Nach dem Erfolg der AfD und dem eigenen Absturz bei den Bundestagswahlen sind CDU und CSU geschockt. Noch lauter als bisher bekräftigen sie, dass sie die Grenzen schützen und die Fluchtursachen bekämpfen wollen. Doch was sind die Ursachen dieser weltweiten Flüchtlingskrise und wie lässt sie sich eindämmen?

Wäre die AfD ohne die sogenannte Flüchtlingskrise in den Bundestag eingezogen? Darüber lässt sich zwar nur spekulieren, aber bei diesem Thema unterscheiden sich die AfD-Wähler in ihrer Haltung stark von den übrigen Wählern.

Nach den Umfragen der Forschungsgruppe Wahlen kritisieren 98 Prozent der AfD-Wähler Angela Merkels Flüchtlingspolitik, während es unter allen Befragten nur 42 Prozent sind.

Die Zahl der neu nach Deutschland kommenden Flüchtlinge niedrig zu halten und die Fluchtursachen zu bekämpfen ist nun das erklärte Ziel der Union.

Doch was heißt das eigentlich: Fluchtursachen bekämpfen? Kam die Krise 2015 wirklich so überraschend?

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Innerhalb von zehn Jahren haben sich die Flüchtlingszahlen verdreifacht

Ende 2016 waren nach Angaben des UN-Flüchtlingswerkes UNHCR 65,6 Millionen Menschen weltweit auf der Flucht.

Diese Zahl hat innerhalb des vergangenen Jahrzehnts stark zugenommen: Ende 2005 waren es noch rund 21 Millionen Menschen.

Hauptgrund für diese Entwicklung ist die Situation in einzelnen Krisenländern. "Weltweit beobachten wir seit etwa zehn Jahren einen massiven Anstieg der Intensität bewaffneter Konflikte", sagt der Migrationsforscher Benjamin Schraven vom Deutschen Institut für Entwicklungspolitik im Gespräch mit diesem Portal.

Das heißt: Nicht die Anzahl der Konflikte hat zugenommen, sondern die Gewalt in den bestehenden Konflikten, wie in Syrien oder Afghanistan.

Eine besondere Situation ist die in Afrika: "Hier vermischen sich bei den Wanderungsbewegungen die Gründe von Flucht und Migration", erläutert Schraven.

Einerseits würden durch bewaffnete Konflikte wie im Sudan, in Nigeria oder Somalia Menschen aus ihrem Heimatort vertrieben. Auch die Furcht vor Verfolgung und politische Repressionen wie in Eritrea spielten eine Rolle.

Daneben lockt aber auch die Hoffnung auf ein besseres Leben. Ein Beispiel hierfür ist Nigeria: Gewalt durch die islamistische Terrorgruppe Boko Haram, schwache staatliche Institutionen und ökonomische Gründe brächten viele Nigerianer dazu, sich auf die gefährliche Reise nach Europa zu machen.

Europa hat das Problem unterschätzt

Die steigenden Flüchtlingszahlen hätten schon vor dem Sommer 2015 ein Alarmzeichen für Europa sein können. Hier wurde jedoch das Problem unterschätzt, ebenso wie die Situation in den Flüchtlingscamps.

"Die dramatische Unterversorgung des UN-Flüchtlingshilfswerks und des Welternährungsprogramms gehört sicherlich zu den Ursachen der Krise im Sommer 2015", meint Schraven.

Der Migrationsforscher glaubt jedoch, dass die Flüchtlingskrise in dieser extremen Form nicht vorhersehbar war.

Viele Gründe wären dabei zusammengekommen: Die Tatsache, dass Sommer war, der Austausch von Informationen über soziale Netzwerke und die Überforderung von Staaten wie Griechenland. Später kam noch die Sogwirkung durch die zeitweilige Öffnung der Grenzen hinzu.

Dank des Flüchtlingspaktes mit der Türkei kommen inzwischen wieder deutlich weniger Flüchtlinge nach Europa. "Wenn eine Route geschlossen wird, suchen sich die Menschen aber früher oder später einen neuen Weg", warnt Schraven.

Wer ist schuld an den Fluchtursachen?

Wer also die Fluchtursachen bekämpfen will, muss viele Missstände gleichzeitig angehen - Missstände, die teils noch auf das Erbe der Kolonialherrschaft und ihre bis heute überdauernden Strukturen zurückgehen.

Viele Grenzen im Nahen Osten und in Afrika verlaufen noch dort, wo die Kolonialmächte sie einst festgelegt haben – ungeachtet der dort lebenden Völker.

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Auch die Wirtschaftsbeziehungen zwischen dem Westen und Afrika sind mitunter Teil des Problems. "Wenn Europa seinen Elektroschrott in Afrika entsorgt oder mit dem Export von EU-agrarsubventionierten Lebensmitteln die lokalen Märkte zerstört, macht es die Situation sicherlich nicht besser", sagt Schraven.

Auch die einheimischen Eliten sind an den Zuständen nicht unschuldig. Obwohl Afrika reich an Rohstoffen wie Gold, Erdöl oder wertvollen Metallen ist, kommt das Geld wegen Korruption oft nicht bei der Bevölkerung an.

Für Schraven lässt sich die Schuldfrage deswegen nicht beantworten. "Schuld ist nicht quantifizierbar. Es lässt sich nicht sagen: Zu 80 Prozent ist der Westen an den Bedingungen in Afrika schuld, oder die afrikanische Elite", meint der Forscher.

Trotzdem habe der Westen viele Instrumente, wie faireren Handel oder eine gezielte Entwicklungspolitik, um die Lebensbedingungen in Afrika zu verbessern.

Eingedämmte Flüchtlingskrise ist ein Trugbild

Die Flucht vor bewaffneten Konflikten und Kriegen lässt sich aber nur durch deren Beilegung stoppen. Hier hält Schraven Diplomatie und Friedensförderung für sinnvoller als ein militärisches Eingreifen des Westens.

Auch die Flüchtlingscamps müssen bessere Bedingungen für die Bewohner bieten. Neben der unmittelbaren Versorgung der Menschen mit allem Lebensnotwendigen gehören dazu Schulen und Arbeitsplätze.

Denn dass das Flüchtlingsproblem aus deutscher Sicht gerade eingedämmt erscheint, ist ein Trugbild. Schließlich erreicht nur ein Bruchteil aller Flüchtlinge überhaupt Europa.

Dr. Benjamin Schraven ist seit 2011 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Deutschen Institut für Entwicklungspolitik (DIE). Migration ist einer seiner Forschungsschwerpunkte. Schraven hat Politikwissenschaften in Bonn studiert und in der Entwicklungsforschung promoviert.

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