Bildung ist der Schlüssel zur Integration, darin sind sich alle einig. In deutschen Schulen entscheidet sich daher die Zukunft vieler Flüchtlingskinder – und auch die unserer Gesellschaft. Es geht um Querdenken, Vordenken, Mitdenken und Umdenken - eine smarte Revolution des deutschen Bildungsystems als Chance. Ihr Gelingen hängt auch davon ab, ob die Politik die Herausforderung annimmt.

Jahrelang hat sich Deutschland auf sinkende Schülerzahlen eingestellt, nun werden es plötzlich wieder mehr. Die "Ständige Konferenz der Kultusminister" schätzt die Zahl der nach Deutschland geflüchteten Kinder und Jugendlichen auf 325.000 für dieses Jahr.

In Deutschland herrscht Schulpflicht, auch für Flüchtlingskinder. Doch ab wann und bis zu welchem Alter sie gilt, ist in den einzelnen Bundesländern unterschiedlich geregelt. Nur in Berlin und im Saarland müssen Flüchtlingskinder sofort nach der Ankunft eine Schule besuchen, stellte das "Mercator-Institut für Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache" und das "Zentrum für LehrerInnenbildung" der Universität Köln in einer Studie fest. In den anderen Bundesländern vergehen oft viele Monate, bis Flüchtlingskinder Unterricht erhalten.

Bildungspolitik verfolgt gegensätzliche Ziele

Auch wie die Kinder in das deutsche Schulsystem integriert werden, ist unterschiedlich geregelt. Mancherorts werden sie direkt in die Regelklassen geschickt und bekommen zusätzlichen Förderunterricht. In anderen Fällen gibt es spezielle Klassen, die Flüchtlingskindern in ein oder zwei Jahren Deutsch beibringen sollen, um sie auf den normalen Unterricht vorzubereiten. "Es gibt noch keine gesicherten empirischen Erkenntnisse, welches Konzept am besten funktioniert", so Studienautor Michael Becker-Mrotzek vom Mercator-Institut im Interview mit diesem Portal.

Die Tafeln in Deutschland unterstützen derzeit 150.000 Flüchtlinge täglich mit Lebensmitteln – zusätzlich zu den etwa eine Million Bedürftigen. Nur die Dachauer Tafel macht eine Ausnahme. Sie weigert sich. Dafür ist die vom Bayerischen Roten Kreuz (BRK) getragene Einrichtung massiv in die Kritik geraten. Nun will man diese Entscheidung offenbar noch einmal überdenken.

Grundsätzliches Problem sind zwei parallele Bildungsziele. "Auf der einen Seite sollen sie Deutsch lernen, auf der anderen Seite schon integriert werden", erklärt Becker-Mrotzek. "Man muss dabei eine Balance finden." So könnten die Einwandererkinder zum Beispiel Musik-, Sport- und vielleicht auch Englischunterricht gemeinsam mit deutschen Altersgenossen erhalten, in den übrigen Fächern aber gesonderte Klassen besuchen.

Flüchtlingskinder sind besonders lernbegierig

Dabei können auch in Deutschland aufgewachsene Kinder von den neuen Mitschülern profitieren, wenn Sprachen selbst zum Lerngegenstand werden. "Sprachbewusstheit ist eine gute Voraussetzung, um das sprachliche Lernen aller zu fördern", meint Becker-Mrotzek. Dafür dürfe aber der Anteil fremdsprachiger Kinder nicht zu groß sein, sonst fehle das sprachlich anregende Umfeld im Deutschen.

"Nach meinen eigenen Erfahrungen bei Schulbesuchen sind Flüchtlingskinder oft besonders wiss- und lernbegierig", erzählt Marlis Tepe, Vorsitzende der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW). Je älter die Kinder sind, desto größer sind aber auch die Unterschiede. Manche geflüchteten Jugendliche standen in ihren Herkunftsländern schon kurz vor dem Schulabschluss, andere Gleichaltrige können noch nicht lesen und schreiben – eine große Herausforderung für die Lehrer.

Die GEW fordert die Einstellung von 38.000 zusätzlichen Pädagogen, um die Aufgabe meistern zu können, darunter Erzieher, Lehrer, Schulpsychologen und Sozialarbeiter. Doch wo sollen die herkommen?

Pensionierte Lehrer und Ehrenamtliche müssen einspringen

"Es müssen in jedem Bundesland spezifische Lösungen gefunden werden", meint Tepe. In manchen Ländern stünden keine Lehrer auf dem Arbeitsmarkt zur Verfügung. In Frage käme deswegen ein zeitlich begrenzter Einsatz von pensionierten Lehrern, um den Bedarf zu decken. In der Vergangenheit hat dies zum Beispiel den Fachkräftemangel in Latein gemildert.

In den Städten haben die Schulen oft schon Erfahrung mit Einwandererkindern, anders als in den ländlichen Regionen. Dort hängt der Erfolg oft von dem Engagement einzelner Lehrer und Ehrenamtlicher ab.

In vielen Bundesländern gehört auch schon interkulturelle Bildung und Deutsch als Zweitsprache zur Lehrerausbildung, doch auch die älteren Lehrer benötigen jetzt Weiterbildungen, um auf die besonderen Bedürfnisse der Kinder eingehen zu können.

"Viele Lehrer sind verunsichert, aufgrund der anderen Herkunft und der kulturellen Unterschiede", berichtet GEW-Vorsitzende Tepe. Sie schlägt daher einen Crashkurs für die betreffenden Lehrer vor. Darin sollen solche kulturellen Themen oder auch der Umgang mit traumatisierten Kindern zur Sprache kommen.

Vielfalt in den Schulen gehört zum Konzept

Dabei sollte Deutschland schon Erfahrung in solchen Fragen haben. In den 1970er Jahren kamen durch den Familiennachzug der sogenannten "Gastarbeiter" viele Kinder von Einwanderern nach Deutschland, ebenso wie die Flüchtlingskinder in den 1990er Jahren."In dem Augenblick, wo die Zahlen und Probleme abnehmen, lässt auch das Interesse nach", sagt Bildungsexperte Becker-Mrotzek.

Nach seinem Eindruck habe sich die politische Grundhaltung zu dem Thema aber gewandelt. Deutschland habe sich selbst als Einwanderungsland erkannt, auch Inklusion werde angestoßen. In den Schulen sind künftig mehr Teams mit unterschiedlichen Aufgaben erforderlich. Neben Lehrern benötigen Schulen nun auch mehr Psychologen und Sozialarbeiter. Die Heterogenität der Schüler, auch der hier einheimischen, gehört nun zum Selbstverständnis des Schulsystems.

Prof. Dr. Michael Becker-Mrotzek ist Professor für deutsche Sprache und Didaktik an der Universität zu Köln. Seit 2012 ist er auch Direktor des Mercator-Instituts für Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache.
Marlis Tepe ist seit 2013 Vorsitzende der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW). Zuvor war sie Hauptschullehrerin in Schleswig-Holstein tätig.