Sie pferchen Menschen in Lastwägen und auf Boote – um möglichst viel Geld zu verdienen: Die Gier der Flüchtlingsschleuser scheint keine Grenzen zu kennen. Für ihren Profit nehmen sie sogar den Tod Dutzender in Kauf. Wie arbeiten diese Menschenschmuggler?

Eigentlich wollten Europas Politiker bei der Westbalkan-Konferenz in Wien sachlich über die Flüchtlingsströme der vergangenen Monate beraten. Doch dann brachte eine grausame Nachricht alles durcheinander: In einem Lastwagen auf der A4 knapp 50 Kilometer südöstlich von Wien entdeckte die Polizei Dutzende Flüchtlinge – tot, vermutlich erstickt. Inzwischen ist von 71 Leichen die Rede. Es kommt nicht oft vor, dass aktuelle Ereignisse eine Konferenz auf so traurige und brutale Weise einholen.

Die Reaktionen vieler Politiker fielen entschieden aus – und zielten vor allem auf die Hintermänner ab. Österreichs Vizekanzler Reinhold Mitterlehner (ÖVP) bezeichnete den Kampf gegen die Schleppermafia als "das Gebot der Stunde". Aus Deutschland meldete sich Innenminister Thomas de Maizière (CDU): "Dass dort viele, viele Menschen ersticken, weil verbrecherische Schleuser an diesen Menschen und den unwürdigen Transportbedingungen Geld verdienen, macht mich wütend und fassungslos."

Wie aber läuft das unmenschliche Geschäft der Schleuser genau ab? Welche Routen nutzen sie? Und mit welchen Tricks locken sie Flüchtlinge?

Zehntausende Euro für die Reise nach Europa

Weltweit sind laut UN-Flüchtlingshilfswerk (UNHCR) rund 60 Millionen Menschen auf der Flucht. Kriege, Hunger und Katastrophen bringen sie dazu, ihre Heimat zu verlassen. In den vergangenen 15 Jahren sollen rund 1,2 Millionen Flüchtlinge und Migranten ohne Papiere von Schleuserbanden nach Europa gebracht worden sein. Zu diesem Ergebnis kommt "The Migrants’ Files", eine Gruppe europäischer Journalisten, Statistiker und IT-Experten.

71 tote Flüchtlinge bestätigt - mutmaßliche Schlepper in Haft.

Das Werk der Schleuser ist ein zynisches: Sie missbrauchen das Leid der flüchtenden Menschen für ihren Profit, sind auf möglichst große Gewinne aus. Ein Menschenleben interessiert die meisten nur dann, wenn sich damit Geld verdienen lässt. Ob die Flüchtlinge am Ende ihr Ziel erreichen, ob sie die oft gefährliche Reise überleben, kümmert die Schleuser nicht. Das zeigen immer wieder klapprige, führerlose Boote auf dem Mittelmeer – und ebenso der überfüllte Lkw auf der österreichischen Autobahn.

Die Arbeit der Schleuser hat sich zu einem Milliardengeschäft entwickelt. Experten sprechen von einer eigenen Industrie. Laut "The Migrants' Files" haben kriminelle Organisationen in den vergangenen 15 Jahren damit etwa 16 Milliarden Euro verdient. Die Internationale Organisation für Migration (IOM) geht davon, dass pro Person durchschnittlich zwischen 1.000 und 2.000 Dollar fällig sind.

Lange Wege aus dem Irak oder Afghanistan können schnell einen fünfstelligen Betrag kosten. Die Route Syrien-Europa kostet einen Flüchtling laut Schätzungen des österreichischen Innenministerium etwa 8.000 bis 12.000 Euro. Bei Familien können so mitunter 30.000 Euro und mehr zusammenkommen. Die Preise der Schlepperbanden variieren je nach Herkunftsland, Route und Länge der Strecke.

Schmugglerrouten über Mittelmeer und Balkan

Für das perfide Geschäft der Schleuser gibt es mehr als nur einen Weg nach Europa. Am populärsten ist das Mittelmeer. Die Zahlen der EU-Grenzschutzagentur Frontex für das erste Halbjahr 2015 heben besonders die östliche Mittelmeerroute hervor: Mehr als 132.000 Menschen seien illegal von der Türkei aus nach Griechenland, Bulgarien oder Zypern gereist. Über die zentrale Mittelmeerroute von Nordafrika aus nach Italien und Malta seien es rund 91.000 gewesen.

Foto soll Martyrium der Menschen im Schlepper-Lkw zeigen.

Die Nordafrikaroute via Libyen gilt als Ausgangspunkt unzähliger Schlepper. Manche Schätzungen gehen davon aus, dass in der Vergangenheit rund 80 Prozent des Menschenschmuggels über das vom Bürgerkrieg zerrüttete Land lief. Inzwischen suchen sich die Verbrecher vermehrt neue Wege. "Die Schlepperrouten haben sich vom Mittelmeer auf den Balkan verlagert", warnte kürzlich Flüchtlingsexperte Gerald Tatzgern. Die Türkei werde als Startpunkt immer wichtiger. Tatzgern leitet die Zentralstelle im österreichischen Bundeskriminalamt zur Bekämpfung der Schlepperkriminalität.

Schleuser sind perfekt in Netzwerken organisiert

Egal von wo aus und über welche Routen die Menschenschmuggler agieren: Ihre Muster gleichen sich. Sie verkaufen Träume, locken mit einem besseren Leben und dem Versprechen auf Wohlstand in Europa. Auch in sozialen Netzen ködern viele Banden ihre Opfer. Oft braucht es nicht einmal große Angebote: Viele verzweifelte Flüchtlinge sehen gar keinen anderen Ausweg, als sich in die Hände der Schleuser zu begeben.

Deren Arbeit ist meist professionell organisiert. Die Gruppen können auf ein weitläufiges Netzwerk bauen. "Man kann sich das vorstellen wie eine große, kriminelle Reiseagentur: Der eine ist für die Akquise von Flüchtlingen zuständig, ein anderer treibt das Geld ein, der nächste kümmert sich um die Transportmittel, ein weiterer sorgt für Ordnung und so fort", erklärte der italienische Kriminologe Andrea di Nicola in einem Interview mit der "Rheinischen Post". Die Schleuser betrachteten sich dabei oft als Wohltäter und nicht als skrupellose Geldmacher.

Hintermänner bleiben meist verschont

Genau diese Strukturen machen es auch so schwer, die Schlepperringe zu zerschlagen. Oft sind Dutzende Personen an einer einzigen Aktion beteiligt. Gefasst werden häufig jedoch nur die Schleuser am Ende der langen Ketten. So auch im Fall des Lastwagens auf der A4: Die ungarische Polizei hat nach eigenen Angaben vier Personen festgenommen, die Hintermänner werden jedoch weiter in Rumänien vermutet.

Es ist ein Dilemma: Mittelsmänner können verhaftet werden. Doch ihre Auftraggeber suchen sich einfach neue Handlanger und setzen ihre Geschäfte fort. Die europäischen Länder sind deshalb auch auf die Hilfe der Regierungen in Afrika und im Nahen Osten angewiesen. Doch Beobachter fragen zu Recht: Wie soll Zusammenarbeit klappen mit einem Land, das wie Syrien faktisch kaum mehr existiert? Oder das wie Libyen nicht einmal eine Einheitsregierung besitzt? So lange diese Probleme bleiben, werden auch die Todesfälle von Flüchtlingen nicht abreißen.

Es ist ein bemerkenswerter Beitrag zur Flüchtlingsdiskussion in Deutschland: Christina Beckmann, eine Autorin aus Hamm in Westfalen, hat in einem offenen Brief die Leiden von Flüchtlingen dargestellt. Ihre Zeilen gehen unter die Haut.