Neugraben, Billwerder werden überschwemmt. Zehntausende sind in den eisigen Fluten gefangen, vor allem in Wilhelmsburg. Über 50 Deiche rund um Hamburg brechen unter dem Druck der Wassermassen.

Die Menschen ertrinken in ihren Häusern oder versuchen sich auf Bäume und Dächer zu retten. Das Vieh stirbt unter lautem Wehklagen eingekerkert in den Ställen. Die Sturmflut rast auf die Hamburger Innenstadt zu.

Eine Frau wird mit einem Schlauchboot in Sicherheit gebracht. In der Nacht zum 17.02.1962 verursachte das Sturmtief "Vincinette" (Siegreiche) in Norddeutschland die folgenschwerste Sturmflut des Jahrhunderts. Orkanböen mit 130 Kilometern pro Stunde fegten über der Nordsee und pressten das Wasser in die Mündungen von Elbe und Weser. An rund 60 Stellen brachen die Deiche. 20.000 Menschen wurden obdachlos, Tausende verloren binnen weniger Minuten ihre gesamte Habe. Insgesamt kamen 347 Menschen ums Leben, davon 315 in der Hansestadt. Allein in der Hamburg verursachte die Sturmflut einen Schaden von 873 Millionen Mark, in ganz Norddeutschland sind es knapp 2,9 Milliarden. Ort: Hamburg (Deutschland) Datum: Sat Feb 17 00:00:00 CET 1962

Am Morgen um 6.20 Uhr wird Polizeisenator Helmut Schmidt, SPD, über die Naturkatastrophe informiert, was dann geschah, schildert der Schmidt-Biograf Jan Meyer-Odenwald so:

"Schmidt schmeißt die nötigsten Klamotten über und eilt unrasiert aus dem Haus. Im Polizeigebäude lässt er sich über das Drama informieren. ,Ganz Hamburg ersäuft!’, brüllt ein Offizier mit Tränen in den Augen. 20 Prozent der Stadtfläche sind von 220 Millionen Kubik­meter Elbwasser überflutet. Nichts geht mehr."

Helmut Schmidt schießt in diesen schicksalhaften Stunden zu jenem Helmut Schmidt empor, der den Deutschen bis heute als Macher in Erinnerung blieb. Es war jener Mann, der von sich später sagen sollte:

"Wenn anderen heiß wird, wird mir kalt. Wenn anderen kalt wird, werde ich eiskalt."

Helmut Schmidt

Für bürokratische Prozeduren, politische Rangordnungskämpfe oder auch nur die absichernde Nachfrage bei Juristen der Senatsverwaltung ist an diesem frühen Sonnabendmorgen keine Zeit. Schmidt bringt die Nato und auch die Bundeswehr in Stellung, die laut Grundgesetz aufgrund der Erfahrungen aus dem "Dritten Reich" nicht im eigenen Land eingesetzt wer­den darf.

Schmidt bittet den Nato-Oberbefehlshaber Lauris Norstad, amerikanischer Viersternegeneral mit ­Dienstsitz in Fontainebleau im Norden Frankreichs, um Beistand. Trotz Flugverbots bei den obwaltenden Sturmstärken tref­fen die Helikopter der Nato in der Hansestadt ein. In abenteuerlichen Rettungsaktionen sammeln sie halbtote Menschen von Bäumen, Masten und Hausdächern.

Auch Bundeswehr-Admiral Bernhard Rogge, der norddeutsche Wehrbereichsbeauftragte mit Sitz in Kiel, wird von Schmidt angerufen. Schmidt überzeugt ihn, das Grundgesetz zu ignorieren.

Per Fernschreiben wird das Bundesverteidigungsmi­nisterium auf der Hardthöhe in Bonn angefunkt. "Wir brauchen umgehend Pioniere, Schlauchboote, Bulldozer", so Schmidt kurz und unmissverständlich. Insgesamt sind an diesem Wochenende im Februar 1962 rund 40.000 Helfer im Einsatz. Feldjäger der Bundeswehr errichten Absper­rungen und regeln den Verkehr im Umland. Die Nato versorgt aus der Luft die abgeschnittenen Ortschaften mit Trinkwasser. Froschmänner aus Dänemark bergen Leichen.

Nach überstandener Katastrophe erscheinen zur Trauerfeier für die Toten auf dem Hamburger Rathausmarkt 150.000 Menschen. Sie gedenken der Opfer und verneigen sich vor jenem Helmut Schmidt, der in der Stunde der Bewährung seine Qualifikation für höchste Ämter vor aller Welt gezeigt hatte.

Womit wir im Durcheinandertal von Berlin wären. In der Stunde der Not, die angesichts der mittlerweile verfügbaren Impfstoffe eine Stunde der Chance sein sollte, wirkt das Führungspersonal uneins und in Machtkämpfe verstrickt. Europaweit und auch innerhalb des deutschen Kabinetts befasst man sich hingebungsvoll mit Kompetenzfragen.

Während im Staat Israel bereits mehr als eine Million Menschen eine Impfung erhalten haben – der Oxford-Website "Our World in Data" zufolge ist das Land damit einsame Spitze – herrscht hierzulande bei der Impfstoffverteilung der Mangel. Die Regierung schießt kommunikative Salven ab, aber schiebt in der Impfpraxis eine ruhige Kugel.

  • Statt der angebotenen 500 Millionen Dosen des Biontech-Pfizer-Impfstoffs orderten die Europäer lediglich 200 Millionen – mit einer Option auf 100 Millionen weitere. Angesichts der hohen Sterberate – aktuell knapp 3.000 Menschen lassen in der EU an und mit Covid-19 täglich ihr Leben – ist diese Zurückhaltung bei dem seit Spätsommer 2020 als vielversprechend geltenden Impfstoff unverständlich.
  • Die Europäer setzten zunächst auf den Anbieter AstraZeneca, sicherten sich dort bis zu 400 Millionen Impfrationen. Doch der gemeinsam mit der Oxford-Universität entwickelte Impfstoff hat zwar in Großbritannien bereits eine Notfallzulassung und wird dort bereits verimpft. Für die EU ist bislang noch nicht einmal eine Zulassung beantragt.
  • Andere Regierungen, beispielsweise in Washington, D.C. oder in Jerusalem, hatten zu diesem Zeitpunkt bereits in großem Stil geordert. Die Amerikaner beispielsweise bestellten 600 Millionen Dosen bei Biontech.
  • Bislang sind 1,3 Millionen Biontech-Dosen ausgeliefert worden. Verimpft sind davon aber erst rund 266.000 in den 16 Bundesländern. Die Impfzentren sind am Wochenende und nachts nicht besetzt.
  • Noch immer gibt es in Europa keine Zulassung für einen zweiten Impfstoff gegen Covid-19. Gestern Abend verschob die Europäische Arzneimittelbehörde EMA die Entscheidung über das Mittel des US-Herstellers Moderna auf Mittwoch.

Kritik am Beschaffungsmanagement von Gesundheitsminister Jens Spahn kommt auch vom Koalitionspartner SPD, der sich spürbar abzusetzen versucht. Der "Bild"-Zeitung zufolge überreichte Vizekanzler und SPD-Spitzenkandidat Olaf Scholz seinem Kabinettskollegen Spahn einen vier Seiten langen Fragen-Katalog:

"Warum hat die EU-Kommission so wenig Impfdosen vorbestellt?"

"Warum schlug die EU höhere Lieferangebote von Biontech und Moderna aus?"

Das Spahn-Team schießt zurück, wenn auch indirekt. So tauchte ebenfalls in der Bild-Zeitung ein Brief aus dem Juni vergangenen Jahres auf. Dort treten Spahn und seine Amtskollegen aus Frankreich, Italien und den Niederlanden die Beschaffung eines Corona-Impfstoffs an die EU-Kommissionspräsidentin ab. In dem Brief heißt es:

"Wir sind uns einig, dass Geschwindigkeit von entscheidender Bedeutung ist. Deswegen halten wir es für sinnvoll, wenn die Kommission die Führung in diesem Prozess übernimmt."

Dazu gibt es als Lesehilfe eine Anmerkung von Chefredakteur Julian Reichelt und dessen Vize Paul Ronzheimer:

"Nach ,Bild’-Informationen hatten die vier Minister schon damals im Juni 2020 massive Zweifel daran, dass die EU überhaupt in der Lage ist, rechtzeitig genug Impfstoff zu beschaffen, wurden aber von ihren jeweiligen Regierungschefs – in Deutschland von Bundeskanzlerin Angela Merkel – gedrängt, das Verfahren an Ursula von der Leyen zu übertragen."

Der Brief wäre demnach ein Dokument der Entlastung für Spahn, weil es ihn als Erfüllungsgehilfen von Merkel porträtiert.

Jens Spahn, Angela Merkel

Fazit: Diese Spielchen verfehlen inmitten der Pandemie ihre Wirkung. Wenn es nicht schnell gelingt, der Bevölkerung den ihr zustehenden und technisch möglichen Schutz zukommen zu lassen, ist diese Regierung innerlich am Ende. Schon jetzt zeigen sich die Zerfallserscheinungen. Merkel kämpft um ihr Vermächtnis. Söder und Merz lauern. Spahn und Scholz bangen um ihre Zukunft. Alle zusammen kommunizieren vor sich hin, aber keiner führt.

Die Planstelle, die Helmut Schmidt als Führungsfigur hinterließ, ist derzeit unbesetzt. Die Deiche brechen. Das Sterben geht weiter.

Ich wünsche Ihnen einen beherzten Start in den neuen Tag. Bleiben wir einander gewogen. Es grüßt Sie auf das Herzlichste
Gabor Steingart

"Steingarts Morning Briefing" informiert über das aktuelle Welt- und Wirtschaftsgeschehen. Das "Pre-Breakfast Medium" ist eine moderne Form der Miniatur-Tageszeitung, das neben Nachrichten, Kommentaren und Grafiken auch exklusive Interviews mit Meinungsbildnern aus Politik, Wirtschaft und Kultur veröffentlicht. Der gleichnamige Podcast ist Deutschlands führender Daily Podcast für Politik und Wirtschaft.