Fünfter Todestag von Hans-Dietrich Genscher: Das Leben des "Architekten der Einheit"

Am 31. März jährt sich der Todestag des FDP-Politikers Hans-Dietrich Genscher zum fünften Mal. Er war einer der wichtigsten Architekten der Deutschen Einheit und war Deutschlands dienstältester Außenminister. Ein Rückblick auf das Leben einer der prägenden Persönlichkeiten der deutschen Politik. © 1&1 Mail & Media/spot on news

Hans-Dietrich Genscher ist ohne Zweifel eine der bedeutendsten politischen Persönlichkeiten Deutschlands. Ohne den FDP-Politiker und langjährigen Bundesaußenminister hätte die Wiedervereinigung 1990 womöglich anders ausgesehen.
Unvergessen bleibt sein Spruch auf dem Balkon der bundesdeutschen Botschaft in Prag am 30. September 1989, dessen letzte Worte im Jubel der tausenden DDR-Bürger untergingen, die seit Tagen im Botschaftsgarten auf ihre Ausreise gewartet hatten: "Wir sind heute zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass Ihre Ausreise heute…"
Die politische Karriere des großen Staatsmannes, der 1927 in bescheidene Verhältnisse hineingeboren wurde, begann rund 45 Jahre zuvor. Nachdem er im Juli 1945 aus der Kriegsgefangenschaft entlassen wurde, arbeitete Genscher zunächst als Bauhilfsarbeiter. Ein Jahr später trat er der Liberaldemokratischen Partei bei und gründete die Jugendorganisation FDJ mit.
1946 erkrankte der 19-Jährige an Tuberkulose und musste drei Monate in einem Sanatorium verbringen. Damals war die Krankheit nicht heilbar, weshalb er immer wieder mit seiner Gesundheit zu kämpfen hatte und mehrmals ins Krankenhaus musste. 
Doch der strebsame junge Mann nahm noch im selben Jahr ein Jura-Studium in Halle auf, wo er nach der ersten juristischen Staatsprüfung als Gerichtsreferendar arbeitete. Inzwischen war durch die Gründung der BRD und der DDR die deutsche Teilung besiegelt worden.
1952 zog Genscher, der in der Nähe der ostdeutschen Stadt Halle geboren wurde, aus der DDR nach Bremen. Hier führte er sein Rechtswissenschaftsstudium fort und arbeitete ab 1956 als Rechtsanwalt in einer Bremer Kanzlei. Im selben Jahr war er wissenschaftlicher Assistent der FDP-Bundestagsfraktion in Bonn.
1959 wurde er erstmals in den Bundestag gewählt, wo er bis 1998 den Wahlkreis Wuppertal vertrat. Im selben Jahr wurde Genscher zum FDP-Fraktionsführer gewählt. In diesem Amt blieb er bis 1965.
Beruflich oben auf, ging es privat abwärts: 1966 ging seine erste Ehe, mit Luise Schweitzer, nach acht Jahren in die Brüche. Mit ihr hat er eine Tochter, Martina (r). Sie blieb sein einziges Kind.
1968 wurde Genscher zum stellvertretenden Bundesvorsitzenden seiner Partei gewählt, ein Jahr später wurde er als Innenminister in die Bundesregierung unter Willy Brandt (SPD, r.) berufen. Genscher war maßgeblich an der Bildung der sozialliberalen Koalition beteiligt gewesen.
In seiner Amtszeit als Bundesinnenminister fand die Geiselnahme israelischer Sportler während der Olympischen Spiele 1972 in München statt. Genscher stellte sich damals als Austauschgeisel zur Verfügung, was die Geiselnehmer ablehnten. Nach dem blutigen Attentat rief er die Anti-Terror-Einheit GSG 9 ins Leben.
1969 heiratete Hans-Dietrich Genscher seine frühere Sekretärin Barbara Schmidt. Mit ihr war er bis zu seinem Tod verheiratet. Das Paar lebte in einem Bonner Vorort. Die beiden verband unter anderem ihre gemeinsame Liebe zur klassischen Musik. Alljährlich war das Paar zu Gast bei den Bayreuther Festspielen.
Nach Willy Brandts Rücktritt wurde Genscher 1974 als Bundesaußenminister und Vizekanzler in Helmut Schmidts (l.) Kabinett berufen. Genscher blieb insgesamt 18 Jahre Außenminister - so lange hatte kein anderer dieses Amt inne.
Während seiner langen Dienstzeit als Außenminister setzte er sich für das Ende des Kalten Krieges sowie die Überwindung der Teilung Europas und Deutschlands ein. Als die Sowjetunion in den 1980er Jahren in der DDR innere Reformen erlaubte, forderte Genscher, jetzt Teil der Regierung Helmut Kohls (l.), die dortige politische Führung zum Umdenken auf.
Seine Amtszeit war vor allem von zahlreichen Reisen geprägt. Über den Witz "Treffen sich zwei Flugzeuge. In beiden sitzt Genscher." konnte der FDP-Mann stets lachen. Unter anderem war er 1984 der erste europäische Außenminister, der den Iran nach der islamischen Revolution besuchte.
Genscher setzte sich ab Mitte der 1980er verstärkt für einen kontinuierlichen Ost-West-Dialog ein. Sein Versöhnungskurs und seine "aktive Entspannungspolitik" wurden von vielen als "Genscherismus" bezeichnet. So unterstützte der deutsche Außenminister den Reformprozess der UdSSR nach Machtantritt des sowjetischen Staatschefs Michail Gorbatschow nachhaltig.
In zahllosen Verhandlungen mit europäischen Nachbarn, den USA und der Sowjetunion bereitete der erfahrene Diplomat der Deutschen Einheit den Weg, indem er etwa dafür sorgte, dass Deutschland immer mehr in die Europäische Gemeinschaft (EG) eingebunden wurde.
Sein "goldener Moment" folgte im Spätsommer 1989, als der Außenminister die Ausreiseerlaubnis für diejenigen DDR-Bürger, die in die bundesdeutsche Prager Botschaft geflüchtet waren, erlangte. Genscher hatte auf einer UN-Versammlung in New York den DDR-Außenminister Oskar Fischer (l.) dazu gebracht, den Flüchtlingen die Ausreise zu gewähren.
Am Abend des 30. September 1989 reiste Hans-Dietrich Genscher in die damalige Tschechoslowakei und hielt seine berühmteste Rede. Die ersten Worte kennt wohl jeder, doch die Rede endete anders, als erwartet. Denn Genscher musste den Flüchtlingen später eröffnen, dass sie mit den Zügen noch mal durch die DDR fahren müssten. Laut Genschers ehemaligem Büroleiter Frank Elbe habe es darauf "einen hellen Aufschrei gegeben, ein tausendkehliges 'NEIN!'".
Hans-Dietrich Genscher, der knapp vierzig Jahre zuvor selbst den Weg aus der DDR in die BRD gemacht hatte, brachte den Flüchtlingen Verständnis entgegen. Er sorgte dafür, dass sie in Sonderzügen, begleitet von bundesdeutschen Beamten, über Dresden und durch das Vogtland nach Bayern fahren konnten.
Was für Helmut Schmidt die Prinz-Heinrich-Mütze und für Helmut Kohl die Strickjacke war, war bei Hans-Dietrich Genscher der liberal-gelbe Pullover. Als aktiver Politiker trug er das auffällige Kleidungsstück immer und überall. In den Bonner Herrengeschäften ist die Farbe noch heute als "Genscher-Gelb" bekannt.