Das Morning Briefing von Gabor Steingart - kontrovers, kritisch und humorvoll. Wissen, über was politisch diskutiert wird. Heute: Was bringt Social Media im Bundestagswahlkampf?

Gabor Steingart
Eine Kolumne

Guten Morgen, liebe Leser,

es gibt seitens der Politik die verschiedensten Theorien darüber, wer und was eine Wahl entscheidet. "Bild und Glotze", meinte einst Gerhard Schröder.

Das war noch in der analogen Welt, die man heute als "die gute alte Zeit" verklärt.

Seither singen alle Wahlkampfstrategen das hohe Lied der sozialen Medien. Trump verdanke seine Wahl im Jahr 2016 der Akkordarbeit auf Twitter. Auch der Digitalberater Dr. Bendix Hügelmann schwärmt von der "neu gewonnenen Intimität zwischen Politiker und Wähler", weil via Instagram & Co. der Funktions- und Würdenträger dem Bürger zwar nicht enthemmt, aber entschlipst begegne. Habeck beschmust Pferde. Laschet fängt Fußbälle. Baerbock sammelt Treibholz.

Doch: Die politische Wirklichkeit und die mediale Wichtigtuerei sind keine Zwillinge. Wer die Social-Media-Präsenz der Politiker und die dafür investierten Budgets betrachtet, wird schnell feststellen, dass sie nicht mit den demoskopischen Befunden harmonieren.

  • Der auf Social Media unauffällige Olaf Scholz liegt in den Umfragen plötzlich vorn. Er hat kein richtiges Thema, aber er hat die Führung.
  • Die medial hyperaktive Alice Weidel spielt im öffentlichen Diskurs keine Rolle. Sie aktiviert vornehmlich ihre Gefolgschaft. Aus Followern werden Fans – bei ihr vibriert vor allem die eigene Filterblase.
  • Armin Laschet taucht in den sozialen Medien auf, aber meist schräg. Er wird von vielen nicht bewundert, sondern verspottet. Seine Kommunikation haut rein, aber meist in den eigenen Kontor.
  • Die Grünen unterhalten die sozialen Medien mit immer neuen Skurrilität. Da ist das eine Buch, in dem zehn andere stecken. Da ist der Song, in dem die Töne immer halb getroffen werden. Da ist eine Kandidatin, der man beim Üben zugucken kann. Sie kommt wahlweise vom Völkerrecht oder vom Oderbruch her.
  • Die Linkspartei wiederum belegt die Machtlosigkeit von Funktionärsapparaten. Da wird eine neue Frau aufs Schild gehoben, aber es gelingt ihr nicht, im medialen Getöse durchzudringen. Janine Wissler besitzt einen Posten, aber keine Deutungshoheit.

Will damit nur sagen: Die sozialen Medien sind nur so wichtig, wie wir sie nehmen. Schon das Team von Donald Trump hat sich im 2020er Wahlkampf vertan, als man 170 Millionen Dollar in Werbung bei Google und Facebook investierte. Joe Biden gab nur 100 Millionen Dollar, also 41 Prozent weniger, aus. Und gewann die Wahl.

Ich wünsche Ihnen einen fulminanten Start in den neuen Tag. Herzlichst grüßt Sie

Ihr
Gabor Steingart

"Steingarts Morning Briefing" informiert über das aktuelle Welt- und Wirtschaftsgeschehen. Das "Pre-Breakfast Medium" ist eine moderne Form der Miniatur-Tageszeitung, das neben Nachrichten, Kommentaren und Grafiken auch exklusive Interviews mit Meinungsbildnern aus Politik, Wirtschaft und Kultur veröffentlicht. Der gleichnamige Podcast ist Deutschlands führender Daily Podcast für Politik und Wirtschaft.