Die rasant steigenden Flüchtlingszahlen verschärfen die Diskussion um eine gerechte Verteilung der Kosten. Nicht nur zwischen den EU-Staaten, sondern auch innerhalb Deutschlands. Vizekanzler Sigmar Gabriel kritisiert derweil andere EU-Länder für ihren Umgang mit den Flüchtlingen. Dabei sieht es danach aus, dass sich die EU wenigstens beim Vorgehen gegen Schleuser einig ist - und möglicherweise bald Kriegsschiffe im Mittelmeer einsetzt.

Nach Informationen der Zeitung "Die Welt" sollen im Kampf gegen Schleuser im Mittelmeer sieben Kriegsschiffe, aber auch U-Boote, Drohnen und Flugzeuge außerhalb der libyschen Küstengewässer eingesetzt werden. Die Deutsche Presse-Agentur hatte am Freitag unter Berufung auf EU-Kreise berichtet, dass Soldaten bereits im Oktober damit beginnen könnten, außerhalb der libyschen Küstengewässer fahrende Schiffe von Menschenschmugglerbanden zu stoppen und zu zerstören. Nach dpa-Informationen ist die Bundesregierung bereit, sich an der geplanten Ausweitung des Einsatzes zu beteiligen. Sie will dafür allerdings ein Mandat des Bundestages beantragen.

Diese Asyl-Fragen entscheiden über Zukunft von Flüchtlingen.

Derweil dringen angesichts der wachsenden Zahl von Flüchtlingen die Länder auf eine stärkere finanzielle Beteiligung des Bundes. Die Kommunen sollten künftig vom Bund die Kosten für die Aufnahme der Menschen weitgehend erstattet bekommen, forderte der Vorsitzende der Ministerpräsidentenkonferenz, Brandenburgs Regierungschef Dietmar Woidke (SPD). "In der Erstaufnahme haben wir in Brandenburg monatlich circa 1.200 Euro Kosten pro Flüchtling", sagte er der "Rheinischen Post". "Das sollte auch die Grundlage für die Berechnung sein, was der Bund künftig pauschal pro Flüchtling den Kommunen überweisen sollte."

Vizekanzler Sigmar Gabriel kritisiert andere EU-Länder

Laut Sozialministerin Andrea Nahles erhöhen sich die staatlichen Ausgaben für Lebensunterhalt, Spracherwerb und Qualifizierung von Flüchtlingen im kommenden Jahr um 1,8 bis 3,3 Milliarden Euro. Diese Kosten würden auf rund 7 Milliarden Euro im Jahr 2019 steigen, hatte die SPD-Politikerin gesagt. Der Innenausschuss des Bundestages berät am Mittwoch in einer Sondersitzung über den Umgang mit der rasant wachsenden Zahl an Flüchtlingen in Deutschland. Der Bund rechnet 2015 mit rund 800.000 Asylbewerbern. Das wären viermal so viele wie im vergangenen Jahr.

Am Münchner Hauptbahnhof werden Flüchtlinge freundlich empfangen.

Der Vorsitzende des Bundestags-Innenausschusses, Wolfgang Bosbach (CDU), sieht einen immensen Finanzbedarf zur Versorgung der wachsenden Zahl an Flüchtlingen in Deutschland. Die Menschen müssten vernünftig untergebracht und betreut werden, sagte Bosbach vor der Sondersitzung. "Mit ein, zwei Milliarden ist es nicht getan. Da werden wir gewaltige Summen mobilisieren müssen." Deutschland sei durch die aktuelle Lage gefordert, nicht überfordert. Allerdings müsse man aufpassen, dass es nicht doch noch zu einer Überforderung komme. Deutschland könne nicht auf Dauer den Großteil an Flüchtlingen in Europa aufnehmen.

SPD-Chef Sigmar Gabriel kritisierte derweil die Zurückhaltung vieler EU-Länder bei der Aufnahme von Flüchtlingen. "Es kann nicht sein, dass Deutschland, Österreich und Schweden einen Großteil dieser Menschen aufnehmen", sagte er der "Westdeutschen Allgemeinen Zeitung". Gerade die Osteuropäer profitierten besonders von offenen Grenzen.

Flüchtlingsdrama am Budapester Ostbahnhof geht weiter

Die Gefahr für die EU sei größer als die während der Griechenland-Krise. "Die Aufgabe offener Grenzen wäre ein gigantischer Rückschritt in der europäischen Geschichte. Bei Griechenland besteht die Gefahr, Geld zu verlieren. Europa ist aber nun in der Gefahr, seinen Anstand zu verlieren", sagte Gabriel.

Das Flüchtlingsdrama am Budapester Ostbahnhof geht unterdessen weiter. Neben dem Bahnhof und in der angrenzenden Unterführung kampierten am Dienstagabend laut Augenzeugen mehrere tausend Flüchtlinge, die offensichtlich hauptsächlich aus dem arabischen Raum kamen. Polizisten hatten den Bahnhof am Vormittag für Flüchtlinge abgesperrt. Damit sollte verhindert werden, dass sie wie am Vortag Züge Richtung Westeuropa besteigen. Hunderte protestierten lautstark dagegen. Am Vortag hatten Ungarns Behörden die Flüchtlinge ungehindert per Bahn nach Deutschland reisen lassen.

In Bayern kamen am Dienstag 2.500 Migranten an. Seit Wochenbeginn waren es fast 4.300 Menschen. Zigtausende weitere warten in Ungarn und auf dem Balkan auf eine Möglichkeit zur Weiterreise in den Westen. Dramatisch bleibt die Lage in Griechenland, wo immer neue Migranten mit Booten aus der Türkei eintreffen. (cai/dpa)