Tausende Menschen lassen sich von Grenzschließungen und fehlender Aufnahmebereitschaft einiger EU-Länder nicht abschrecken. Sie ziehen in Gruppen zu Fuß über die Grenzen und stürmen an Polizisten vorbei Richtung Westeuropa. Außerdem versuchen noch immer viele die lebensgefährliche Flucht übers Mittelmeer.

Trotz der Grenzschließungen einiger EU-Länder ziehen weiterhin Tausende Flüchtlinge auf dem Land- und Seeweg nach Westeuropa. Länder wie Kroatien und Slowenien sehen sich dieser Situation nicht mehr gewachsen. Nach Ungarn schränkten daher auch diese Länder die Einreise von Schutzsuchenden drastisch ein. "Wir können keine weiteren Flüchtlinge aufnehmen", kündigte der kroatische Innenminister Ranko Ostojic an.

Auch Deutschland und Österreich suchen nach Wegen, der Lage Herr zu werden. Dass die Flüchtlingskrise "eine europäische Herausforderung" sei, sagte Angela Merkel am Samstag in Leipzig noch einmal. Europa vertrete die gleichen Werte, auch die der offenen Grenzen. Sie betonte daher: "Deutschland alleine kann diese Aufgabe nicht schultern." Am Mittwoch werden die Staats- und Regierungschefs beim EU-Sondergipfel beraten, wie es mit den Flüchtlingen in Europa weitergehen soll. Einigen sie sich nicht, könnten "Hotspots" (Einrichtungen, in denen Schutzsuchenden registriert und anschließend auf die EU-Mitgliedsstaaten verteilt werden) an den Außengrenzen beschlossen werden, dazu ein Scheck über sieben Milliarden Euro, wie EU-Parlamentspräsident Martin Schulz (SPD) sagt. Damit sollen Länder wie die Türkei, Jordanien und der Libanon unterstützt werden, die Millionen Flüchtlinge beherbergen.

Bis dahin kämpfen sich Tausende Flüchtlinge weiter über die neue Ausweichroute - von Kroatien und dann nach Ungarn und Österreich. Seit Ausbruch des Bürgerkriegs sind Zehntausende Syrer nach Westeuropa gekommen. Die Bundesregierung rechnet mit 800.000 Flüchtlingen in 2015, sogar von einer Million ist die Rede. Wo die Krise derzeit besonders zu spüren ist - ein Überblick:

Deutschland

Die Zahl der in Bayern ankommenden Flüchtlinge ist wie schon in den Tagen zuvor auch am Wochenende zurückgegangen: Rund 2.700 Menschen erreichten am Samstag den Freistaat. Dies teilte ein Sprecher des beim Innenministerium angesiedelten Stabes "Asyl Oktoberfest" mit.

Nach Angaben der Bundespolizei sind davon 200 Flüchtlinge in München angekommen; die Mehrzahl davon den ganzen Tag über als Einzelpersonen oder in Kleingruppen. Gegen Mitternacht kamen in einem Regionalzug aus Rosenheim 134 vorgemeldete Flüchtlinge an. In Passau trafen am Sonntagmorgen zwei Züge mit jeweils rund 500 Flüchtlingen ein. An diesem Montagabend werden die ersten Sonderzüge mit Flüchtlingen in Köln erwartet.

Kroatien

Kroatien hatte am vergangenen Dienstag seine Grenze zu Serbien für Flüchtlinge geschlossen. Zwischen Mittwoch und Donnerstag kamen nach offiziellen Angaben 6.500 Hilfesuchende ins Land. Kroatien hatte am Freitag erklärt, den Andrang an Menschen nicht mehr bewältigen zu können. Laut kroatischem Innenministerium kamen bis Sonntag insgesamt 25.000 Flüchtlinge nach Kroatien.

Ungarn

Nach ungarischen Polizei- und Medienangaben sind bislang 16.000 Flüchtlinge von Kroatien nach Ungarn gekommen. Bis Samstagmittag zählten die ungarischen Behörden knapp 9.000 Flüchtlinge, die innerhalb von zwei Tagen von Kroatien aus nach Ungarn gekommen waren.

Am Sonntag zählte Ungarns Polizei 6.941 neue Flüchtlinge, wie sie auf ihrer Homepage bekannt gab. Nahezu alle dürften über den Umweg Kroatien nach Ungarn gekommen und nach Österreich weitergereist sein. Der Zugang nach Ungarn über Serbien ist den Flüchtlingen durch den neuen Grenzzaun erheblich erschwert.

In der Nacht zum Montag sind erneut Flüchtlinge aus Kroatien angekommen; sie sind mittlerweile vermutlich nach Österreich unterwegs. Allein bei Barcs hätten 800 bis 1.000 Menschen die Brücke über den Fluss Drau von Kroatien nach Ungarn passiert, berichtete das ungarische Staatsfernsehen. Sie seien aus Kroatien mit Bussen an die Grenze gebracht worden. Dort hätten ungarische Polizisten sie zu einem Zug begleitet, der mit 15 Waggons nach Hegyeshalom an der ungarisch-österreichischen Grenze starten sollte.

Österreich

Die österreichische Polizei hat Flüchtlingen die Einreise aus dem südlichen Nachbarland Slowenien verweigert. Wie ein Polizeisprecher im Bundesland Steiermark mitteilte, wurden etwa 100 Menschen in der Nacht auf Sonntag an der Einreise am Grenzübergang Spielfeld gehindert. Sie hätten demnach weder Asylersuchen vorgebracht noch Reisedokumente vorgewiesen.

Österreichs Innenministerin Johanna Mikl-Leitner hatte am Samstag gewarnt, dass über Slowenien und Kroatien eingereiste Flüchtlinge, die sich in Österreich um Asyl bemühen, in diese Balkanländer zurückgeschickt würden, wenn sie dort zuvor keinen Asylantrag gestellt hätten. Am Samstag war eine Gruppe von etwa 350 Menschen am Grenzübergang Bad Radkersburg an der Polizei vorbei über die Grenze gestürmt.

Die Grenze zu Ungarn hingegen ist weiter offen. Nach Angaben des Roten Kreuzes kamen die meisten der etwa 13.000 Flüchtlinge, die am Wochenende nach Österreich einreisten, über diese Route. Am Sonntagmorgen befanden sich nach Polizeiangaben 7.000 Menschen am österreichisch-ungarischen Grenzübergang Nickelsdorf.

Slowenien

Slowenien registrierte bisher 1.500 Flüchtlinge, sagte Innenstaatssekretär Bostjan Sefic vor der Presse in Ljubljana.

Belgien

Die belgische Polizei wird diese Woche stichprobenhafte Kontrollen in Grenznähe aufnehmen. Wie Innenminister Jan Jambon im Sender VRT ankündigte, wollen die Behörden so "gegen Menschenschmuggler vorgehen und sicherstellen, dass jeder Flüchtling registriert ist". Auch auf Flughäfen und in Zügen solle kontrolliert werden. Eine vorübergehende Wiedereinführung von Grenzkontrollen - wie in Deutschland, Österreich und Slowenien geschehen - sei allerdings nicht geplant, sagte Jambon. Nach Angaben der Nachrichtenagentur Belga wurden in der vergangenen Woche 1.889 Asylanträge in Belgien gestellt.

Mittelmeer

Am Samstag wurden aus dem Mittelmeer mehr als 4.300 Flüchtlinge gerettet. Beim größten von insgesamt 20 Rettungseinsätzen in den Gewässern vor Libyen wurden 1.137 Menschen von zwei Schiffen in Sicherheit gebracht, wie die italienische Küstenwache mitteilte. An der Operation, bei der auch eine Frauenleiche geborgen wurde, waren Schiffe von Hilfsorganisationen wie Ärzte ohne Grenzen sowie eine Fregatte der Bundeswehr beteiligt, die Hunderte der Flüchtlinge aufnahm. Die britische und kroatische Marine sowie ein Frachtschiff halfen ebenfalls mit.

Nach Ansicht der EU-Grenzschutzbehörde Frontex ist ein Abflauen des Flüchtlingsstroms Richtung Europa vorerst nicht zu erwarten. Nach Schätzungen der Behörde warteten allein an der türkischen Westküste derzeit bis zu 500.000 Flüchtlinge darauf, die Überfahrt nach Griechenland anzugehen.

Nachbarländer Syrien

Nach Angaben des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen (UNHCR) haben etwa zwölf Millionen Syrer ihre Heimat verlassen. Davon siedelten etwa acht Millionen im eigenen Land um. Zirka vier Millionen flüchteten in Nachbarstaaten:

  • Türkei: 1,93
  • Libanon: 1,11
  • Jordanien: 629.266
  • Irak: 249.463
  • Ägypten: 132.375
  • In Ländern Nordafrikas: 24.055

(far/dpa)