Es ist eine Szene, die fassungslos macht: Eine ungarische Kamerafrau stellt einem Flüchtling, der sein weinendes Kind auf dem Arm trägt, ein Bein und bringt beide absichtlich zu Fall. RTL-Reporter Stephan Richter hatte diesen Moment im ungarischen Röszke aufgenommen und ins Netz gestellt - jetzt äußert er sich in einem Gespräch zu dem Vorfall.

Hunderte Flüchtlinge durchbrechen eine von Polizisten erstellte Kette, wollen nur raus aus Ungarn. Auch ein Vater mit seinem Sohn auf dem Arm rennt los - und plötzlich stellt ihm eine ungarische Kamerafrau ein Bein, der Mann und das Kind fallen zu Boden. Noch schlimmer: Die mittlerweile entlassende Mitarbeiterin des Fernsehsenders N1TV tritt danach auch noch zwei Flüchtlingskinder.

RTL-Reporter Stephan Richter hatte die erste Szene zufällig aufgenommen und stellte sie danach ins Netz. Er habe im ersten Moment überhaupt nicht damit gerechnet, "dass diese Frau dem Mann mit dem Kind auf dem Arm ein Bein stellt, denn so etwas traut man weder einem Journalisten noch einem Menschen überhaupt zu", sagt der Reporter in einem Interview mit seinem Arbeitgeber RTL. "Von daher war dieser Gedanke für mich eigentlich völlig abwegig."

Richter erzählt, dass die Situation im Camp ziemlich angespannt gewesen sei. Nachdem die Flüchtlinge die Polizeikette durchbrochen hätten, wären sie fast panikartig losgerannt - unter anderem auch der Vater mit seinem Kind auf dem Arm. "Das waren wirklich fürchterliche Zustände, die hier gestern passiert sind. Dann habe ich eben für mich selber diese Situation auch festhalten wollen, denn das ist ja definitiv Zeitgeschichte", sagt Richter.

Er selbst sei fassungslos und könne nicht begreifen, was er da aufgenommen habe. Er verstehe nicht, "dass diese Frau ganz bewusst diesem Vater mit dem Kind auf dem Arm, der in höchster Not ist, der flüchten will, der Angst hat - das Kind hat geweint - ein Bein stellt und quasi die Flucht fast verhindert hat. Gott sei Dank haben es beide aber geschafft."

Kurz nachdem Richter das Video aufgenommen hatte, stellte er es bei Twitter online. "Die Reaktionen auf den Tweet gingen in alle Richtungen, aber die meisten haben gesagt: 'Danke, dass du dieses Video geteilt hast. Danke, dass du uns gezeigt hast, wie die Situation vor Ort wirklich passierte.'"

Die meisten User seien fassungslos gewesen, "dass ein Mensch, oder, in dem Fall sogar eine Journalistin, so etwas tun kann." (tfr)