Ausländer nehmen den Deutschen die Arbeitsplätze weg und sind besonders kriminell – Vorurteile wie diese halten sich beständig. Doch hinter den Parolen steckt wenig Substanz.

An Parolen mangelt es Zuwanderungsgegnern nicht – und die treffen damit vor allem Flüchtlinge und andere Migranten in Deutschland: Ausländer seien besonders kriminell, nähmen Arbeitsplätze weg, wollten nur das deutsche Sozialsystem ausnutzen. Doch wie belastbar sind diese Plattitüden wirklich? Der Faktencheck zeigt: Von den Vorurteilen bleibt wenig übrig.

Vorurteil #1: Ausländer sind besonders kriminell

Falsch. Erwachsene Einwanderer fallen "insgesamt eher nicht vermehrt durch Straftaten" auf, legt Christian Walburg, Kriminalwissenschaftler der Universität Münster, in einem Gutachten für den Mediendienst Integration dar. So zeigt etwa die Polizeiliche Kriminalstatistik für 2012, dass nur jeder vierte der gut zwei Millionen Tatverdächtigen keinen deutschen Pass hatte. Und diese Zahl beinhaltet auch Touristen oder Angehörige krimineller Banden, die aus dem Ausland kommen.

Tatsächlich ist die Anzahl ausländischer Tatverdächtiger in den vergangenen Jahren gesunken, wie Walburg mit einer Statistik zu Jugendlichen beweist: Waren es 2005 noch 48.408, sank die Zahl 2013 auf 38.151. Bei den Gewaltdelikten halbierte sie sich im selben Zeitraum sogar fast: von 10.406 auf 5.837.

Die Welt erlebt derzeit die größte Flüchtlingskrise seit dem Zweiten Weltkrieg. Tausende Menschen sind auf der Flucht und suchen in Deutschland Asyl. Zugleich steigt hierzulande die Zahl der rechtsextremen Gewalttaten. In der folgenden Grafik sehen Sie, wo in Deutschland am meisten Ausländer und Asylbewerber leben - und wo besonders viele fremdenfeindliche Gewalttaten verübt werden.

Vorurteil #2: Zuwanderer wollen sich nur Sozialleistungen erschleichen

Nein. Denn obwohl das deutsche Sozialsystem seine Bürger sehr gut versorgt, profitiert die Bundesrepublik ebenso von den Einwanderern. Erst vor drei Wochen beschäftigte sich eine Studie des Mannheimer Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung mit dem Thema. Demnach spülen Ausländer ein erhebliches Plus in die deutschen Sozialkassen.

Für einen Überschuss von rund 22 Milliarden Euro hätten die 6,6 Millionen Menschen ohne deutschen Pass im Jahr 2012 gesorgt, so das Ergebnis. Das bedeutet, dass jeder Ausländer pro Jahr etwa 3.300 Euro mehr Steuern und Sozialabgaben zahlt, als er an staatlichen Leistungen erhält. Und damit auch die Renten aller Deutschen sichert.

Vorurteil #3: Ausländer nehmen den Deutschen die Arbeitsplätze weg

Im Gegenteil. Denn Deutschland braucht Hundertausende Fachkräfte. "Wir verlieren bis zum Jahr 2040 zehn bis 20 Millionen im erwerbsfähigen Alter. Insofern sind Zuwanderer absolut notwendig. Wir müssen uns überlegen, wie wir mehr Menschen dazu bewegen können, in Deutschland zu leben und zu arbeiten," sagte Holger Schäfer vom Institut der Deutschen Wirtschaft jüngst dem ZDF.

Viele Migranten haben studiert oder einen Abschluss als Facharbeiter und könnten diese Lücke füllen. "Deutschland hat sich zu einem Magneten entwickelt für hoch qualifizierte Zuwanderer vor allem aus Europa, aber auch aus Drittstaaten", schreibt der Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration in seinem Jahresgutachten für 2014. Danach habe sich die Zahl der bestens ausgebildeten Zuwanderer zwischen 2000 und 2009 fast verdoppelt.

Vorurteil #4: Islam und Muslime – das bedeutet nur Unruhe und Terror

Nein. Der Islam ist eigentlich eine friedliche Religion. Doch es sind die radikalen Islamisten und Krieger der IS-Terrormiliz, die das öffentliche Bild der Muslime zunehmend verzerren. Doch auch wenn sie mehr werden, sind die radikalen Anhänger stark in der Minderheit: Der Verfassungsschutz zählte zuletzt rund 6.300 Salafisten in Deutschland.

Dennoch halten sich die Vorurteile hartnäckig, sobald sie einmal in der Welt sind. Das liegt auch daran, dass vor allem die negativen Beispiele im Gedächtnis hängen bleiben – etwa ein besonders brutales Verbrechen. "Ghettodiskurs" nennt Kriminologe Walburg diese Stereotypen, die mancher verallgemeinert. Mit der Realität aber hat das meist nichts gemein.