Oktoberfest und Flüchtlingskrise - München steht in diesen Tagen im Fokus. Die Behörden wollen fröhliche Wiesngäste und Asylsuchende am Münchner Hauptbahnhof möglichst auseinanderhalten. Sie bleiben betont entspannt: Nur keine Aufregung.

Flüchtlinge, müde, entkräftet, hungrig. Sie haben oft nur das, was sie am Leib tragen. Und das größte Volksfest der Welt, das Oktoberfest. Gut sechs Millionen Besucher an 16 Festtagen. Bier in Strömen, auf den Bänken feiernde Massen. München steht einmal mehr im Fokus. Am nächsten Samstag beginnt das Volksfest, das allein versetzt den Hauptbahnhof in einen Ausnahmezustand. Genau an den Wochenenden war der Flüchtlingsansturm hier zuletzt besonders groß.

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Die Behörden sehen der Wiesn betont gelassen entgegen. Es könne keine Rede sein von einer "Krisen-Wiesn", sagt Kreisverwaltungsreferent Wilfried Blume-Beyerle. "Es ist eine ganz normale Wiesn, auf die wir uns ganz normal vorbereiten - mit einer kleinen Besonderheit."

Es gebe begründete Hoffnung, dass klar geworden sei, "dass es nicht der Weg sein kann, alle auf die Drehscheibe München umzuleiten - und das während des Oktoberfestes". Die wiedereingeführten Grenzkontrollen, aber auch Sonderzüge an München vorbei sollen dazu beitragen, dass sich die Situation der beiden vergangenen Wochenenden mit jeweils 20.000 ankommenden Flüchtlingen nicht wiederholt.

Eine Prognose wagt niemand. "Die kann momentan keiner abgeben, weil man nicht weiß, was in Ungarn passiert, wie es dann in Kroatien aussieht", sagt Bundespolizeisprecher Wolfgang Hauner. Auch die Lage an der Grenze von Ungarn zu Serbien und in Österreich ist unklar.

Die Ströme der Wiesngäste und Flüchtlingen sollen jedenfalls getrennt werden. "Wir haben das Ziel, die unterschiedlichen Personengruppen weitgehend zu trennen, um Konfliktsituationen erst gar nicht entstehen zu lassen", sagte Innenminister Joachim Herrmann schon vor Tagen. Die logistische Abwicklung des Besuchs von sechs Millionen Menschen könne man nicht mit dem Begriff Folklore abdecken, mahnt auch Staatskanzleichef Marcel Huber (beide CSU).

Bayern wird zur #Oktoberfestung

Vor allem die Entscheidung, die Grenzen zu schließen und Flüchtlinge und Oktoberfestbesucher zu trennen, hat für viel Unmut gesorgt. Im Netz kritisieren vielen Menschen unter dem Hashtag #Oktoberfestung München und Bayern. Man wolle sich wohl das Saufgelage nicht vermiesen lassen, so der Tenor der meisten Tweets.

Gerade am Abend, wenn die Wiesnbesucher angetrunken den Heimweg antreten, haben es die Ordnungskräfte nicht leicht. Die Steuerung einer Menge "von gut gelaunten Gästen" sei natürlich schwieriger als von "lauter Liegenschaftsbeamten", sagt Blume-Beyerle. Die Bundespolizei am Hauptbahnhof soll nochmals aufgestockt werden.

Dort sind dieser Tage Stände mit Lederhosen und bunten Dirndln entstanden. Wenige Meter entfernt stehen die Zelte, in denen die Ankömmlinge nach wochenlanger Flucht medizinisch untersucht werden. Manche kommen erkältet, geschwächt oder mit Magen-Darmproblemen.

Nicht nur am Bahnhof selbst, sondern auch auf den Gleisen könnte es eng werden. 500 zusätzliche Züge fahren allein für Wiesngäste. Rund zwei Millionen kommen mit der Bahn - und fahren nach diversen Maß Bier damit auch heim. So sehen Hauptbahnhof und Züge dann auch aus.

Bierzelte als Notunterkünfte?

Daneben gibt es Sonderzügen mit Hunderten Flüchtlingen. Wie das gehen soll, beraten die Behörden gerade. "Momentan laufen die Abstimmungen", sagt eine Bahnsprecherin.

Von der Richelstraße, wo es Plätze für auf Weiterleitung wartende Flüchtlinge gibt, bis zum Festgelände sind es knapp drei Kilometer. Vom Hauptbahnhof sind es eineinhalb. Doch Spekulationen, die Flüchtlinge aus Syrien, Afghanistan, dem Nordirak und Afrika könnten in Scharen zur Wiesn ziehen, hält Blume-Beyerle für "lebensfremd". "Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, wenn man sich die Leute anschaut, die in der Regel mit einer Plastiktüte in der Hand kommen und erschöpft sind, dass die Interesse haben, aufs Oktoberfest zu gehen." Nicht zuletzt ist die Wiesn ein Ort, an dem man ohne Geld nicht weit kommt. Die Maß Bier kostet gut zehn Euro, eine Breze fünf.

Hartnäckig hält sich auch das Gerücht: Die Bierzelte mit Tausenden Sitzplätze können nach dem Fest doch noch zu Notunterkünften werden. Bisher schütteln die Verantwortlichen den Kopf. Die Zelte sind nicht winterfest - und nach der 16-tägigen Sause dürften die Böden hygienisch nicht den Anforderungen entsprechen.

Die Besucher werden immerhin mit Lebkuchen-Herzerln erinnert, dass die Flüchtlinge nicht weit sind. Ein findiger Händler verkauft das Backwerk mit dem zuckersüßen Schriftzug "Toleranz", der Erlös kommt unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen zugute. Ursprünglich sollte "Solidarität" auf den Herzen stehen. Aber das Wort war zu lang. (ska/dpa)