Countdown zum G7-Gipfel: Während sich immer mehr Urlauber aus der gepriesenen Idylle rund um Schloss Elmau verabschieden, verstärkt die Polizei täglich die Kontrollen. Noch überwiegt vor dem größten Politikereignis des Jahres bayerische Gelassenheit. Und ein paar skurrile Gerüchte geistern durch Garmisch-Partenkirchen.

Ein Teenager in Jeans, Hoodie und rotem Cap steht vor einem Infomobil der Polizei in Garmisch-Partenkirchen. Er tritt von einem Fuß auf den anderen. Als er mit den Beamten spricht, ist er sehr aufgeregt. Der Dorfjugendliche will wissen, wie die Verkehrslage an diesem Samstag ist. Schließlich planten er und seine Freundin einen Einkauf in einem schwedischen Möbelhaus. Dass er laut Polizei ruhigen Gewissens Richtung München fahren und wieder zurückkommen kann, scheint ihn nicht wirklich zu beruhigen. Noch eine weitere Frage brennt dem jungen Mann unter den Nägeln: "Stimmt es, dass Mittenwald evakuiert wird?", fragt er vollen Ernstes. Der Beamte schüttelt lachend den Kopf. Solche Gerüchte seien an der Tagesordnung, sagt er.

Chef der Deutschen Polizeigewerkschaft warnt vor militanten G7-Gegnern.

Von Hamsterkäufen, Straßensperren und Evakuierungen

Verunsicherungen wie diese sind bei den Anwohnern deutlich zu spüren. Denn die Menschen hier haben nur vage Vorstellungen davon, was es heißt, wenn ihre Gemeinde das größte Politikereignis des Jahres ausrichtet. Wenn Tausende Delegierte, G7-Gegner und Journalisten am 7. Und 8. Juni das Alpenvorland stürmen.

Lediglich die Kolonnen an Einsatzwagen der Polizei zeugen vom Treffen der wichtigsten Regierungs-Chefs der Welt. Mitten im Naturschutzgebiet, wo Steinadler hoch oben kreisen und Alpschneehühner durch Zwergstrauchheiden ziehen, werden die Mächtigen dieser Welt über die Ukraine-Krise, Flüchtlingskatstrophen, IS-Terror und die Weltwirtschaft diskutieren.

Weitere Anwohner finden sich am Infomobil Am Kurpark ein. Sie berichten von Hamstereinkäufen ihrer Nachbarn. Einige befürchten offenbar, an den Gipfeltagen nicht mehr zum Einkaufen zu kommen. Andere hätten gehört, dass die Läden dann leergekauft sein könnten.

Die Sicherheitsvorkehrungen für den G7-Gipfel in Elmau stellen die Polizei vor eine Mammutaufgabe. Über ein Jahr lang wurde der Einsatz akribisch geplant. Dennoch läuft offenbar nicht alles wie es soll: Unter den Polizisten "kommt sehr viel Unruhe auf", sagt der Chef der Polizeigewerkschaft, Rainer Wendt.

Vor dem Infomobil steht eine aufgeregte Anwohnerin in der Warteschlange. Auch die Frau mit krausem Haar ist über mögliche Straßensperren besorgt. "Am Montag muss ich nach Mittenwald zum Arbeiten. Ich weiß überhaupt nicht, ob das möglich sein wird. Es gibt Gerüchte, dass die B2 von Garmisch nach Mittenwald gesperrt sein wird", sagt sie mit zerknirschter Miene.

Ein älterer Herr aus der Schweiz hat ebenfalls Bedenken. Er möchte seine Familie in Garmisch-Partenkirchen besuchen. Einer der Polizisten beruhigt die Mittvierzigerin und den Rentner. Beide sollten lediglich etwas mehr Fahrzeit einrechnen, da neben Polizeikontrollen auch mit hohem Verkehrsaufkommen zu rechnen sei. Straßen würden nicht gesperrt, heißt es.

Seit mehr als drei Wochen sind die Beamten mit dem Mobil nun schon unterwegs. Die Anwohner würden alle positiv auf das Angebot reagieren und sehr zahlreich erscheinen. Hauptsächlich sorgten sich die Bürger über mögliche Straßensperrungen und Ausschreitungen. Ein Ehepaar will wissen, wann es zu Demonstrationen im Ort kommen werde – und erhält Auskunft.

In Garmisch-Partenkirchen ist tote Hose

Auch eine Familie ist zum Infomobil gekommen. "Wir haben keine Angst vor Krawallen. Ich freue mich über das hohe Polizeiaufkommen. Das macht hier alles sicherer", sagt die Ehefrau. Doch an den Gipfeltagen ist das Paar mit den beiden Kindern nicht vor Ort. Das habe mit möglichen Ausschreitungen nichts zu tun. Der Grund: Viele Angestellte würden in den Urlaub geschickt, Kindergärten würden dicht machen. Das Paar habe sich daher entschlossen, nach Italien zu fahren.

"Im Grunde ist mal wieder alles Panikmache", sagt ihr Mann mit Blick auf geschlossene Läden und die Angst seiner Nachbarn vor Ausschreitungen. "Ich denke nicht, dass hier so viel los sein wird." Das sei schon jetzt deutlich zu merken. "Die Leute bleiben lieber zu Hause", sagt er. Diesen Eindruck bestätigt auch eine Bedienung eines Kaffeehauses. "Viele Anwohner flüchten, bleiben lieber daheim. Urlauber kommen erst gar nicht", beklagt sie. In Garmisch sei wegen des G7-Gipfels tote Hose. "Normal haben wir über die Pfingstferien volles Haus. Aber dieses Jahr bleiben die Gäste aus. Ich bin froh, dass sich heute noch ein Reisebus angekündigt hat", sagt die Frau. Es gebe im Ort auch keine Parkplätze für die Menschen, die zum Gipfel kämen. Zudem hat die Stadt viele Parkplätze gesperrt. "Das alles ist schon echt leidig".

"Fähnchen für Obama?"

Mit Humor nimmt es ein bayerischer Wanderer mit dichtem Bart. "Bekommen wir denn Fähnchen, wenn Obama kommt?", fragt er mit breitem Lächeln die Einsatzkräfte. Er lässt sich noch die Wanderrouten im Gebirge erklären und fragt, ob er es bis zur Zugspitze schaffen könnte. Dann zieht er seines Weges.

Noch am letzten Wochenende vor dem G7-Gipfel scheint bayerische Gelassenheit angesagt. Doch mit der paradiesischen Ruhe ist es nun vorbei sein. Erste G7-Gegner sind schon vor Ort, Polizisten verstärken tagtäglich die Kontrollen. Ob alle Sorgen der Bürger begründet sind, wird sich in den nächsten Tagen zeigen.