Zehntausende Flüchtlinge haben seit Ende August München erreicht. Eine Mammutaufgabe für Hilfsorganisationen, freiwillige Helfer und Polizei. Im Interview erklärt Colin Turner, ein Freiwilliger vor Ort, mit welchen Problemen die Helfer zu kämpfen haben und wie die Flüchtlingshilfe während des Oktoberfestes abläuft.

Die Hilfsbereitschaft unter den Münchnern ist sehr groß – und ungebrochen. Wer meldet sich als Freiwilliger?

Colin Turner: Bis jetzt haben sich etwa 4.000 Münchner über die Listen oder über die Internetseite registriert. Sie repräsentieren einen Querschnitt der Einwohner der Landeshauptstadt – Angestellte, Hausfrauen, Studenten ... Anfangs haben sich die freiwilligen Helfer noch spontan zusammengefunden. Doch mittlerweile hat sich eine feste Struktur herauskristallisiert. Das war notwendig, weil wir mehrere Standorte koordinieren müssen – nicht nur am Hauptbahnhof.

Aber nicht alle der 4.000 Freiwilligen sind jeden Tag im Einsatz?

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Wie viele Helfer im Einsatz sind hängt vom Bedarf ab, der sich ständig ändert. Er misst sich an den Ankünften der Geflüchteten, der Weiterverteilung und damit an den einzelnen Standorten, die benötigt werden. Wir hatten Tage mit etwa 20 Helfern im Einsatz pro Schicht. Aber es gab auch Zeiten mit wesentlich mehr Bedarf. Höchststand war vor einer Woche Samstag. Da waren wir mit über 1.000 Helfern über 24 Stunden im Einsatz.

Was ist bei Ihrer Arbeit die größte Herausforderung?

Für uns ist es natürlich eine logistische Herausforderung. Das heißt: Je mehr Geflüchtete in München am Bahnhof ankommen, desto mehr Helferinnen und Helfer benötigen wir. Wir müssen dann dafür sorgen, dass alle Stationen voll besetzt sind, um Ersthilfe zu leisten. Das hat alles bisher sehr gut funktioniert. Es gab natürlich auch Tage wie am letzten Wochenende, an denen die Prognosen über Flüchtlingszahlen immer wieder umgeworfen beziehungsweise nach oben korrigiert wurden. Da war der Bedarf an Hilfe plötzlich viel größer. Wir haben dann auch Helfer zu neuen Ad-hoc-Unterkünften geschickt, die schnell aufgebaut werden mussten.

Wie helfen Sie den Flüchtlingen am Bahnhof?

Damit wir als Freiwillige zu erkennen sind, tragen wir spezielle Westen. Am Bahnhof leisten wir dann mit der Polizei und anderen Hilfsorganisationen eine schnelle Erstversorgung. Die Geflüchteten werden zunächst vom Zug bis zu Schalterhalle von der Polizei begleitet. Dort untersuchen sie Ärzte. Unsere Hilfe besteht darin, die Flüchtlinge mit dem Notwendigstem zu versorgen. Das heißt, sie erhalten Essen, Wasser und Hygieneartikel – je nach Bedarf auch Kleidung und Schuhe. Zudem stellen wir sicher, dass sie auf die Toilette gehen können. Danach werden die Geflüchteten zu den Erstaufnahmeeinrichtungen gebracht. Damit ist unsere Arbeit erledigt.

Während sich vor allem Deutschland für eine gerechte Verteilungsquote innerhalb der Europäischen Union einsetzt, sperren sich viele osteuropäische Staaten dagegen. Nun droht Außenminister Frank-Walter Steinmeier, einen Verteilungsschlüssel notfalls per Mehrheitsentscheid auf den Weg bringen zu wollen. Aber geht das so einfach?

Woher bekommen Sie die Sachen für die Flüchtlinge?

Kleidung und Hygieneartikel erhalten wir durch Spenden, die wir zum Beispiel auch bei der Diakonie abrufen können. Wir selbst nehmen keine Spenden mehr an. Nur bei akutem Bedarf rufen wir zum Spenden auf. Essen liefert die Regierung von Oberbayern durch einen Caterer. Wir teilen es nur aus. An einem Standort kochen wir auch selber. Auch Wasser wird teilweise gespendet.

Wie reagieren die Menschen auf die Hilfsbereitschaft?

Wir erhalten überwiegend großen Zuspruch in der Münchner Bevölkerung etwa via E-Mail. Es gibt aber auch vereinzelte kritische Stimmen, meist mit einem rassistischen Unterton. Die gehen aber im großen Zuspruch in der Bevölkerung unter. Die Geflüchteten wiederum nehmen die Hilfe von uns sehr gut an. Das ist wenig überraschend in ihrer Notlage. Da geht es um Grundbedürfnisse, die wir bedienen und das wird natürlich sehr positiv wahrgenommen.

In welcher Verfassung befinden sich die Flüchtlinge?

Das ist sehr unterschiedlich. Es gibt immer wieder Gruppen mit Geflüchteten, die sich in einem eher schlechtem Zustand befinden. Manche sind dehydriert, andere haben aufgrund der großen Strapazen Kreislaufprobleme, wieder andere haben einen unbehandelten Diabetes. Es gibt auch Menschen, die in körperlich guter Verfassung sind. Was wir von den Ärzten wissen, ist, dass sich unter den Geflüchteten auch Menschen befinden, die extrem unter den Folgen des Bürgerkrieges leiden. Neben der psychischen Belastung sollen einige Geflüchtete unter den Folgen nicht gut versorgter Schusswunden leiden.

Wie minimieren Sie das Risiko einer möglichen Ansteckung? Und wie groß ist eigentlich die Gefahr, dass Krankheiten übertragen werden?

Zunächst einmal sind alle Helferinnen und Helfer dazu aufgerufen, Atemmasken und Einweghandschuhe zu tragen. Das ist zum Eigenschutz gedacht und auch zum Schutz der Geflüchteten. Allerdings muss man bei aller Vorsicht sagen: Die Praxis hat gezeigt, dass das Risiko einer Ansteckung minimal ist. Laut Gesundheitsreferat München sind nur etwa ein bis zwei Personen auffällig. Viele Krankheiten, die festgestellt werden, sind nicht ansteckend. Und die, die wirklich ansteckend sind, sind ungefährlich. Wir reden hier etwa von Erkältungen oder mal einer Durchfallerkrankung. Außerdem ist medizinisches Personal vor Ort, das die Menschen screent.

Gibt es auch Hilfe für die Helfer – etwa für besondere Belastungssituationen?

Die Helferinnen und Helfer bekommen natürlich Dinge zu sehen, die sehr nahe gehen können - etwa wenn es Kindern besonders schlecht geht. Natürlich kann das psychisch belasten. Für diesen Fall gibt es Supervisoren also ausgebildete Fachkräfte von der Caritas, die für uns da sind. Bisher ist mir allerdings kein Fall bekannt, in dem jemand Hilfe gebraucht hat.

Wie bereiten sich auf die Wiesn-Zeit vor? Erwarten Sie Probleme am Hauptbahnhof?

Mit dem Oktoberfest müssen wir uns im Grunde nicht auseinandersetzen. Von offizieller Seite wurde gesagt, dass in dieser Zeit alternative Routen genommen werden. Auf diese Situation stellen wir uns ein. Das heißt, die Hilfe wird jetzt heruntergefahren. Und auch in den letzten Tagen sind nicht viele Geflüchtete angekommen. Das heißt, wir befinden uns derzeit in einem Stand-by-Modus.

Was genau bedeutet das?

Wir haben konkrete Pläne, wer wann im Einsatz kommen könnte. Um schnell Handeln zu können, gibt es Kommunikationsketten. Für die Wiesn-Zeit haben wir Reaktivierungspläne und auch für die Zeit nach dem Oktoberfest, da wir davon ausgehen, dass dann wieder mehr Geflüchtete kommen. Sollte dennoch ein Zug mit Geflüchteten ankommen, ist das wohl eine große Herausforderung für die Polizei. Die Frage wird dann sein, wie viele Beamte vor Ort sein können. Denn sicher wird es ein großes Polizeiaufgebot für die Wiesn selbst geben. Zudem befinden sich derzeit etliche Polizisten an der Grenze im Einsatz. Sollten dennoch am Bahnhof Oktoberfest-Gäste und Geflüchtete aufeinandertreffen, sehe ich keine große Gefahr. Auch wenn wir natürlich wissen, dass im Alkohol Vorurteile mitschwimmen.